| Geschrieben von Helmut Züfle-Tunger, (NAK-Diakon i.R.), EV | |
| Dienstag, 10. Juli 2007 | |
T A I Z É …Ein Stimmungsbericht
Die meisten derer die einmal hier waren, kommen wieder. Ankommen Man merkt, dass etwas von einem abfällt. Ein Gefühl von Erleichterung und Abbau konventioneller geistlicher Barrieren scheint spürbar zu werden. Die alltägliche Gier nach körperlicher und geistiger Nahrung, so etwas wie food-for thoughts, wird bewusst und lässt immer mehr nach. Überall stehen große Schilder mit der Aufschrift „Stille“, „Silence“, „Silenzio“, in vielen Sprachen, sogar in chinesisch. Stille ist das erste Gebot in Taizé.
The same procedure as every day Das Essen dürfte beim ersten Besuch schockieren: Es ist an Bescheidenheit kaum noch zu überbieten. Die geringe Menge ist verblüffend und immer mit viel Süßem. Man bekommt den Verdacht, dass die Verweildauer deshalb auf eine Woche begrenzt wird, damit niemand aufgrund von ernährungs-spezifischen Mangelerscheinungen auf dem Camp kollabiert. Es gibt drei Mahlzeiten täglich, die von den Besuchern selbst aus der Küche geholt und in einem großen Zelt ausgeteilt werden müssen.
Es ist kaum zu glauben: am zweiten Tag beginnen wir uns schon daran zu gewöhnen und begreifen den Sinn der Bescheidenheit in einem Camp, das auch aus Bewohnern vieler ärmerer Länder besucht wird. Wir genießen es, endlich einmal ohne Völlegefühl im Bauch zu sein und merken, dass es nicht wirklich schadet. Camp & Klo & Sonstiges Ich möchte nun etwas zu den allgemeinen aber auch speziellen Aufenthaltsbedingungen in Taizé sagen. Auf der umfangreichen Webseite von Taize www.taize.fr kann man sich über alles informieren und für eine Woche anmelden. Nach ca. einer Woche erhält man die entsprechende Welcome-Bestätigung. Es gibt gute Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Lyon aus. Ebenso mit dem PKW ist Taizé leicht zu finden. Von Köln aus sind es etwa 850 km.
Auf einer Hügelkette in Burgund gelegen erreicht man nach Durchfahren des alten Dorfes Taize das große, ca. 1 km langgezogene und ca. 1/3 km breite Camp mit seinem Info-Point am Eingang, unmittelbar neben dem Glockenturm , den vielen soliden Baracken und Zeltdächern für Bibel-Workshops, weiteren kleinen und großen Zelten als Unterkunft und dann im Zentrum die große Versöhnungskirche mit ihren Erweiterungshallen. Nicht zu vergessen ist die moderne Toilettenanlage. Aufgrund ihrer Dimension ist immer was frei und die Sauberkeit ist eine Wohltat. Erwähnenswert sind noch die riesigen Parkplätze auf Naturboden an der Westseite des Camps. In einem Shop werden viele der Produkte verkauft, die von den Frères hergestellt werden, die ja ansonsten keine Spenden annehmen!
Im Info-Pavillon neben der Glockengalerie spricht man alle Sprachen. Bei der Ankunft erhält man hier alle weiteren Informationen. Am Anreisetag, sonntags, findet nachmittags in einer der Baracken sprachgruppenweise eine allg. Info-Veranstaltung, die Bezahlung (VP für Erwachsene im DZ ab 140,- € / Woche), statt, sowie die Austeilung der Essenmarken und die Zuteilung der Unterkünfte. Das kann zwei Stunden dauern und stellt somit die erste Prüfung für den Neuling dar. Die jungen Gäste können in kleinen oder großen Zelten sowie in soliden Schlafbaracken untergebracht werden, die alleinstehenden Erwachsenen in Sechs-Bett-Zimmern (drei Stockbetten) und die Paare und Älteren in 2-Bett-Zimmern (Gemeinschafts-Bad und –WC) in dem Nachbardorf Ameugny, 15 Minuten Fußweg. Die Communauté
Immer mehr Erweiterungsgrundstücke mussten gekauft, Zelte und solide Baracken als Unterkunft aufgestellt, eine neue Kirche und danach drei Hallen zu deren Erweiterung angebaut werden. Das gesamte historische Dorf Taizé mit seiner alten Dorfkirche, wo alles begann, sowie einige Häuser und Grundstücke im Nachbardorf Ameugny gehören mittlerweile zur Communauté. Frère Roger, der Begründer der ökumenischen Communauté Frère Roger (Schütz) wurde von vielen Staatsoberhäuptern, Regierungschefs, hochrangigen Politikern und kirchlichen Würdenträgern besucht und empfangen. Und - obwohl Frère Roger evangelisch ist, erhielt er anlässlich der Trauerfeier zum Heimgang von Papst Johannes Paul II auf dem Petersplatz in Rom durch Kardinal Ratzinger das Heilige Abendmahl.
Frère Roger starb 90-jährig am 16. August 2005. Sein Nachfolger ist der deutsche Katholik Frère Alois. Viele weitere Informationen sind der umfangreichen [->] Webseite, der Hauszeitung „Briefe aus Taizé“, der Online-Newsletter und der umfangreichen Literatur, insbesondere von Frère Roger zu entnehmen. Besucher Tagesablauf
Die erste am Morgen mit Abendmahl aus Brot und Wein nach dem gemeinsam gesungenen Vater-Unser. Schwerpunkt aller Messen ist das häufige gemeinsame Singen der vielsprachigen, weltweit bekannten Taizé-Lieder, deren Texte meistens Gebete sind, weshalb diese Messen hier auch Gebetsstunden genannt werden. An den vier Eingängen liegen die Gesangbücher ständig für jeden bereit. Am Anfang wird von einem der Frères das Bibelwort des Tages verlesen. Immer wieder abwechselnd mit Singen folgen die Lesung eines Psalms und von einem anderen der Frères feierlich und eindringlich gesprochene oder solo gesungene Fürbitt-Gebete in verschiedenen Sprachen.
Im Mittelgang sitzen, bzw. knien die etwa 60 Frères, vorne die weißhaarigen Greise aus der Gründerzeit, ganz hinten Prior Frère Alois. Der Rest der über 100 Frères ist größtenteils im Ausland, teils kurzfristig, teils auch länger, zu Solidaritätsaktionen mit den Armen und Benachteiligten sowie zur Übermittlung von Botschaften für den Frieden und die Versöhnung mit Gott und den Menschen unterwegs, auf dem von Taizé sogenannten „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“. Soundwoge
Unbequem aber faszinierend Vom dichten Nebeneinandersitzen auf den seitlichen langen Steinstufenreihen, vom Sitzen und Knien auf dem Boden oder den privat mitzubringenden Schemeln und Kissen tut einem bald so einiges weh. Nach der Abendmesse von etwa 45 Minuten bleiben viele leise weiter singend in der Kirche. Wir haben hier schon trotz protestierender Bandscheiben fasziniert und beseelt bis nach Mitternacht gesessen, gesungen und gemeinsam geschwiegen. Die Kirche ist sowieso 24 Stunden geöffnet und jeder kann sie betreten wann er will. Bedingung ist nur Stille oder das andächtige gemeinsame Singen. Nach jeder Messe rauscht die weiße Schar der Frères auf ein unsichtbares Zeichen hin, würdevoll hinaus. Nur nach der Abendmesse verbleiben etwa acht von ihnen und einige Gastpriester verteilt um den Rand der Hallen für persönliche Beratungen, Fragen, Gespräche oder auch für das Sakrament der Beichte.
Im Dämmerlicht stehen die weißen Mönche und die Priester in ihren Talaren mit farbigen Stolen schemenhaft und regungslos wie Standbilder auf den erhöhten Gängen der Hallenumrandung verteilt und halten sich für Ratsuchende bereit. Die Gemeinde singt während dessen fortwährend die zu Herzen gehenden Taize-Lieder. Wenn die Geistlichen angesprochen werden, neigen sie ihr Haupt und lauschen konzentriert, ergreifen beim Antworten je nachdem die Hände des Fragenden oder legen eine Hand segnend auf dessen Haupt.
So, wie Frère Roger es früher getan hat, so kann man auch jetzt den neuen Prior Frère Alois irgendwo im Halbdunkel unbeweglich stehend, finden und ansprechen. „Ich weiß, dass Gott uns sehr liebt." Eine Woche zuvor, beim Evangelischen Kirchentag in Köln, hielt der Schweizer Taizé-Bruder Frère Richard, er ist ca 50 Jahre alt, eine Open-Air-Bibelstunde auf der großen Bühne des Kölner Tanzbrunnens. Es war ein wunderbarer Vortrag über den nicht-strafenden und nicht-prüfenden aber sich sehr für uns interessierenden, weil uns liebenden Gott. Ich machte damals einige Fotos und schickte sie ihm per eMail zu. Einige weitere Abzüge wollte ich ihm in Taizé überreichen. Als ich nach der Abendmesse mit dem Briefumschlag in der Hand auf ihn zuging, lächelte er mich sofort an und sagte als Erstes: "Ach, hatten Sie mir wohl die Fotos aus Köln geschickt?", und reichte mir sofort seine Hand. Wir sprachen dann leise über ernstere Themen und auf meine Frage nach dem Abschied vom irdischen Leben antwortete er in seiner liebenswürdigen Art:
An einem anderen Abend sprach ich einen französischen Geistlichen an, der mir am Morgen das Abendmahl gereicht hatte und fragte ihn, wie er das mit dem päpstlichen Abendmahlsverbot für Nichtkatholiken vereinbaren könne. Er antwortete.: „Das Wort meines Papstes ist mir sehr wichtig. Für das, was ich hier tue, bin ich aber in letzter Konsequenz nur Gott verantwortlich und HIER IST GOTT!“ Man mag noch so nüchtern oder vorurteilsbeladen anreisen und die Kirche betreten, schon nach kurzer Zeit kann man sich dieser ernsthaften, andächtigen, ja heiligen Atmosphäre nicht mehr entziehen.
In Erinnerung an Karfreitag wird immer am Freitagabend nach dem Gottesdienst ein Holzkreuz mit ikonenartiger Bemalung vorne in den Mittelgang der Kirche auf ein Gestell gelegt und mit brennenden Kerzen geschmückt. Dem können sich alle die es wollen für einige Zeit nähern, davor niederknien und es mit der Stirn berühren, um in stillem Gebet und sinnlicher Erfahrung eigene Sorgen und Fragen dort abzulegen.
Am Samstagabend ist immer eine Lichtermesse zum Gedenken an die Auferstehung Jesu Christi. Schon am Eingang kann man sich eine Kerze nehmen. Der Höhepunkt der Messe beginnt, wenn die in der Mitte sitzenden Frères ihre Kerze zur Seite der Gemeinde reichen. Wir sind immer wieder erstaunt, in welch kurzer Zeit die großen Hallen mit den vielen Menschen zu einem einzigen Lichtermeer erstrahlen. Ein wunderbarer Anblick und ein unvergessliches Erlebnis, denn auch dabei werden weiterhin feierlich die Gebetslieder gesungen. Bibelarbeit und Kontemplation Neben den drei Messen in der Versöhnungskirche ist ein weiteres Standbein von Taizé die Bibelarbeit. Nach den täglichen allgemeinen Bekanntmachungen für die von den jungen Menschen separat betreuten Erwachsenen und der Verlesung des Bibelwortes für diesen Tag durch einen der Frères, erfolgt die Aufteilung in internationale Kleingruppen nach Neigung und Sprache. In unserer Gruppe aus Neuseeländern, Engländern, Chinesen, Kanadiern, Finnen , Schweizern und Deutschen verständigte man sich in englisch. Man hätte aber auch eine nur deutsch sprechende Gruppe wählen können.
Hier wird nun versucht, gemeinsam die vom moderierenden Frère in der Großgruppe gestellten Fragen zum entsprechenden Bibelwort zu antworten. Nach anderthalb Stunden erfolgt ein gemächlicher Gang zur Mittagsmesse, danach Mittagessen, Ruhezeit oder Besuch von Videovorführungen über Taizé, eventuell eine Fortsetzung der Gruppenarbeit vom Vormittag oder das Einüben neuer Lieder. Dann Freizeit, Abendessen, Abendmesse mit offenem Ende, privates Bibelstudium, Kontemplation auf einer der vielen Bänke in der Natur, in einer kleinen Kapelle oder in der Krypta. Oder auch in der großen Versöhnungskirche, in der nicht nur während der Gottesdienste, immer eine sehr angenehme, andächtige Stimmung herrscht. Menschen und Sehnsüchte Die Konfrontation mit den vielen jungen Menschen habe ich als älterer Erwachsener nicht eine Sekunde lang als störend empfunden. Ihre hohe Motivation für die religiöse Thematik und für das Konzept von Taizé (Singen, Liturgie, Stille, Bibelarbeit) ließ uns alle zu einer „Grundeinheit“ werden.
Was einem Taizé bedeutet und gibt ist von vielen subjektiven Faktoren, von meiner Motivation und von meiner Bereitschaft zu einem Experiment abhängig. Wer einmal hier, und dabei bereit war, sich diesem unbekannten Experiment ein wenig hinzugeben, der spürt spätestens in den vorgegebenen stillen Sequenzen den Heiligen Geist, der hier anwesend ist. Und wenn er dann irgendwann, irgendwo, unerwartet eines dieser Lieder hört, wird ihn wahrscheinlich wieder die Sehnsucht nach Taizé ergreifen.
Helmut Züfle-Tunger war zum 2. Mal vom 16.- 24. Juni 2007 in Taizé
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