Die Wüste bestehen

Vom Umgang mit geistlicher Öde

Wüste


Wüste
Hagar
Elija
Wüsten-Erfahrung
Wüsten-Praxis

Es sind große Worte, die man im Jesaja-Buch zu lesen bekommt, Worte, die man mit ungläubigem Staunen liest: Freuen sollen sich Steppe und dürres Land, frohlocken und blühen die Wüste! Wahrlich, wie die Lilien soll sie blühen, ja frohlocken in hellem Jubel. (Jes 35,1 Übers. Hans Wildberger) Die Steppe, die Wüste – man muss nicht durch die Sahara gereist sein, um sich ein ziemlich genaues Bild von der Steppe, der Wüste machen zu können: Ein ödes, eintöniges, totes Land, voller Einsamkeit, lebensbedrohlich, ohne Wasser, geprägt von extremer Hitze und Kälte, dies alles in endloser Weite, ohne einen Orientierungspunkt, ohne Perspektive – die unmittelbare Bestreitung des Lebens, der greifbar gewordene Tod. Das ist die Wüste, die Wüste, die man allerorts und jederzeit erfahren kann, ohne dafür in ferne Länder reisen zu müssen: in der Einsamkeit nach dem Verlust eines geliebten Menschen oder nach dem Zerbrechen einer Beziehung, in der Einsamkeit des Heimatlosen, des Andersdenkenden, der

Anonymität, der Armut, der Lieblosigkeit, der Geistlosigkeit usw. Eine besondere Wüste tut sich heute in der spirituellen Öde unserer Gesellschaft auf, aber auch in der geistlichen Wüste unserer Kirche. Gottesdienste sind Routine geworden, bei den Amtsträgern wie bei den Geschwistern. Die Zeit ist knapp, der Stress im Beruf riesengroß. Daneben die Familie, vielleicht ein Amt oder eine Funktion, vielfältige andere Pflichten usw. Da bleibt kaum noch Zeit zum intensiven Gebet, kaum Zeit, sich für den Gottesdienst vorzubereiten. Gleichgültig ob Amtsträger oder Gemeindemitglied – man hastet in den Gottesdienst und erwartet ein Wort, das einen tröstet, stärkt und aufbaut, damit man wieder seine Straße ziehen kann – doch derjenige, der am Altar steht, ist selbst leer. Und so bleibt es die Predigt und die Gemeinde auch. Hinzu kommt die Wüste der permanent abgedroschenen Phrasen, die beinahe jeder von selbst aufsagen kann: „Liebe Geschwister, wir dürfen uns freuen, ein Gotteskind zu sein ...“, „Liebe Geschwister, wir wollen den Glauben behalten ...“, „Liebe Geschwister, wir wollen wachsam sein...“, „Liebe Geschwister, wir wollen freudig unser Opfer bringen, das bringt Segen ... usw.“ Gewiss, alles nicht falsch. Doch wie man den Glauben bewahrt, wie man wach bleibt, warum man sich tatsächlich freuen kann, ein Christ zu sein usw., das erklärt (fast) niemand. Eine besonders wüste Ödnis ist das permanente und penetrante Selbstlob der Kirche, der permanente Aufruf zur Nachfolge und zum Vertrauen auf Menschen, die man nur ungern an das eigene Sterbebett rufen würde – weil man ihnen schon gar nicht mehr zutraut, Trost und Kraft zu spenden, geschweige denn, mit unters Kreuz zu gehen. Diesem vielerorts zu begegnenden Predigt- und Seelsorgenotstand entspricht ein tiefgreifender Mangel an geistlicher Beschäftigung der Geschwister. Die ‚Vorbereitung’ am Samstagabend geschieht nicht selten vor dem Fernseher. Das Gebet, auch das Familiengebet, rückt zunehmend in den Hintergrund. Jeder geht in der Familie seinen eigenen Weg – und in der Gemeinde irgendwann auch. Eine gottesdienstliche Gemeinschaft im Sinne einer geistlichen Verbundenheit ist oft genug nur noch Illusion. Da ist es kein Wunder, dass das Abendmahl – die emphatischste Form der Gemeinschaft im Gottesdienst, in die der erhöhte Herr mit einbezogen ist – nur noch als Anhängsel an vierzig Minuten Wortbeiträge erscheint, so dass von einer Abendmahlsgemeinschaft oder einer Mahlfeier kaum die Rede sein kann, wie überhaupt die Feierlichkeit in vielen Gemeinden abhanden gekommen zu sein scheint. Der Chor singt jeden Sonntag oder jeden Mittwoch mit aller Konsequenz immer wieder dasselbe; das Desinteresse an der singenden Verkündigung des Evangeliums ist den Sängern meist anzumerken – der Dirigent blickt in gleichgültige Gesichter. Und so bleibt der sonntägliche und mittwöchliche Gottesdienst eine Routineveranstaltung ohne Inhalt, ohne geistige Kraft, ohne Freude, kurzum: ohne Evangelium ... Gewiss, die eben geschilderten Zustände müssen keineswegs für jede Gemeinde zutreffen. Doch gibt es von den Gemeinden, für die mindestens ein Teil des Gesagten zutrifft, bereits jetzt schon allzu viele – und wer stehe, der sehe zu, dass er nicht falle. Deshalb soll im folgenden der Versuch unternommen werden, allen denjenigen, die leer oder mindestens ohne Freude den Gottesdienst verlassen oder sich selbst als Amtsträger leer und kraftlos fühlen, Hinweise an die Hand zu geben, diesen Zustand wenn nicht zu überwinden, so doch mindestens zu mildern. Dabei muss tatsächlich jeder bei sich selbst beginnen, denn die Gemeinde und die Amtsträgerschaft besteht aus einzelnen Gliedern des Leibes Christi, der nur dann wirklich lebt, wenn auch die Glieder leben. Selbstverständlich ist die Gemeinde auch dazu da, einmal ein Mitglied oder mehrere mit ihren Problemen aufzufangen. Doch funktioniert dies eben nur dann, wenn die Gemeinde eine lebendige Gemeinschaft ist – und dazu muss der Einzelne geistlich lebendig sein.

Die Wüste als Ort der Bewährung  

Wer momentan in solch einer geistlichen Wüste lebt, muss zuerst zweierlei erkennen: Zum einen, dass es mit Davonlaufen nicht unbedingt getan ist, denn die Wüste kann auch andernorts lauern und hat ihren tiefsten Grund in der eigenen geistigen Öde. Bisweilen ist es ohnehin nicht möglich. Zum andern ist zu erkennen, dass die Wüste ein Janusgesicht hat. In ihr konzentriert sich Beides, „einerseits das Bedrohliche und Lebensfeindliche der Wüste und andererseits die Faszination dieser Landschaft, das Erlebnis ihrer Weite und ihres Schweigens, das Einem hilft, sich der Wahrheit des eigenen Lebens zu stellen“. (Gisbert Greshake)   Die Einsamkeit und die radikale Reduktion der Wüstensituation ist eine Konzenteration auf das Letzte der menschlichen Existenz – sei es in der Sahara oder in der spirituellen Wüste. In diesen letzten Situationen der Existenz ist der Mensch ganz auf sich zurückgeworfen. Doch bietet gerade diese radikale Einsamkeit in ihrem Paradox den einzigen und alles entscheidenden Ausweg aus der Begrenztheit menschlichen Lebens: die Begegnung mit Gott. Nimmt man die Bibel zur Hand, begegnet einem die Wüste auf vielen Seiten. Die Väter des Alten Testaments, die (Halb)Nomaden waren, kannten sie ohnehin. Ein besonderes Gewicht erhält die Wüste im Pentateuch durch den Exodus des Volkes Israel aus Ägypten und die anschließende Wüstenwande-  rung, die den Theologen des Deuteronomiums (5. Buch Mose) als Prüfungszeit galt: Und gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese vierzig Jahre in der Wüste, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit kund würde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. Er demütigte dich und ließ dich hungern und speiste dich mit Manna, das du und deine Väter nie gekannt hatten, auf dass er dir kund täte, dass der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn geht. (Dt 8,2f)  In der Wüste steht der Mensch vor Gott radikal auf der Probe. Entweder er verlässt sich selbst auf seinen Gott hin oder er droht, im Vertrauen auf die eigene Kraft zugrunde zu gehen. Die Wüste lässt keinen Raum mehr zur Ausflucht, unweigerlich fallen die Masken und es ist bezeichnend, dass das Schriftwort auf das verweist, was aus dem Mund des Herrn geht: Das Wort Gottes ist es, das Leben schafft – darauf gilt es sich zu verlassen. Und dieses Ver-lassen ist ernst zu nehmen, ernst zu nehmen als ein Weg, der von sich selbst weg auf Gott hin führt. Ein Weg, der keineswegs bequem ist, sondern durchaus Kampf und Anstrengung erfordert. Das bringt Jesus Christus unmissverständlich selbst zum Ausdruck: Wenn mir jemand hinter mir her nachfolgen will, der gebe sich selbst preis und trage sein Kreuz und folge mir nach. (Mk 8,34) Die möglichst wörtliche Übersetzung stellt heraus, dass alle Christen Nachfolger Jesu sind, nicht nur die Jünger und alle den Weg Jesu zu gehen haben, die sich nach seinem Namen nennen. Der Ruf in die Nachfolge verlangt die Preisgabe des eigenen Lebens, indem der Christ lernt, sich nicht auf sich selbst, sondern auf Gott zu verlassen. Wer diesen Weg beginnt, der braucht sein Kreuz nicht suchen, es stellt sich von selbst ein, wie Luther einmal treffend sagte. Gerade dann aber kommt es darauf an, den Glauben an Gott in der Wüste des Kreuzes durchzuhalten um zu erfahren, dass einen Gott auch dann trägt und hält, wenn er abwesend scheint.

Dass dies für jeden einzelnen Christen wie für die Kirche ein langer und keineswegs ungefährlicher Weg ist, hat schon der Schreiber des Hebräerbriefes gesehen, der im dritten Kapitel (Hebr 3,12ff, bes. 16ff) seiner Gemeinde die Wüstenwanderung des Volkes Israel als mahnendes Beispiel vor Augen hält. 
Er schreibt seiner Gemeinde ins Stammbuch, dass wir hier Gäste und Fremdlinge sind (Hebr 11,13), die zu Christus, der draußen vor dem Tor gelitten hat, hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebr 13,12ff) 
So ist jeder von uns „täglich zu einem Exodus gerufen, wie nach 1. Mose 12 Abraham zuerst aus seines Vaters Hause in das unbekannte Land ziehen musste. Wer nicht mitziehen will, verliert den Anschluss an das wandernde Gottesvolk, selbst wenn er in Tempeln sitzen bleibt. Der dauernde Exodus ist die Kehrseite christlicher Freiheit. Frei ist nur, wer das Alte aufzugeben vermag um Gottes Willen heute und morgen zu begegnen. Dabei geht es wohl stets in die Wüste. Es gibt das verheißene Land nicht ohne Wüstenzug.“ (Ernst Käsemann) Dass und wie Gott sein Volk und jeden einzelnen auf seinem persönlichen Wüstenzug begleitet, das soll an zwei Beispielen aus der Bibel knapp illustriert werden.  

Wüste


Hagar

In der Hagar-Erzählung lässt sich die Wüste gleich mehrfach erkennen: So kommt die ‚reale’ Wüste Negev vor wie auch die Wüste des schier endlosen Wartens auf Gottes Handeln und die Wüste der durch eigenmächtiges Handeln verpfuschten Existenz. Dabei lohnt es sich, die allseits bekannte Geschichte genau zu lesen, zeigt doch die Lektüre, dass der in späteren Zeiten als Vorbild des Glaubens dargestellte Erzvater durchaus auch ein Zweifler war. Abraham und Sarai haben von Gott eine Verheißung, eine Verheißung, die ihnen mittlerweile unmöglich erscheint. Deshalb helfen sie nach, vielmehr: Sarai hilft nach, um ihre soziale Stellung als kinderlose Frau aufzubessern. Dahinter verbirgt sich wohl nichts weniger als ein Vertrauensbruch gegenüber Gott, mindestens aber Kleinglaube. Die Folgen sind unausweichlich, als wenn ein Rädchen im Getriebe bricht, geraten die Dinge aus der Bahn: Hagar fühlt sich als das, was sie ist, als werdende Mutter und Sarai hält das neue Selbstvertrauen der Leibmagd nicht aus. Abraham gibt sie wieder unter die Herrschaft seiner Frau, die ihre Leibmagd demütigen will, worauf zuletzt Hagar in die Wüste flieht. Doch ist Gott auch da, wo eigentlich niemand ist – in der Wüste – und er hört, ohne dass Hagar etwas zu ihm gesagt hätte. Der Bote des Herrn tritt ihr entgegen und schickt sie zurück, jedoch nicht, ohne ihr einen Sohn zu verheißen, den sie Ismael – „Gott erhört“ nennen soll. Er wird allerdings ein Leben wie ein Wildesel führen, frei und ungebunden der seine Hand gegen jedermann erhebt und seinen Brüdern zum Trotz lebt. Der stolze Beduine. Nach dieser Exposition kennt die Geschichte bereits zwei Verheißungen – die Situation wird nicht einfacher. Hagar hat Gott als den Sehenden erkannt und nennt daraufhin Jahwe den Gott, der mich sieht. Gehorsam kehrt Hagar zurück. Ismael wird geboren und wächst in der Familie auf. Doch dann erfüllt Gott seine erste Verheißung. Sarai wird ebenfalls schwanger und gebiert Isaak. Beim Fest zu seiner Entwöhnung fällt Sarais Blick auf Ismael. Sie bedenkt die Zukunft, erkennt in ihm den Konkurrenten – den sie wohlgemerkt selbst in die Welt gesetzt hat – und kommt zum Schluss: Ismael muss weg. So lässt sie Hagar mit Ismael in die Wüste treiben, was nichts weniger als ein klares Todesurteil bedeutet. Der Wasserschlauch, den ihr Abraham mitgibt, grenzt an Zynismus, der das grauenvolle Verdursten nur noch etwas hinausschiebt. Konkret gesagt betreibt Sarai einen Mordanschlag, um den potentiellen Rivalen ihres Sohnes aus dem Weg zu schaffen und Abraham sagt gegen seinen Willen zu allem ‚Ja und Amen’ . Aber es ist nicht nur an dem, dass der Patriarch „zwischen diesen beiden starkknochigen Frauen eine etwas unglückliche Rolle spielt“. (Hermann Gunkel) Auch Gott spricht dazu ‚Ja und Amen`, was man zuerst nicht begreifen will. Doch er hält die Fäden zusammen und ist an Hagars Seite, still und unerkannt.

Gott sieht Hagar auch diesmal in der Wüste und als es mit ihr und Ismael in der Negev zu Ende geht, ruft er sie wiederum an. Von einem Gebet der Hagar ist nichts berichtet, nur von ihrem Weinen. Doch Gott hört und sieht auch ohne, dass man ihn anruft und bestätigt so den Namen des Kindes „Ismael“ – „Gott erhört“. Gott öffnet Hagar die Augen, dass sie den Brunnen sieht, der ihr und ihrem Sohn zur Rettung diente. Damit war das Happy End noch nicht da, doch berichtet die Schrift davon, dass sich Gottes zweite Verheißung auch erfüllte: Ismael wurde Stammvater eines großen Volkes.

Blickt man zurück, so spannt sich ein großer Bogen von Gen 16 bis zu Gen 21. Seine Spannung erhält dieser Bogen durch den Gegensatz wie das seltsame Ineinanderwirken vom Kleinglauben der Menschen und der Treue Gottes. Sarai handelt nur allzumenschlich. Sie hat das Vertrauen in Gottes Zusage längst verloren und will selbst eingreifen nach dem Motto: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Aber Gott geht andere Wege, er geht seine Wege. Obgleich Sarai mit Ismael ein lebendiges Misstrauensvotum gegen Gottes Treue und Schöpfermacht in die Welt setzt, geht Gott seinerseits souverän damit um, ohne seine ursprüngliche Zusage gegenüber der Rebellin und ihrem doch recht glaubensschwachen Mann zurückzuziehen.

Hagar hat von allen drei Beteiligten die ungünstigste Position. Ebenfalls ganz menschlich ist sie in Gen 16 die stolze, selbstbewusste Frau, in Gen 21 jedoch nur noch hilfloses Opfer. Und doch lässt Gott gerade die hilflose Hagar nicht im Stich, obgleich ihr Weg in die Wüste geht und ihr der Tod direkt vor Augen steht. Gott lässt es bis aufs Letzte ankommen und greift erst ein, als alle Hoffnung aus menschlicher Sicht längst verloren ist. Doch eigenartig: Ist das nicht dieselbe Situation, die bereits bei Abraham und Sara geherrscht hatte, doch nun ins Radikale gewendet? Hagar hat keine Möglichkeit, selbst einzugreifen. Sie ist in der Einsamkeit der Wüste ganz ihrer Hilflosigkeit überlassen. Gerade deshalb hilft ihr Gott, der seine Verheißung nicht fallen und wanken lässt. Gerade am letzten Ende greift er ein, trotz aller Schuld, die auch Hagar hat. Sie ist einer der Archetypen der radikal Hilflosen, die doch die Hilfe Gottes empfangen. Gott ist „das Wunder in den Wüsten, das Ausgewanderten geschieht.“ (Rainer Maria Rilke, Stundenbuch)   Er wird sich in Jesus Christus am Kreuz selbst zum radikal Hilflosen machen und er wird an diesem radikal Hilflosen seine Auferstehungsmacht zeigen, auf dass allen klar werde, dass nur Er es ist, der Leben gibt und schafft. Er ist der Schöpfer, der die Toten lebendig macht und dem Nichtseienden ruft, dass es sei (Röm 4,17).

Verfahrene Situation

Überblickt man noch einmal die Geschichte, so ist die Situation eigenartig verfahren. Schuld haben letztlich alle drei: Sarai und Abraham wegen ihres Kleinglaubens, Hagar wegen ihres als Leibmagd  (in diesem historischem Kontext) unverträglichen Selbstbewusstseins.  Das ‚Wie und Warum’ der Schuld bzw. ihre Anteile lassen sich aber, wie das oft so ist, nicht mehr auflösen. Fakt ist nur die vollkommen verfahrene Situation. Doch gerade in dieser verfahrenen Situation gewährt Gott neues Leben und auch das ‚Ergebnis’ der verfahrenen Situation überlässt Gott nicht einfach dem Verderben, obgleich Ismael aus menschlicher Sicht ‚ursprünglich nicht vorgesehen war’. Vielmehr integriert Gott alle Beteiligten souverän in seine Planung und Leitung.

Diese Geschichte vom Kleinglauben und absoluter Ausweglosigkeit der Menschen und der Treue Gottes zeigt, dass es Gott ein Kleines ist, die für uns chaotisch und unentwirrbar scheinenden Fäden am Ende zusammenzuführen. Das ist er sich in seiner Liebe und Schöpfertreue schuldig.
Und so ist er in Treue mit denen, die aufgrund fremder und eigener Schuld, in der Wüste der Ausweglosigkeit enden und gewährt ihnen einen Neuanfang – allerdings zumeist erst dann, wenn der Mensch eingesehen hat, dass er mit seiner Weisheit am Ende ist. Weise ist darum der, der mit dem Blinden Bartimäus „Herr, erbarme dich meiner“ ruft und bittet „Mein Herr, lass mich sehend werden“.  (Mk 10,46ff)  

Wüste

 

 Elija

Eine zweite Wüstengeschichte ist die Geschichte des Gottesstreiters von bedingungslosem Einsatz, seinem Erfolg, seinem Scheitern, seiner Verzweiflung und von seinem neuen Auftrag durch Gott. In diese Geschichte erkennt man „den Mann der heiligen Unruhe, zwischen Botschaftserfüllung und der an der Welt verzweifelnden Suche nach seinem Gott“. (Martin Buber) Elija aus der Ostjordansteppe ist ein Solitär von geradezu außermenschlicher Größe, der streitbare und unbeugsame Nomade, der stets unterwegs ist für seinen Gott. „Alles, was von ihm erzählt wird, ist mit Gehen, mit Wanderschaft verknüpft.“ 
(M. Buber)

Im Israel seiner Zeit wird zwar Jahwe – der Gott Israels – noch verehrt, doch scheint dem Volk nach und nach der Glaube an seinen Gott abhanden gekommen zu sein. „Die Altäre rauchten, die Gebete wurden gesprochen und die religiöse Sprache und Begrifflichkeit, in der man sich Jahwes Offenbarung und seine Taten vergegenwärtigte, hatten sich vielleicht gar nicht tiefgreifend verändert. Aber war das überhaupt noch Jahwe, den man verehrte? Meinte man nicht vielmehr Baal mit seinen naturhaften Segnungen, auf den man nur den Namen Jahwes übertragen hatte? Oder war es etwas unbestimmbares Drittes zwischen Jahwe und Baal?“ (Gerhard von Rad) Sicher ist, dass Isebel, die Prinzessin aus Tyrus ihre eigene Religion mitbrachte und einführte, so dass schließlich der Hof dem Baal huldigte und der Rest der vielleicht echten Jahwe-Verehrung auf dem Land vollends in die Defensive geriet.

In dieser Situation trat Elija auf und zwang das Volk und den Hof vor die Frage, wer denn nun Gott sei: Jahwe oder Baal? Das radikale Entweder-Oder war dem Volk offenbar ungeläufig. Auf die bissige Frage, wie lange es noch auf zwei Zweigen hüpfen wolle („Das von Ursprünglichkeit strahlende Bild meint den Vogel, der auf dem Ast vorantrippelt, bis wo der sich zu zwei Zweigen gabelt, nun aber den einen Fuss auf den einen, den anderen auf den anderen setzt und so meint, weiterkommen zu können.“ [Buber]), antwortete ihm das Volk nichts. Es hatte wohl keine Schwierigkeiten damit, zwei Herren zu dienen und vermutlich war Elija der erste, der im Namen Gottes zu einer Entscheidung zwang.

Es ist genug

Die Krisis (Entscheidung) des Glaubens ereignete sich bekanntlich auf dem Karmel und es ist bezeichnend, wie „dem aussichtlosen Versuch, durch Leistung die Aufmerksamkeit der Gottheit zu erregen, die Gelassenheit Elias gegenübersteht, die neben dem rasenden Bemühen der Baalspriester geradezu als Passivität erscheint“. (von Rad) So viel Vertrauen hatte der Prophet zu seinem Gott. Und siehe da: Jahwe, der Gott Israels bekannte sich in triumphaler Weise zu seinem Propheten, so dass der Leser mit Verwunderung auf den kurz darauf ob der Morddrohung Isebels in die Wüste geflüchteten Propheten blickt. Hatte doch Jahwe eben seine ganze Macht bewiesen! Doch, der Prophet ist so verzweifelt, dass er sein Leben satt hat und das berühmte   „Es ist genug“ spricht. Um ihn zu verstehen wird man das am Ende der Geschichte verkündete Strafgericht voraushören müssen, das bezeugt, dass das Volk trotz des wunderbaren Selbsterweises seines Gottes doch wieder in die alte Unentschlossenheit zurückgefallen war. Der Prophet sieht den Jahwe-Glauben am Ende und sich selbst unfähig, das Volk zu bekehren.

Indes – Gott sieht weiter und befiehlt seinem Knecht, zum Gottesberg zu wandern. Vierzig Tage und Nächte, entsprechend den vierzig Jahren des Wüstenzuges, geht er den Weg durch die Wüste gleichsam zurück zum Berg der Offenbarung (Buber) um die Offenbarung zu erhalten, dass es mit Gottes Volk doch nicht ganz und gar aus sei. In einer Höhle auf dem Horeb ruft Gott Elija an, worauf ihm der Prophet die aus seiner Sicht ausweglose Lage schildert. Doch Gott geht gar nicht auf die Klage ein, sondern fordert Elija auf, heraus und vor ihn hin zu treten. Nach Sturm, Erdbeben und Feuer erscheint der Herr selbst, in der „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Buber) bzw. der „Stimme eines feinen Schweigens“ (von Rad) – Gott erscheint im Wort, auch im Schweigen. Gott ist hörbar anwesend.

Über die Erscheinungen ist viel gerätselt und mancherlei Symbolik bemüht worden. Bisweilen wird auch versucht, im Schweigen Jahwes bzw. dem „sanften Säuseln“ (Luther) eine Kritik Gottes am von Elija veranlassten Tod der Baalspriester zu sehen. Diese moderne Sicht der Dinge hat im Text jedoch keinen Anhalt, denn auch das deutlich nach Elija entstandene Deuteronomium (5. Buch Mose) kennt für jede Form des Abfalls von Jawhe nur die Todesstrafe (Dt 13,7-12) und der von Gott Elija erteilte Auftrag, Hasaël und Jehu zu Königen zu salben, ist nicht weniger martialisch. Beide werden das Strafgericht über Israel bringen, von dem dann nur ein verschwindender Rest übrig bleiben wird.

Gott spricht zuerst im Schweigen, um dem Propheten einen neuen Auftrag zu geben, dessen Ziel er allerdings nicht mehr erleben wird. Ähnlich wird es stark zweihundertfünfzig Jahre später seinem Prophetenkollegen Jeremia ergehen. Gott sieht weiter, weiter als der Mensch und auch weiter als diejenigen, die ihm nahe stehen. Die für Elija sinnlos gewordene Wüstenexistenz hat Sinn in den Augen Gottes, einen Sinn, den der Prophet selbst jedoch weder erkennen noch wirklich verstehen kann. Er kann ihn nur im Vertrauen auf das Wort Jahwes anerkennen und so sein sinnloses Dasein, sein Kampf gegen die Windmühlenflügel des Unglaubens und der Gleichgültigkeit, als dennoch sinnvoll, weil aus Gottes Hand, bejahen. Gott ist es, der aus dem scheinbar fragmentarischen und fehlgeschlagenen Werk seines Propheten über Jahrhunderte hinweg ein Ganzes schaffen wird. Daraufhin leben kann Elija nur im festen Glauben auf Gottes Schöpfertreue. Gottes Verheißungen lassen sich eben nicht im vorhinein bewahrheiten.

Verzweiflung

Ähnlich dem Propheten meint vielleicht so mancher, sein Tun und Arbeiten für Gott in der Kirche, vielleicht im Familienkreis oder wo auch sonst, sei wirkungslos, stoße auf Unverständnis und Desinteresse oder verende an den Mauern der Gleichgültigkeit und dogmatischer Sturheit der Tradition. 
Und so mancher sieht sich auch unter dem Wacholder sitzen und hat genug. 
Das ist verständlich, auch ein Gott so naher Mensch wie Elija kannte offenbar die Verzweiflung einer scheinbar sinnlosen Existenz. 

Spezieller Auftrag

Und doch, wer auf Gott hört, erlebt seine Nähe und empfängt auch den ihm speziell zugewiesenen Auftrag.
So gilt für alle Christen, dass sie Salz sein sollen, dass sie das Licht der Welt sind und ihrem Herrn nachfolgen sollen, dort, wo sie gerade stehen – auch in der Wüste der Spiritualität oder der abgedroschenen Phrasen einer nur noch äußerlichen Glaubenstradition. Auch da ist Gott, wie die Elija-Geschichte in aller Deutlichkeit vor Augen führt. Dies sagt auch uns Christen, dass das Christentum nicht an einen besonderen Ort oder an eine besondere Konfession gebunden ist. Es muss überall vorgelebt werden, so, wie es der Nazarener tat: in Galiläa, in Judaä, in Dekapolis, Samaria, auf der Strasse, in Synagogen und im Tempel – und zuletzt vor der Stadt am Galgen. Denn auch überall dort ist Gott und wartet darauf, dass wir ihn verkündigen und dass wir das Ergebnis der Verkündigung nicht nach unseren Maßstäben messen, sondern das Urteil ihm überlassen. 
Gott sieht weiter – bis zum Ende.

 

 Wüste

 

Wüsten-Erfahrung

Und doch ist das Aushalten der Wüste, wie die beiden Beispiele eindrücklich zeigen, keineswegs einfach und noch viel schwieriger ist es, diese Wüstenexistenz fruchtbar zu machen. Das geht freilich nur mit Gottes Hilfe, aber eben auch nicht ohne unsere Mitwirkung. Einen Leitfaden gibt uns Martin Luther an die Hand, der an alle (!) Christen schreibt: „Darüber hinaus will ich dir anzeigen eine rechte Weise in der Theologie zu studieren. [...] Und zwar ist es die Weise, die der heilige König David im 119. Psalm lehrt (und ohne Zweifel auch alle Patriarchen und Propheten gehalten haben). Darin wirst du drei Regeln finden, durch den ganzen Psalm reichlich vorgestellt. Und heißen so: Oratio, Meditatio, Tentatio.“ – Gebet, Besinnung auf die Schrift, Anfechtung.

Anders als Luther beginnen wir von hinten, bei der Anfechtung. „Denn allein die Anfechtung lehrt aufs Wort merken“, übersetzte Luther gegen den hebräischen Text Jes 28,19, fasste damit aber eine zentrale Erkenntnis in Worte. Wer ohne Anfechtung die Schrift liest, versteht sie nicht und redet von Gottes Wort wie der Blinde von der Farbe. Allein die Anfechtung, die Bestreitung der menschlichen Existenz von Hölle, Tod und Teufel treibt den Christen in die Bibel und ins Gebet. In der Anfechtung, zumal der radikalen, verliert der Mensch den eigenen Grund, auf dem er steht und wird so frei für die Begegnung mit Gott. Er baut nicht mehr auf seinen eigenen Arm sondern lernt, dass seine eigentliche Stärke darin liegt, sein Leben in die Hand des Schöpfergottes zu legen. Indem der Mensch Gott als den anerkennt, der ihm sein Leben nicht nur geschenkt hat, sondern es auch in gnadenvollen Händen hält, anerkennt er ihn als den Herrn und Heiland seines Lebens und erfüllt so das erste Gebot.

So treibt die Anfechtung den Christen im besten Falle heraus aus seinem zusammengezimmerten Leben und stellt ihn auf den Weg, der zu Gott hin führt. Im Glauben lernt der Christ, sich auf Gott zu verlassen, näherhin sich auf Gott hin selbst zu ver-lassen. Glaube ist also kein statisches Ruhen, sondern eine Bewegung. „Diesen Sachverhalt kann der Ausdruck „sich verlassen auf“ scharf profilieren, wenn man ihn einmal buchstäblich nimmt als die Wegkehr von sich selbst und Hinkehr zu einem andern“, zu Gott hin. (Gerhard Ebeling) Diese Wegkehr von sich selbst und Hinkehr zu Gott, die durchaus ein Weg durch die Wüste aufgegebener Hoffnungen und Wünsche sein kann, ist die Voraussetzung dafür, Gott als den Mächtigen, den Treuen, den Schöpfergott zu erfahren. Die Erfahrung Gottes, sei es im plötzlich aufgefundenen Brunnen, sei es in der Stille verschwebenden Schweigens oder in welcher individueller Form auch immer, setzt den Weg durch die Wüste voraus und sie gibt damit der Wüstenwanderung erst ihren eigentlichen Sinn. Insofern ist die Wüste nicht nur bedrohlich, sondern auch fruchtbar. Auch in der geistigen Erfahrung hat sie ein Janusgesicht.

Gott erfahren

Nun geschieht die Erfahrung Gottes freilich ganz individuell, je nachdem, was Gott dem einzelnen bereitet hat. Eine Grunderfahrung Gottes jedoch ereignet sich im Zuspruch seines Wortes, das Schöpferwort ist. Allerdings scheint man Gottes Schöpferwort oftmals wenig zuzutrauen, auch wenn in vielen Predigten über es geredet wird. Doch hat man die Sache noch lange nicht, wenn man nur über sie redet. Und so will Gottes Wort gelebt sein, denn das Wort Gottes ist nicht nur ein Lesewort, sondern ein Lebewort, das in der Anfechtung, im täglichen Leben angewandt und eingesetzt werden will. Nur so entfaltet es seine Schöpferkraft und nur so wird sie auch erfahren. Die Anfechtung also „lehrt dich nicht allein wissen und verstehen, sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit.“ (Luther) „Deshalb macht der Mensch die Erfahrung des Wortes Gottes, indem er es erleidet. Solche Erfahrung aber braucht Zeit; sie stellt sich erst auf einem Weg ein, der erprobt, aus-geschritten, eben: er-fahren sein will.“ (Oswald Bayer) Auch diese Erfahrung hat Wegcharakter und die Anfechtung der Anstoß, den Weg zu Gott unter die Füße zu nehmen.

Mit Gott Tacheles reden 
(Tacheles reden  stammt aus dem hebr. tachlît = Ziel, Zweck und heißt so viel wie direkt die unverblümte Wahrheit sagen)

Doch erfährt das keiner, der nicht weiß, was in der Bibel steht. Und das trifft nicht nur die Amtsträger, Geschwister und Mitchristen, deren Bibel sich bis heute ihren tadellosen Goldschnitt bewahrt hat, weil anderes viel unterhaltsamer ist. „Wir haben [alle] ganze Seiten im Alten und Neuen Testament nicht genügend vor Augen. Unser Gebet ist oftmals viel zu blass und auch viel zu lebensfern geworden.“ (Karl Kardinal Lehmann)  Die wohltemperierte Bürgerlichkeit auf neuapostolischen Altären – und nicht nur dort – hat wenig mit der Leidenschaftlichkeit der Gottsuche im AT wie im NT, den Klagen der Psalmisten und der Propheten gemeinsam, die bis ins Mark gehen. Wer hätte wohl schon wie Jeremia seinem Gott entgegengeschleudert  Herr, du hast mich betrogen!? (Jer 20,7) Dasselbe gilt freilich auch für den überbordenden Jubel so mancher Psalmen, gegenüber denen mancher Dank nur ein mattes säuseln ist.

Anfechtung, Schriftbesinnung und Gebet gehören untrennbar zusammen. Und so ist es entscheidend, sich die vielen Seiten des AT und NT immer wieder vor Augen zu führen. Dabei ist es freilich nicht getan, wenn man ein Kapitel nach dem anderen herunterliest und da möglichst einmal schnell in der Woche, dass man’s hinter sich hat. Wer so liest, empfängt nichts. Luther fasst es zusammen: „Zum andern sollst du meditieren, das ist: nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und im Buch geschriebenen Worte immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen, mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der heilige Geist damit meint. Und hüte dich, dass du nicht überdrüssig werdest oder denkest, du habest es ein Mal oder zwei genug gelesen, gehört und gesagt und verstehest es alles bis auf den Grund. Denn daraus wird nimmermehr ein guter Theologe, solche sind wie das unzeitige Obst, das abfällt, ehe es halb reif wird.“

Das Gebet - Austausch mit Gott

Für Luther war nicht nur das Bewegen der Worte im Herzen, sondern das damals übliche laute Lesen von Bedeutung, womit wir schon beinahe beim dritten Punkt, dem Gebet angelangt sind. In ganz neuzeitlichem Verständnis wird man aber wohl auch sagen können, dass im lauten Reden über das Wort auch das Unterreden mit anderen, der Austausch über Gottes Wort von entscheidender Bedeutung ist, stellt sich doch im Miteinander oftmals ein Mehr an Verständnis ein, das bereits beginnt, wenn man das eigene Verständnis eines Bibelwortes für den anderen formulieren muss. So ist die permanente, regelmäßige Bibellektüre und das immer wieder sich Auseinandersetzen mit einem bestimmten Kapitel, Psalm, Evangelium oder Brief eine geradezu entscheidende Übung, die Wüste zu bestehen. Nur die stetige Auseinandersetzung mit Gottes Wort erschließt uns seine Kraft. Besser als viel auf einmal zu lesen, ist, sich in regelmäßigen Abständen einen bestimmten Abschnitt vorzunehmen und ihn immer wieder durchzugehen. Vorher und nachher ein Gebet zu sprechen, sollte auch nicht vergessen werden. Beides gehört unmittelbar zusammen.

So empfiehlt Luther freilich nicht nur, nach Mt 6,6 in sei Kämmerlein zu gehen und um das rechte Verständnis zu bitten, um sich selbst vom Wort auslegen zu lassen (nicht umgekehrt), sondern er hat auch das laute Beten im Blick, das oben bereits angeklungen war. Man sollte den Blick dafür nicht verlieren, dass Luther eigentlich Augustinermönch war und das tägliche, laute Psalmgebet in der Gemeinschaft der Mönche als selbstverständlich kannte und auch in der Reformation nicht abgeschafft hatte. Vorgesehen war das tägliche Morgenlob mit Schriftlesung, ein freiwilliges Mittagsgebet und das Nachtgebet, die aus klassischer Psalmodie bestanden (lauten Beten verschiedener Psalmen in einer Art Sprechgesang, dazu Hymnen, Leider usw.). Allerdings wurde diese Übung nach und nach vergessen. In der katholischen Kirche wie den Klöstern besteht sie noch heute. Währenddem sich die Evangelischen Kirchen in Teilen wieder auf Morgenlob und Nachtgebet besinnen, hat der Originalitätszwang, unter dem die NAK bis heute steht, das Psalmgebet relativ schnell abgeschafft und noch heute ist es verpönt, Gebetsformulare zu benutzen. Dass die sogenannten freien Gebet meist genauso formelhaft ablaufen, wird zumeist verdrängt.

Übersehen wird auch, dass das Gebet der Psalmen, des Schema Jisrael oder des Achtzehnbittengebets für den Juden Jesus eine ganz alltägliche Angelegenhit war. Ganz prägnant zeigt dies die Sterbestunde Jesu, in welcher Jesus nach dem Zeugnis der synoptischen Evangelien Psalmen gebetet hat – ob nur einzelne Verse oder gar den ganzen Psalm 22 ist nicht mehr auszumachen, letztlich aber auch unerheblich. Wir lernen daraus, dass für Jesus das Wort der heiligen Schrift bzw. des AT keineswegs altes, totes Wort, sondern immer noch lebendiges Wort war, das zur Anrufung Gottes geradezu prädestiniert ist. In den Schriften und Gebeten des AT wie des NT sind Erfahrungen von geistiger Tiefe enthalten, an die unsere eigene geistige Erfahrung oft nicht heranreicht. Warum dann aber den Schatz ungenutzt sein lassen? Manches Psalmwort trifft die eigene Situation besser, als man es selbst formulieren könnte und man erhält in diesem Beten zugleich eine Auslegung der eigenen Existenz im Wort der Schrift. Dabei kann es so weit kommen, dass einen das Bibelwort selbst zu tragen und man die schöpferische Kraft des Wortes Gottes zu erfahren beginnt.

Nun soll freilich nicht das Psalmgebet gegen das freie Gebet ausgespielt werden. Beides ist notwendig und gegenseitig befruchtend. Doch führt uns gerade das Sterbegebet Jesu einen wichtigen Aspekt vor Augen: Man kann durchaus in Situation kommen, wo die Kraft zum Finden eigener Worte für ein persönliches, freies Gebet bereits fehlt. Gerade dann erfährt man Trost und Halt an einem vorformulierten Gebet, in das man sich nur noch einlassen muss und das einen selbst mit seiner schreienden Not vor Gottes Angesicht trägt. Und genauso wie man beim wiederholten Besinnen der Elijageschichte oder des Markusevangeliums auf den Weg des Propheten bzw. des Gottessohnes mitgenommen und damit in die Gotteserfahrung hineingenommen wird, erfährt man in solchen radikalen Anfechtungen im Beten etwa des Ps 22 schon die schöpferische Kraft, die Gottes Wort auch noch über die Jahrtausende einwohnt, weil es Wesen von seinem Wesen ist.

Wüste

Wüsten-Praxis

Versucht man die bisher eher theoretisch ausgebreiteten Erkenntnisse in Empfehlungen für die Praxis zu gießen, so sind noch einmal die Worte Luthers ins Gedächtnis zu rufen, dass man die Wort der Bibel „immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen [soll], mit fleißigem Aufmerken und Nachdenken, was der heilige Geist damit meint“. Entscheidend ist hierfür die Regelmäßigkeit der Übung und am meisten empfiehlt sich für den Wüstenpilger eine tägliche Andacht, für die man sich auch einen angemessenen Zeitraum im Tagesablauf einplanen sollte. Dabei sollte die Zeit so bemessen sein, dass die Andacht nicht mit dem Blick auf die Uhr ‚durchgezogen’ werden muss, sondern genügend Zeit ist, um im Gebet zur Ruhe zu kommen und die Seele zu Gott hin zu öffnen.

Nun wird mancher die Erfahrung bestätigen, dass die Ruhe allein wenig ausrichtet und ‚äußere’ Ruhe noch lange nicht konzentrierte bzw. ‚innere’ Ruhe bedeutet. Oftmals schwirren zu viele Gedanken durch den Kopf und machen die Konzentration auf Gott hin schwer. Das gilt insbesondere auch für das freie Gebet. Die vertrauten Gebetsworte zu sprechen bedeutet noch lange nicht, bei der Sache zu sein. Notwendig ist dabei, zur Ruhe zu kommen, ‚abzuschalten’ und die Dinge des Tages – mögen sie vor oder hinter einem liegen – beiseite zu schieben. Das erreicht man am besten, wenn ein einigermaßen fester Ablauf und ein festgefügter Text vorliegt, auf den man sich – wie beim Gottesdienst – einlassen kann, der einen trägt.

Dazu dienen die klassischen Gebetsformulare für das Stundengebet, beginnend mit Anbetung im Namen der Dreieinigkeit, worauf ein Choral und ein oder mehrere Psalmen folgen. Die Psalmen sind das Gebetbuch nicht nur des Judentums, sondern auch der Christlichen Kirche und sind eine Schatzkammer geistlicher Erfahrung und eine Sprachschule für die Rede mit Gott. Luther hat den Psalter nicht umsonst eine „kleine Bibel“ genannt. Nach dem Psalmgebet empfiehlt sich eine Schriftlesung aus AT und/oder NT, wobei durchaus ein alt- oder neutestamentliches Buch in fortlaufender Form gelesen werden kann, um in der täglichen Schriftmeditation die Zusammenhänge in den Texten zu erkennen. Denn nicht wenige Texte in der Bibel sind bewusst komponiert und erwarten ein wiederholtes Lesen und genaues Achten auf die Botschaften im Text. Beendet wird die Andacht mit Gebet, Unser Vater und Segen.

Formulare für die klassischen Tagzeitengebete am Morgen, am Mittag und Abend und zur Nacht finden sich, neben weiteren Anregungen zur Gestaltung von Andachten, leicht zugänglich im liturgischen Teil des Evangelischen Gesangbuchs (z.B. EGWü Formulare für Andachten 771ff, Tagzeitengebet ab 779ff). Und wer mit gregorianischer Quadratnotation zurecht kommt, dem sei das von der Evangelischen Michaelsbruderschaft herausgegebene, liturgisch sehr reichhaltige Evangelische Tagzeitenbuch ans Herz gelegt. Die dort jeweils zu findenden Formulare können freilich nach eigenem Bedarf durch weitere Psalmen, Choräle und natürlich ein freies Gebet erweitert bzw. ergänzt werden. Empfehlenswert ist auch, sich einen bestimmten Choral als Wochenlied vorzunehmen, den man jeden Tag im Tagzeitengebet singt und sich so nach und nach die Strophen einprägt. Schon so mancher war in einer besonderen Anfechtungssituation über einige Strophen eines Paul Gerhardt-Liedes froh, die er sich im Gedächtnis aufsagen konnte und die Trost und Zuversicht vermittelten.

Wer sich im Tagzeitengebet auf den täglichen Weg zu Gott macht, der wird nicht nur tiefer in die Kenntnisse der Schrift eindringen und seinem Gebetsleben mehr Tiefe verleihen, sondern wird auch über die Wochen und Monate erleben, dass ihn diese Einübung seinem Gott näher bringt. Die fortwährende Einübung im Glauben durch das Tagzeitengebet gestaltet den inneren Menschen durch die Wegkehr von sich selbst und die Hinkehr zu Gott um. Wenn er die notwenige Konsequenz aufbringt, wird der Beter in der täglichen Gebetsübung seine innere Bindung und Verbindung zu Gott stärken und erfahren, dass eine Gottesbeziehung, die einen auch in der Wüste trägt, durchaus erfahrbar und nicht nur irgendwelchen ausersehenen Mystikern vorbehalten ist. Entscheidend ist einzig und allein die tägliche Andachtspraxis und die Geduld, sie über Monate hinweg beizubehalten, auch wenn man nicht sofort eine Wirkung spürt. Sie wird sich, das kann der Autor bezeugen, früher oder später einstellen.

Wie blühende Lilien in der Wüste

Am Anfang standen die Worte aus Jesaja: Freuen sollen sich Steppe und dürres Land, frohlocken und blühen die Wüste! Wahrlich, wie die Lilien soll sie blühen, ja frohlocken in hellem Jubel. Gewiss, sie haben eschatologischen Klang und werden ihre vollende Erfüllung erst dann finden, wenn diese Erde aus Gottes Gnade neu geschaffen ist. Doch kann sie derjenige bereits jetzt erfahren, der sich die Mühe der Einübung im Gebet in der täglichen Andacht macht. Er erlebt einen kleinen Vorgeschmack jener bei Jesaja verheißenen Neuschöpfung, in der die Treue und Liebe Gottes dann unmittelbar erfahrbar wird.

Dennoch wird mancher nach dem Lesen dieses Textes fragen, ob das denn alles zum Thema „Die Wüstes bestehen“ und zum Thema „Wüstenoase“ sein soll und ob dies genügt, die endlos scheinende Wüste des spirituellen Ödlands in der NAK durchzustehen. Ich kann ihr/ihm nur antworten, dass wenigstens ich nicht mehr zu bieten habe, aber viel daran liegt, ob man den beschriebenen Weg tatsächlich selbst geht, oder nicht. Ob dieses ‚Manna‘ genügt, die Wüste zu bestehen, ist gewiss eine offene Frage. Doch genügt das ‚Manna‘, das eine funktionierende Kirche bieten kann, um die Wüste des Lebens zu bestehen? Genügt es für die Wüste so manchen Lebens mit all seinen Rückschlägen und Tiefpunkten, die sich diesseitig bisweilen eben nicht mehr zum Guten auflösen lassen? Am letzten Ende stirbt doch jeder für sich allein, auch wenn die halbe Gemeinde ums Sterbebett steht und tritt alleine vor seinen Gott. Da ist eine zuvor gepflegte lebendige Gottesbeziehung durch nichts zu ersetzen. Und ist nicht auch zu bedenken, ob überhaupt die richtige Frage gestellt ist? Darf man den Gott des Exodus fragen, ob ‚das Manna reicht‘ oder ist das nicht schon eine Bestreitung seiner Glaubwürdigkeit?

Wie dem Volk des Exodus bleibt auch den Nachfolgern Jesu Christi nichts anderes übrig, als im Vertrauen auf den Gott des Gekreuzigten und Auferstandenen den weiten Weg zu wagen im festen Glauben, dass Jesus der „Immanuel“ ist:  Gott mit uns.

 Wüste

Literatur:

Gisbert Greshake, Die Wüste bestehen.Erlebnis und geistliche Erfahrung. 
Topos Taschenbücher Bd.528. Innsbruck 2004. 

- Gisbert Greshake, Die Spiritualität der Wüste. 'Und plötzlich in diesem mühsamen Nirgends . . .'  Innsbruck 2002

- Evangelisches Gesangbuch – siehe die Ausgaben der jeweiligen Landeskirchen

- Evangelisches Tagzeitenbuch. Hrsg. von der Evangelischen     Michaelsbruderschaft. 5., durchgesehene Auflage Göttingen und Münsterschwarzach 2003.

- Oswald Bayer, Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung. 2., durchgesehene Auflage Tübingen 2004 (nicht ohne Anspruch, doch auch für Laien verständlich).