Pfarrer-Umfrage in Österreich:

"Bedrohlicher Reformstau" in der Kirche


Helmut Schüller (* 24. Dezember 1952 in Wien) ist österreichischer katholischer Priester, Foto: ja-kirchenzeitung

"Genaugenommen fordern wir nichts, wir kündigen an, was wir selber tun."

Eine deutliche Mehrheit der Priester stärkt Helmut Schüller den Rücken. Sieben von zehn hegen zumindest Sympathien. Die Bischöfe beraten über Strategien im Umgang mit dem „Aufruf zum Ungehorsam“.

Die Rufe nach Reformen in der katholischen Kirche werden unüberhörbar. Zumindest in Österreich. Jetzt stimmen auch die einfachen Pfarrer, die die Seelsorge der 5,5 Millionen Katholiken des Landes tragen, in den Chor ein. Sieben von zehn Pfarrern (72 Prozent) sympathisieren mit dem „Aufruf zum Ungehorsam“ Helmut Schüllers – ohne in allen Punkten voll zuzustimmen. 68 Prozent sind der Meinung, in der katholischen Kirche gebe es einen „bedrohlichen Reformstau“.

Das sind die markantesten Ergebnisse einer Studie des Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner.

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Aus "kreuz und quer": „Kirchenkrise – worum es wirklich geht“

Ringen um Reformen: Pfarrer stehen mehrheitlich hinter Schüller

Zwei Drittel der Pfarrer in Österreich orten einen „bedrohlichen Reformstau“ in der katholischen Kirche und eine „dramatische Kluft“ zwischen Kirche und moderner Kultur. Mehr als 70 Prozent der österreichischen Pfarrer sehen den Aufruf der von Helmut Schüller initiierten Pfarrer-Initiative zum Ungehorsam grundsätzlich positiv – als Impuls zu notwendigen Reformen. Mehr als die Hälfte davon unterstützt jedoch nicht alle Reformankündigungen, sondern will das Paket „aufschnüren“ und die Punkte einzeln diskutieren. Und Frauen als Priesterinnen halten mehr als die Hälfte der Pfarrer als vom Evangelium her möglich. Das ergibt eine aktuelle „kreuz und quer“-Studie, die vom Marktforschungsinstitut GfK Austria unter 500 Pfarrern in Österreich durchgeführt und von der Abteilung Religion des ORF-Fernsehens unter der Leitung von Gerhard Klein in Auftrag gegeben wurde (Detailergebnisse der Studie im Anhang). Die Studie wird in „kreuz und quer“ am Dienstag, dem 8. November 2011, um 22.30 Uhr in ORF 2 vorgestellt. Unter der Leitung von Doris Appel diskutierten dazu Helmut Schüller (Pfarrer und Initiator der Pfarrer-Initiative), Michael Bünker (evangelischer Bischof), Wolfgang Beinert (em. Professor für Dogmatik, Uni Regensburg), Ludger Müller (Professor für Kirchenrecht an der Uni Wien) und Markus J. Plöbst (Pfarrer in Leoben und Buchautor). Um 23.25 Uhr folgt die Dokumentation „Kloster zu verkaufen“ von Helmut Manninger.

Vom Wünschen zum Tun: Pfarrer leiten Reformen selbst ein

Mit dem „Aufruf zum Ungehorsam“ hat die österreichische Pfarrer-Initiative heuer medial große Aufmerksamkeit erregt: In dem inzwischen weltweit beachteten „Aufruf“ formulieren Pfarrer nicht mehr „Reformwünsche“ an die Kirchenleitung, sondern kündigen an, durch unverzügliches Handeln nun selbst Reformen durchzuführen – und in diesem Sinn „Ungehorsam“ zu praktizieren: geschiedenen Wiederverheirateten die Kommunion nicht zu verweigern, Laien auch bei der Sonntagsmesse predigen zu lassen und ihnen faktisch die Leitung von Gemeinden zu übertragen. „Jede Gelegenheit“ wollen die aufmüpfigen Pfarrer nützen, um sich – trotz vatikanischen Verbots – öffentlich für die Zulassung von Frauen und verheirateten Männern zum Priesteramt auszusprechen.

Wie stehen Pfarrer in Österreich nun zu diesem „Aufruf zum Ungehorsam“? Sind es nur einige „Hitzköpfe“, die den Aufruf unterstützen, weil sie die Geduld mit der Kirchenleitung verloren haben? Oder findet der Aufruf breite positive Resonanz? Wie stehen Pfarrer in Österreich zu den einzelnen Reformforderungen?

Repräsentatives Sample: 500 Pfarrer wurden befragt

Die Studie leitete der Pastoraltheologe und Religionsforscher Univ.-Prof. Paul M. Zulehner. Von den rund 3.500 Pfarrern wurden mit einem repräsentativen Sample für die österreichischen Diözesen 500 Pfarrer befragt. Die Ergebnisse geben somit verlässlich darüber Auskunft, wie die österreichische Pfarrerschaft über den „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrer-Initiative denkt. Die Pfarrer wurden detailliert befragt, ob sie einen Reformstau in der katholischen Kirche wahrnehmen, wenn ja, worin sie mögliche Ursachen für einen Reformstau sehen; wie sie zum „Aufruf zum Ungehorsam“ generell und zu einzelnen Punkten stehen und wie der Konflikt nach Ansicht der Befragten ausgehen könnte.

Die detaillierte und von Prof. Zulehner kommentierte „kreuz und quer“-Studie ist ab Jänner 2012 in Buchform unter dem Titel „Aufruf zum Ungehorsam – Taten, nicht Worte reformieren die Kirche“ erhältlich (Schwabenverlag).