Der Gott der Hoffnung
Er hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war

Konzentrierter lässt sich das Urbild des Glaubenden kaum ausdrücken wie in dieser Charakterisierung Abrahams durch Paulus in Röm 4,18. Wie christlicher Glaube und christliche Hoffnung untrennbar zusammen- gehören, so gilt für beide, daß sie sich nicht auf das stützen, was sichtbar, greifbar, verfügbar ist oder im realistischen Vorstellungsbereich des Menschen liegt, sondern auf den Schöpfergott, dessen Heilsmacht sie alles zutrauen.
Sie vertrauen auf den Gott, der sein Volk retten wird aus seinen Sünden (Mt 1,21) und ihm verheißt: Siehe, ich mache alles neu! (Offb 21,5) Es gilt damit für beide, dass sie in einer Wirklichkeit an Gottes Heilsverheißung festhalten, die dieser Verheißung elementar widerspricht. Hoffnung zeichnet sich dadurch aus, dass man auf das hofft, das man nicht sieht (Röm 8,24).
Fest im Glauben stehende Hoffnung ist es nur dann, wo die Realität einem das Gegenteil des Erhofften vor Augen führt und dennoch an der Treue des Gottes festgehalten wird, der die Toten lebendig macht und dem Nichtseienden ruft, daß es sei. (Röm 4,17)Wie es ohne Glauben und ohne Hoffnung keine Christen gibt, so auch Glaube und Hoffnung nicht ohne Anfechtung.
Und so mag sich mancher Ökumeniker in der NAK zu Beginn des Jahres 2007 fragen, was er für sich in seiner Kirche noch erhoffen soll, denn der Rückblick zeigt wenig Erfreuliches: Da war vor beinahe einem Jahr mit den Verlautbarungen zur Taufe und zum Heilsverständnis der NAK ein scheinbarer Aufbruch zu neuen ökumenischen Ufern geschehen, der sich nur allzu schnell als eine schillernde Seifenblase erwies. Vorboten der Ernüchterung waren manch kritische Äußerungen des Stammapostels wie in Magdeburg und ein Pfingstfest, das eher von einer Selbstvergewisserung der kirchlichen Macht geprägt schien, als von der Lebendigkeit und Freiheit des Schöpfergeistes (vgl. 2Kor 3,6.17).
Dann war da noch die angekündigte Anerkennung der NAK durch die ACK, die schnellstens wieder dementiert wurde und wem daraufhin noch nicht die Augen geöffnet worden waren, dem gingen sie spätestens in Osnabrück auf und bisweilen auch über. Übrig blieb eine desillusionierte Schar von Ökumenikern und ‚Liberalen‘ in der NAK und der Triumph der Konservativen und Realisten. Ist nun doch die alte Marschroute wieder gültig? Die Akzeptanz der Macht der Unbeweglichkeit? Die Anerkenntnis des "Es-ändert-sich-ja-doch-nichts" ?
Die Kapitulation vor dem Status quo?Derjenige, der nur aus der Rückschau lebt, mag dies bejahen. Für den Christen, der auf den Gott der Verheißung hofft, kann es hingegen nur eine Antwort geben: „Nein!“
Auch die Einwände, das seien doch nur Parolen der Utopisten, mag und kann er nicht gelten lassen, will er seinen Gott ernst nehmen. Denn was wäre das für ein Gott, der zwar allen seinen Geschöpfen eine neue Erde und einen neuen Himmel verheißt, aber nicht imstande ist, die nach seinem Evangelium schreienden Christen in der NAK zu versorgen und eine sich selbst gewisse und verknöcherte Kirche zum Neuaufbruch zu bewegen? Und was wäre das für ein Christ, der seinem Gott zwar die Auferstehung der Toten zutraute, aber nicht die geistliche Erweckung einer Kirche? Beide wären in sich unglaubwürdig und die Zweifel an Gottes gnädigem Handeln eine Bestreitung seiner Gottheit. Das aber sei, wie Paulus bisweilen sagt, ferne.
Die Utopie des Status quo und die Krankheiten der Hoffnung
Dennoch kann man die Argumente der Bedenkenträger nicht unbesehen vom Tisch fegen. Ist es bei allen schönen und vielleicht auch etwas pathetischen, erbaulichen Worten nicht doch so, dass die Annahme des Status quo in der NAK eher die Realität trifft und es ratsamer scheint, aufgrund der bisherigen Erfahrungen lieber doch nicht auf Veränderungen zu hoffen? Gründe hierfür lassen sich unschwer beibringen. So könnte man etwa argumentieren, dass die NAK, gäbe sie die Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes auf, ihr Profil verlieren würde. Radikaler Mitgliederschwund wäre die Folge und davor würde die Kirchenleitung, gleichgültig wie einsichtig sie gegenüber theologischer Argumentation sei, grundsätzlich zurückschrecken.
In dieselbe Richtung zielt das Argument, dass die finanziell tragende Schicht der Kirche zur konservativen Schicht gehöre, mit der es sich die Kirchenleitung keinesfalls wird verderben wollen usw. Der Realismus des Status quo scheint also prinzipiell die überzeugenderen Argumente zu besitzen.
Sind die Ökumeniker und ‚Liberalen‘ also doch hoffnungslose Utopisten, fernab von jeder Realität?Wohl scheint es so. Und doch ist die Hoffnung auf Veränderung kein hoffnungsloser Fall, im Gegenteil. Gegen die Realisten des Status quo argumentiert der ev. Theologe Jürgen Moltmann (Theologie der Hoffnung), dass gerade die Annahme des Status quo, der Unveränderbarkeit der Situation eine Utopie sei, denn sie verleugne die schon rein vernunftmäßig nicht zu bestreitende Möglichkeit der Veränderung einer Situation. Der Realist, der sich mit dem Gegebenen abfindet, wird selbst unter der Hand zum Utopisten, weil er die reale Möglichkeit der Veränderung der Dinge negiert und so einer Anschauung anhängt, die selbst als wirklichkeitsfremd bezeichnet werden muss. Wo als Grund der Hoffnung zudem der Gott Jesu Christi gilt, der nicht nur Schöpfer der gegenwärtigen Welt ist sondern auch deren Neuschöpfung verheißen und in Christi Auferstehung bereits exemplarisch vorweggenommen hat, gerät der Realist des Status quo zwangsläufig in Widerspruch zur Verheißung des Evangeliums. Er stellt Gottes Schöpfermacht und Treue, damit den Grund des Glaubens, der Liebe und freilich der Hoffnung, letztlich gar Gottes Gottheit selbst in Frage.
Dieser Realismus der Status quo lebt aus einer der beiden Sünden wider die Hoffnung, als welche Moltmann im Gefolge des Philosophen Josef Pieper die Vermessenheit (praesumptio) und die Verzweiflung (desperatio) namhaft gemacht hat. Während der Vermessene versucht, „eine unzeitig, eigenwillige Vorwegnahme der Erfüllung des von Gott Erhofften“ zu erzwingen, nimmt der Verzweifelte unzeitig und eigenmächtig die Nichterfüllung des von Gott Erhofften vorweg.
Sowohl Vermessenheit als auch Verzweiflung sind elementare Formen der Sünde und gründen im Zweifel an Gottes Treue und am Ungehorsam gegenüber seiner Verheißung. In der Verzweiflung lehnt sich der Verzweifelte gegen Gott auf und spricht diesem die Fähigkeit und den Willen ab, die Not zu wenden bzw. seine Verheißungen zu erfüllen. Nach Kierkegaard birgt die Sünde der Verzweiflung zwei Momente: Sie ist Schwachheit, die im Ärgernis nicht zu glauben wagt und Trotz, der im Ärgernis nicht glauben will (Die Krankheit zum Tode). In ihr zeigt sich der sündige, in sich selbst verkrümmte Mensch (Luther), der nicht fähig ist, seinen Blick zu Gott zu erheben und von sich selbst abzusehen. Vielmehr hat der Verzweifelte in seiner Verkrümmung nur sich selbst vor Augen. Ihm fehlt jegliche Perspektive. In dieser Perspektivlosigkeit spricht der Verzweifelte Gott den Willen zum Heil ab und entzieht ihm sein Vertrauen. Er rebelliert gegen seinen Schöpfer und verweigert sich dessen Liebe. In seiner Selbstverkrümmung sieht der Verzweifelte nur noch sich selbst in seiner hoffnungslosen Lage und kappt die Beziehungen zu seinem Schöpfer, vielleicht auch zu manchen seiner Mitmenschen.
In seiner elementaren Beziehungslosigkeit wird er im Wortsinne utopisch – ortlos.
Die Hoffnung des Glaubens
Der Glaube hingegen richtet seinen Blick unverwandt auf Gott. Er sieht von sich selbst ab und blickt auf den, der in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist, sich um unserer Sünden willen dahingegeben hat, den Tod am Kreuz auf sich nahm und uns in seiner Auferstehung ein neues Leben im Angesicht Gottes verheißt. Der Glaubende hängt sich geradezu an seinen Gott und wie Luther im Großen Katechismus aufzeigt, macht gerade dies den Gott des Glaubenden aus: „Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Also daß »einen Gott haben« nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß alleine das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Worauf Du nun Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich Dein Gott.“
Indem sich der Glaubende auf seinen Gott verlässt, ver-lässt er sich buchstäblich selbst und macht sich auf den Weg, seinem Gott entgegen. Glaube ist damit keineswegs eine statische Haltung, sondern hat Wegcharakter. Der Glaubende bleibt im Vertrauen auf seinen Gott unterwegs, getrieben von der Liebe und im Horizont der Verheißung, an dem sich die Hoffnung orientiert. Glaube bedeutet Exodus – Auszug. Dabei ist es evident, dass die aktuelle Wirklichkeit dem Erhofften widerspricht, richtet sich doch die Hoffnung auf das, was noch nicht ist (Röm 8,24). Ohne diese Bewährung wäre sie sinnlos. Ohne die Prüfung der Wüstenwanderung sind also Glaube, Liebe und Hoffnung nicht zu denken. Dennoch ist die Hoffnung der Christen „unter lauter Nein gewiss. Denn sie weiß, dass kommen muss und nicht verhindert werden kann, was man hofft. Denn Gott kann niemand hindern“. (Luther zu Röm 4,18) Die Hoffnung macht den Christen „bereit, den Schmerz der Liebe und der Entäußerung in dem Geiste auf sich zu nehmen, der Jesus von den Toten auferweckte und der das Tote lebendig macht“. (Moltmann) Er folgt so Jesu Ruf in die Nachfolge, indem er sich selbst preisgibt, sein Kreuz auf sich nimmt und damit sein Leben findet (Mk 8,34ff par). Die Nachfolge auf dem Weg Jesu verbürgt dem Jünger die in seinem Herrn verheißene Auferstehung und das neue Leben in der Gegenwart Gottes.Dieses im Geschick Jesu Christi fest verbürgte Ziel der Hoffnung muss man sich stets vor Augen halten, denn vor der Auferstehung steht der Kreuzweg und vor dem Mitauferstehen das Mitsterben (2Tim 2,11). Ohne Prüfung und Bewährung gibt es auch hier keinen Sieg. Der Hebräerbrief legt seinen Lesern daher intensiv ans Herz, die Zuversicht von Anfang bis Ende festzuhalten (Hebr 3,14) und sich von der Prüfung der Wüstenwanderung nicht verbittern zu lassen, denn zuletzt werden wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben (Hebr 4,16).
Der Lohn der Hoffnung
Der Lohn der Hoffnung ist damit schon benannt: Im eschatologischen Sinne bedeutet es die Rechtfertigung vor Gottes Angesicht und das neue Leben mit ihm in seiner Herrlichkeit. Dies ist das verheißungsvolle Ziel des Kreuzesweges, aber eben auch nicht ohne den Kreuzweg und ohne die Bewährung im „Nein der Gegenwart“ zu haben (vgl. Mk 8,34ff; Hebr 5,7ff). Doch derjenige, der auf den Gott Jesu Christi hofft, wird nie enttäuscht werden. Das schließt nicht aus, sondern vielmehr ein, dass Gott anders handelt, als wir es uns vorgestellt haben. Wer hätte schon gedacht, dass der in Pracht und Herrlichkeit erwartete Messias in einem ärmlichen Stall zur Welt kommt und die Erlösung am Kreuz erwirkt? Gott handelt zumeist so, wie wir es nicht erwarten, aber er handelt immer zu unserem Heil und das so, dass die dritte Vater unser-Bitte zur Geltung kommt!
Ohne diese Hoffnung auf Gottes Heilshandeln ist Gott nicht Gott und der Christ ein hoffnungsloser Fall. Dass Gott ein Gott der Hoffnung ist, der Wege schafft, wo man bisher keinen Schritt tun konnte und Türen auftut, wo alles undurchdringlich erschien, gilt für alle, die sich ihm anvertrauen: Nicht nur für die Ökumeniker in der NAK, sondern für alle die, die sich in einer ausweglosen Lage befinden. Seien es Arbeitslose, seien es Vereinsamte oder Kranke, die menschlich gesehen auf keine Heilung mehr hoffen können oder gar dem Tod entgegengehen. Gott hat die Macht, für uns endgültige und unabänderbare Zustände zu ändern. Gewiss wird er es nicht immer und zu jeder Zeit und auch nicht stets nach unserem Willen tun. Dennoch gilt für alle die Hoffnung, dass Gott uns aus welcher Situation auch immer zum Heil führt, wenn wir uns nur ihm zuwenden und fest auf ihn vertrauen.
Und so wäre nichts dringender, als dass wir im neuen Jahr beten:
„Herr, gib uns einen Glauben, der nicht wankt, lass uns brennender sein in der Liebe und gib uns eine feste Hoffnung, die nur dir vertraut und nicht nach trügerischen Hilfen Ausschau hält – und so lass uns erfahren, dass Deine Treue und Liebe uns hält!“
Und so wäre auch nichts dringender, als in diesem Jahr mehr Hoffnung zu leben in dem Sinne, wie sie die Weltkirchenkonferenz von Uppsala 1968 zum Ausdruck brachte:
„Im Vertrauen auf Gottes erneuernde Kraft rufen wir euch auf: Beteiligt euch an der Vorwegnahme des Reiches Gottes und lasst heute schon etwas von der Neuschöpfung sichtbar werden, die Christus an seinem Tag vollenden wird.“
So werden wir zu sichtbaren Zeichen lebendiger Hoffnung – innerhalb wie außerhalb der Kirche.
Der HERR segne dich
und behüte dich;
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig;
Der HERR hebe sein Angesicht über dich
und gebe dir Frieden.
Aaronitischer Segen