Sieben Thesen zur Einheit der Kirche Jesu Christi

Albrecht Schröter erneut in der NAK Hannover-Mitte

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Vortrag in der NAK Hannover Mitte, Referent Dr. Albrecht Schröter

Der Jenaer Oberbürgermeister und evangelische Pastor Dr. Albrecht Schröter besuchte am Freitag, den 2. September 2011 erneut seine – wie er sie nannte – 'Schwestern und Brüder' in der neuapostolischen Kirche Hannover-Mitte.
"Offenbar haben Sie durch meine Ausführungen beim letzten Mal kein Trauma erlitten", begann er vor knapp 150 Teilnehmern leicht kokettierend seine Ausführungen zum Thema: Ökumenische Thesen zur Kirche Jesu Christi.

Er sei nicht gekommen, um zu belehren, sondern wolle zum Nachdenken darüber anregen, was der Einheit der Christen dient.

Was mich antreibt?

Zu Beginn seiner Ausführungen erläuterte Albrecht Schröter seine persönlichen Hintergründe, die ihn zu einem ökumenischen Christen gemacht hätten. So sei seine Urgroßmutter noch katholisch gewesen und sein Vater hätte in der DDR als evangelischer Pastor freundschaftliche Beziehungen zum katholischen Kollegen vor Ort unterhalten. Er selbst sei „volksmissionarisch geprägt“ und in der charismatischen Bewegung schon als Jugendlicher tätig gewesen. Großen Eindruck hätte auch das Wirken Johannes XXIII und der damit verbundenen Versuch einer Öffnung der katholischen Kirche auf ihn gemacht.
Sein Studium bei Prof. Obst in Halle führte dann zur Beschäftigung mit den Katholisch-Apostolischen Gemeinden, die in seiner Doktorarbeit zu Geschichte dieser Bewegung mündete.
Großen Eindruck hätten auch seine Besuche in Taizé bei ihm hinterlassen.
Die seit 1999 bestehenden beratenden Kontakte zur VAG hätten dann schließlich zu einer intensiven Beschäftigung mit den tief greifenden Folgen der apostolischen Spaltung geführt, die ihn schließlich 2005 zu einem "Aufruf zur Versöhnung" an Stammapostel Fehr veranlasst hätten. Dieser Aufruf sei leider unbeantwortet verhallt - und als durch den Vortrag von Walter Drave am 4.12.2007 zur Historie der Spaltung der apostolischen Bewegung von 1955 sogar eine Verschärfung des Konfliktes zwischen VAG und NAK eintrat, hätte er auf Bitten von betroffenen neu-aposto-lischen Christen um Vermittlung, seine Mitarbeit angeboten. Denn auch als Oberbürgermeister der Stadt Jena mache er sich viele Gedanken über die Zukunft der Kirche.


Machtdenken zerstört die kirchliche Einheit


Im zweiten Teil seines Vortrags ging Albrecht Schröter dann auf die zahllosen Spaltungen, Brüche und Ab-Teilungen in Laufe der Kirchengeschichte ein. Die von Jesus beauftragten Jünger hätten noch das Reich Gottes und das Evangelium im Herzen getragen. Sie wussten, dass die Kirche als Brautgemeinde Jesu Christi niemandem anders gehört als IHM. Zwar hätte es die besondere Stellung des Petrus gegeben, der eine besondere Zusage des HERRN als Fels auf dem die Gemeinden gegründet werden sollten, doch diese Stellung sei nicht die eines Stellvertreters Christi gewesen, sondern eher die eines Sprechers der Apostel.

Christus, seine Jünger und die von ihnen gegründeten Gemeinden, das sei der organische Prozess des Wachstums gewesen. Brüderlich und schwesterlich war der Umgang und nicht von Machtinteressen bestimmt.
Die Ämter wurden als Gaben gesehen und nicht als hierarchische Ebenen.
Durch die Ausbreitung des Christentums sei es dann aber zu verschiedenen Strömungen gekommen. Die unterschiedlichen Kulturen, in die das junge Christentum vordrang, hätten in der Folge zu unterschiedlichen Traditionen und Haltungen geführt. Schröter nannte beispielhaft den Streit um die Ein- oder Zwei-Naturen-Lehre Jesu oder den Streit um die Rolle Marias in der Heilsgeschichte. Auch um das gemeinsame Bekenntnis habe es immer wieder Streit gegeben. Denn schließlich hätte es fast vierhundert Jahre in der christlichen Geschichte noch nicht mal ein einheitliches 'Neues Testament' gegeben. Zwar gab es Evangelien, aber auch über die Gültigkeit dieser gab es Streit, so zum Beispiel mit den Gnostikern, die an ihren eigenen Evangelien festhielten .

Abspaltungen und Trennungen waren die Folge. Von der Spaltung in eine Ost- und eine Westkirche, über die Reformbestrebungen des Mittelalters, Luthers Reformation und die Kirchenspaltung in England bis zu den Streitfragen zwischen den Reformierten und den Lutheranern. Es kam zur Entwicklung von Freikirchen wie z.B. den Methodisten, Baptisten und Mennoniten. Und es entwickelten sich auch innerhalb der großen Kirchen verschiedene Traditionen und Strömungen.
Aus dieser Zerrissenheit und dem daraus folgenden Wunsch nach Einheit – so Schröter – entstand auch das katholisch-apostolische Modell. Der Wunsch nach der EINEN Kirche. "Man hatte nicht das Trennende, sondern das Ganze der Kirche im Sinn."
Was verhindert oder erschwert die Einheit?

Fünf Gründe waren es nach Ansicht Schröters, die die Einheit der Kirche verhindert haben:


  1. Unterschiedliche kulturelle Prägungen (Wie z. B. die Frage: Wann feiern wir Weihnachten? Im Westen im Dezember. Im Osten Anfang Januar.)

  2. Unterschiedliche Traditionen in der Lehre (Wie z.B. der Zölibat)

  3. Alleinvertretungsansprüche (Wie z. B. Nur wir haben Apostel)

  4. die Entscheidung über Lehrfragen ohne den Blick auf das Ganze
    und
  5. subjektive Faktoren (wie z. B. die Angst, dass bei Veränderungen die eigenen Gemeinden untergehen)


Dies alles würde die Einheit der Kirche immer wieder erschweren oder sogar verhindern.
Schröter: "Wir verdunkeln die Einheit die Gott geschaffen hat."
"Trotzdem, wir spüren, dass es viel gibt, was uns verbindet."

Ökumenische Kirchentage, der Ruf nach dem gemeinsamen Abendmahl, Modelle eines ökumenischen Klosters wie in Taizé oder der Ökumenische Rat der Kirchen machen die Sehnsucht nach Einheit in der Vielfalt trotz aller Unterschiede spürbar.
"Es gibt Reichtümer in allen Abteilungen der Kirche", so Schröter.

Auch lokale ökumenische Projekte, die den Austausch von Pfarrern oder die gemeinsame Seelsorge ermöglichen deuten in die richtige Richtung.
Der Ruf nach der Einheit der christlichen Kirche wird in den letzten Jahrzehnten lauter.

Schröter fasste am Schluss seine wichtigsten Forderungen in sieben Thesen zusammen, dabei ergab sich die Reihenfolge aus seinem Vortrag und enthält keine Prioritäten.

Sieben Thesen zur Einheit der Kirche Jesu Christi
in der von Dr. Albrecht Schröter am 5.9. überarbeiteten und autorisierten Fassung

1. Jesus Christus ist der Begründer, das Leben und die Zukunft der Kirche. Die Kirche ist die Kirche Jesu Christi – sie gehört keinem anderen als IHM. Die Einheit der Christenheit ist in Christus bereits vorgegeben – sie kann daher nicht „gemacht“, sondern nur ermöglicht werden.
Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn die Mitglieder der einzelnen Kirchen aus dem Geist des Evangeliums leben, denken und handeln und Jesu Wunsch nach Einheit (Joh. 17,21) über alles Trennende stellen.


2. Zwischen der Einfachheit der ersten Christen und den Machtinsignien von Kirchenleitungen und ihrer Apparate liegen Welten. Das geistliche Amt hat den Auftrag, zu dienen - nicht zu herrschen.
Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn Hierarchien und Traditionen keine Mauern der Macht mehr gegenüber den eigenen Mitgliedern und anderen Kirchen verkörpern.


3. Die geistliche Wahrheit des anderen schmälert nicht die eigene Wahrheit, sondern macht sie im Sinne Christi reicher. Diese Offenheit ist ein Zeichen der Wirksamkeit des göttlichen Geistes. Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn Kirchen auf Exklusivitätsansprüche verzichten und echte Brüderlichkeit leben, in dem sie allen Christen vollen Zugang zu den Sakramenten gewähren.

 

4. Die Christenheit lebt vom Grundkonsens im Sinne von Eph. 4,2b-6 (Anm. 1), wie er in den ökumenischen Glaubensbekenntnissen und in der Basiserklärung des Oekumenischen Rates der Kirchen von 1961 (Anm. 2) formuliert ist.
Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn Kirchen und christliche Gemeinschaften das stärken, was diesem Grundkonsens entspricht und auf Sonderlehren verzichten.
Unterschiedliche Kulturen und Traditionen gehören zu den „vielen Wohnungen“ im Hause Gottes (Joh. 14,2) und dürfen nicht trennen.


5. Kirchen und christliche Gemeinschaften sind im Laufe ihrer Geschichte schuldig geworden: an ihren Mitgliedern, an Unbequemen und Andersdenkenden.
Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn Kirchen bereit sind, ihre Schuld zu erkennen, zu bekennen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Nur wo das geschieht, hat Gottes Geist Raum, zu wirken.


6. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Einheit der Christenheit, ist die Furcht ihrer leitenden Amtsträger vor dem Verlust von Macht und Einfluss. Dieser wird meist mit dem Hinweis auf die Tradition und die Hauptdogmen der jeweiligen Einzel-Kirche begründet.
Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn Kirchen nicht mehr darauf beharren, dass sie Recht haben, sondern im Sinne Jesu das suchen und voranbringen, was der Einheit dient. Wahre Apostolizität zeigt sich im Sinn für das Ganze der Kirche.

7. Wer allein darauf vertraut, dass insbesondere die leitenden Amtsträger der Kirchen die Einheit der Kirche wollen und schaffen, wird Enttäuschungen erleben.
Der Weg zur Einheit der Christenheit gelingt nur dann, wenn „die Glut von unten wächst“. Je mehr Menschen die eine Kirche als die „geschmückte Braut“ (Apk. 21,) Jesu ersehnen und sich für sie einsetzen, umso eher wird sie möglich.



Anmerkungen zu den Thesen
(1) „Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;
ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“
(Eph. 4,2b-6)


(2) "Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen, trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes."
(Basiserklärung der Ökumenischen Rates der Kirchen, Neu Dehli, 1961)




Anmerkung der Redaktion:
Eine schriftliche Form des Vortrags wird in etwa 3 bis 4 Wochen vorliegen und wird dann an dieser Stelle veröffentlicht.