![]() Als Adam in den "Apfel" biss, konnte er nicht ahnen, was die Kirchenväter später daraus machten: Eine Erbsünde, die allen Menschen anhaftet. Foto: Arnold via pixelio.de | Nicht über die Erbsünde, sondern über die Freiheit führt der Weg der Menschen zu Gott. Damit löst der Theologe Thomas Pröpper einen jahrhundertealten Streit. Der 69-Jährige gehört zu den einflussreichsten und renommiertesten katholischen Gottesdenkern. Jetzt ist seine „Theologische Anthropologie“ erschienen, eine voluminöse Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Frage: Was ist der Mensch? Vieles spricht dafür, dass sie in die Theologiegeschichte eingehen wird. |
Wegen einer schweren Erkrankung sah es lan
ge so aus, als wenn Pröpper dieses Werk nicht mehr realisieren kann. Seinen Studenten hatte er bereits 1995 versprochen, seine Anthropologie-Vorlesungen für eine Publikation auszuarbeiten. Denn viele Hörer fühlten sich von dem anspruchsvollen Lehrstoff überfordert und wollten sich nicht auf eigene oder fremde Mitschriften verlassen.
Michelangelo: Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies
(Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, Abb. via wikimedia)Als Sündenfall bezeichnet die christliche Theologie die Sünde des ersten Menschenpaares (Adam und Eva), von der das 3. Kapitel des Buches Genesis der Bibel im Bild des Essens von den verbotenen Früchten des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse erzählt, und deutet diese zugleich als die Unheilsgeschichte der Menschheit begründende Ursünde (lat. peccatum originale originans).
Die damit begründete Unheilsgeschichte wird in analoger Verwendung des Sündenbegriffs Erbsünde (lat. peccatum originale originatum) genannt, insofern jeder Mensch als Nachkomme Adams in diese Geschichte „hineingeboren“ und damit in seiner eigenen Freiheitsgeschichte vorbelastet ist.
Der Unheilsgeschichte „von Adam her“ wird die Heilsgeschichte der Menschheit „auf Christus hin“ gegenübergestellt, der als „der neue Adam“ verstanden wird.
Der Mensch ist frei
Wer es einfach haben wollte, der ging nicht zu Pröpper. Dasselbe gilt auch für das Buch. Es ist Theologie auf höchstem Niveau. Mit Recht beklagt Pröpper, dass „der philosophische Zustand der neueren katholischen Theologie doch eher dürftig“ ist. Er selbst entfaltet sein Denken in einem argumentativen Diskurs, der die Geistesgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart berücksichtigt und immer wieder deutlich macht: Es führt kein Weg zurück hinter die Philosophie von Kant und Fichte, dass der Mensch frei ist.
Freiheit wird zwar vielfach eingeschränkt, durch Fesseln, Armut, Unterdrückung, genetische, neuronale oder soziale Vorgaben. Aber die formal unbedingte Freiheit des Subjekts ist unhintergehbar: Es gibt keine Erkenntnis oder Welterfassung, die vom erkennenden Ich abstrahieren kann. Absolut und ursprünglich ist meine Freiheit darin, dass ich mich öffnen und zu allem frei verhalten kann. Ich kann jedes Gegebene negieren und gedanklich überschreiten.
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit“
Dieses transzendentalphilosophische Freiheitsdenken entspricht, wie Pröpper darlegt, dem jüdisch-christlichen Menschenbild viel mehr als die platonische oder aristotelische Metaphysik, mit der die Kirchenväter bis zu Thomas von Aquin den Glauben ins Denken übersetzt haben. Viele Theologen, darunter auch Papst Benedikt XVI., misstrauen bis heute der Freiheitsidee der Aufklärung. Dabei ist Freiheit seit dem Auszug der Israeliten aus dem Sklavenhaus Ägypten das zentrale Heilsgut des Glaubens. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief.
Die Theologie hat in der Freiheit des Menschen aber meist eine Konkurrenz zur Freiheit Gottes gesehen. Daher ist es ihr nie gelungen, die Ansprechbarkeit des Menschen für die Gnade Gottes widerspruchsfrei zu denken – nämlich so, dass die Gnade ungeschuldet bleibt und doch als Erfüllung der Sehnsucht des Menschen gelten kann. Bis heute gilt der Gnadenstreit der Barockscholastik über die Wirkung der Gnade auf den freien Willen lehramtlich als ungelöst.
Von Adam bis auf den heutigen Tag
Thomas Pröpper hat dieses Problem gelöst. Es ist wie bei der Liebe zwischen Menschen, erklärt er: Nur als frei erwiderte kann sie die Sehnsucht des Anderen erfüllen. Gott habe sich selbst dazu bestimmt, sich von seinen freien Geschöpfen bestimmen zu lassen. Die Geschichte Gottes mit den Menschen sei daher eine wirklich offene. Der Mensch als Gottes freies Gegenüber könne Nein sagen zu dessen heilsgeschichtlichen Plan und diesen damit zunichtemachen.
So radikal trauen sich das andere Theologen kaum zu sagen. Und kaum ein anderer nimmt so überzeugend wie Pröpper Abschied von Teilen der kirchlichen Tradition. Zum Beispiel von der Erbsündenlehre des heiligen Augustinus, der die Schuld Adams allen Menschen als verdammungswürdige Sünde anrechnete.
Die Freiheit ist sich selbst Gesetz
Verabschiedet wird auch die Ansicht, die Moral gründe in den Geboten Gottes, die der Mensch zu befolgen habe. Stattdessen wirbt Pröpper für eine autonome Ethik, die den Verbindlichkeitsgrund des Sollens in der Unbedingtheit der Freiheit sieht: Die Freiheit ist sich selbst Gesetz, denn nur in der Anerkennung anderer Freiheit wird sie erfüllt.
All dies begründet Pröpper sehr ausführlich – auf 1534 Seiten! Manche Sätze und Kapitel könnten kürzer sein, manche Wiederholungen wegfallen, auch die alte Rechtschreibung befremdet. Aber wer sich wissenschaftlich mit „Gott und Mensch“ beschäftigen will, kommt um dieses Werk kaum herum.
Thomas Pröpper: Theologische Anthropologie (Herder Verlag, Freiburg, erster Teilband 656 Seiten, 40 Euro, zweiter Teilband 878 Seiten, 54 Euro)
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TIPP: INTERVIEW bei theologie-und-kirche.de
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| "Immer mehr die Weite christlicher Freiheit begreifen" Interview mit dem Münsteraner Theologen Thomas Pröpper anlässlich des Erscheinens seiner "Theologischen Anthropologie" |
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Auszug aus dem Interview:
MFThK: Wie "katholisch" bzw. ökumenisch ist Ihre Theologische Anthropologie? Welche Bedeutung hat Ihre konfessionelle Prägung bei der Formulierung Ihrer Anthropologie? Oder anders gefragt: An welchen Punkten Ihrer Anthropologie würde Ihnen ein evangelischer Theologe vermutlich widersprechen?
Pröpper: Dass in die Behandlung eines theologischen Themas genauso wie die katholischen Positionen auch evangelische und manchmal auch orthodoxe Stimmen einbezogen werden, ist für jeden katholischen Systematiker inzwischen selbstverständlich. Angesichts der historischen Situation, in die sich der christliche Glaube eingewiesen findet, ist es wahrhaftig auch dringlicher, die tragenden Gemeinsamkeiten zu stärken als nach konfessionsspezifischen Differenzen zu suchen. Tatsächlich zeigt sich zudem, dass die vielleicht wichtigsten theologischen Trennlinien heute quer durch die Konfessionen verlaufen. Gerade in der theologischen Anthropologie aber treffen nun doch auch Auffassungen aufeinander, deren konfessionelle Prägung noch gut zu erkennen ist. So namentlich bei den Fragen, die das Verständnis der Gott-Ebenbildlichkeit und der Sünde des Menschen sowie das Verhältnis von Gottes Gnade zur menschlichen Freiheit betreffen. Bei meinen diesbezüglichen Positionierungen bin ich deshalb durchaus auf evangelischen Widerspruch gefasst. Es sei denn, ich habe Glück – so wie kürzlich, als ein evangelischer Kollege mich mit der beiläufigen Bemerkung erfreute, dass in der von Luther bestimmten Tradition hinsichtlich des Freiheitsbegriffs wie auch des Verhältnisses zwischen Gottes Schöpfungs- und seiner Gnadenbeziehung zum Menschen durchaus noch Klärungsbedarf bestehe.* * *
Quellen: welt-online , theologie-und-kirche.de, wikipedia, wikimedia
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