Was bedeutet „Ökumene“?

Geschrieben von Martin Christian Dippon

oikoumene

„In der alten Kirche gab es auf dem Marktplatz von Antiochien einen Papagei, der das kirchenrechtlich geltende Bekenntnis sogar mit besonderen dogmatischen Zusätzen zu singen vermochte.“[i] Dabei muß es sich offenbar um einen besonders fähigen Papagei gehandelt haben, dem die exakte Wiedergabe dieses nicht zu knappen Textes möglich war. Das exakte Repetieren des Textes konnte dem Papagei offenbar durch einige Anstrengung beigebracht werden, über das Bekenntnis nachgedacht oder es bekannt hat der Vogel wohl kaum – aber das dürfte auch nicht im Aufgaben- und Möglichkeitsbereich eines Papageien liegen, dazu hat ihn sein Gott nicht geschaffen.

Anders hingegen liegen die Dinge beim Menschen und noch vielmehr beim Christenmenschen, der sowohl seines Gottes als auch seines Bekenntnisses eingedenk sein sollte. Nun steckt aber im Ausdruck ‚eingedenk sein’ das Wort ‚denken’, das an sich nicht nur ein schönes, denkwürdiges Wort, sondern dessen Vollzug eine wahre Gabe Gottes ist. Dieser Überzeugung war bereits der Apostel Paulus, der den in ihre Geistesgaben verliebten Korinthern schrieb, er rede lieber fünf Worte mit seinem Verstand, als zehntausend in heiligen, den anderen aber schlechterdings unverständlichen und darum auch nutzlosen Zungen. (1Kor 14,19) Evangelium, befreiendes Wort gibt es also nur, wenn es den anderen aufbaut und nicht in religiöser Selbstbespiegelung eingeschlossen bleibt.

 

Bekenntnisse

Der Papagei hingegen singt nur gedankenlos, was man ihm beibringt – immer dasselbe, ohne auf den anderen einzugehen oder auf ihn Rücksicht zu nehmen. Der Mensch aber kann sich in der Rede dem anderen öffnen und soll es auch tun, denn der andere ist sein Nächster. Allerdings kann man sich des Eindrucks bisweilen nicht erwehren, dass auch die mehr oder minder gelehrte Christenheit sich im papageienhaften Absingen ihres jeweiligen Bekenntnisses gefiel und zum Teil immer noch gefällt. Und so findet die Welt auf dem Marktplatz der christlichen Konfessionen bisweilen einen wahren Zoo von sich gegenseitig ansingenden Papageien vor, von denen keiner den anderen anhört, geschweige denn über sich und ihn nachdenkt – eine Versammlung wahrhaft seltsamer Heiliger und genau das Gegenteil dessen, was mit dem Wort „Ökumene“ gemeint ist: Das gemeinsame wohnen unter ‚einem Dach’, ohne dem anderen die Freiheit zu nehmen, der zu sein, als den ihn Gott geschaffen hat.

 

Es ist eine wahrhafte Gnadengabe Gottes, dass sich in bedeutenden Teilen der Christenheit mittlerweile das Nachdenken über das eigene Bekenntnis mit den Anhören und Anreden des Mitchristen verbunden hat, so dass sich die bisweilen recht kakophon vorgetragenen Bekenntnisse in eine geordnete Mehrstimmigkeit zu verwandeln beginnen, die freilich immer noch ihre Dissonanzen kennt – sonst wäre sie langweilig. Doch sind auch hier Grenzen und Regeln zu beachten, denn – um im Bild des musikalischen Satzes zu bleiben – eine Stimme, die nur sich selbst folgt und nicht auf die anderen hört, zerstört die Gemeinschaft, wie jeder übertriebene Egoismus Gemeinschaft zerstört. Positiv gesagt: Ökumene besteht aus den Konfessionen, die sich nicht selbst, sondern dem allein alles schaffenden Gott und Schöpfer verdanken. Sie und ihre Wahrheiten kommen nicht aus sich selbst, sondern allein von dem, der Ursprung allen Seins und die Wahrheit selbst ist: Von dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, in dem Er sich selbst ein für alle Mal der Welt offenbart hat.

 

Ursprünglich bedeutete der Begriff „Ökumene“, sich vom altgriechischen oikeín, „wohnen“ herleitend, die gesamte bewohnte Erde in ihrer ganzen Vielfalt. Über die Jahrhunderte hinweg wandelte er sich schließlich über die Bedeutung von „Erdkreis“ (lat. orbis) als Arbeitsfeld der christlichen Kirche zum Ausdruck für das allen Christen „Verbindliche“ und „Verpflichtende“ (zu sehen an den ökumenischen Konzilien), um sich zuletzt zur Bezeichnung für die Bemühung zu entwickeln, über die Konfessionsgrenzen hinweg die Einheit der Christen zu fördern[ii]. Wenn auch heute die zuletzt genannte Bedeutung im Sinne der die Konfessionsgrenzen übergreifenden christliche Gesinnung überwiegt, so sind doch die vorangegangenen Verständnisse des Ausdrucks noch heute nicht ohne Bedeutung. Auch im 21. Jahrhundert gelten beide Grunddimensionen der Ökumene: der universale, missionarische Aspekt des Christentums wie der Einheitsaspekt der Kirchen. Beide sind nicht von einander zu trennen.

 

Dies zeigt sich insbesondere im historischen Rückblick, der in aller Deutlichkeit vor Augen führt, dass die Zerstrittenheit der christlichen Kirchen und damit das fehlende gemeinsame Zeugnis für ihren Herrn ihnen selbst und der Gesellschaft nicht unerheblich geschadet hat[iii]. So hat die Zersplitterung der Glaubenseinheit in die einzelnen Konfessionen v.a. ab dem 16. Jahrhundert mindestens in Europa der Gesellschaft die einheitliche Grundlage entzogen und damit die Säkularisierung wesentlich begünstigt. Eine neue verbindliche Basis für das gesellschaftliche Zusammenleben musste außerhalb des Christentums gefunden werden, das damit zunehmend in die Privatsphäre abgedrängt wurde. „Die Emanzipation des öffentlichen Bereichs aus den theologischen Begründungszusammenhängen führte zum Verlust der dem Gottesgedanken eigenen Universalität. Die Religion wurde rein innerlich und verlor damit ihren Wirklichkeitsbezug.“[iv]

 

Ein entscheidendes Ziel der ökumenischen Einheit der Kirchen liegt daher im gemeinsamen Zeugnis für das Evangelium Jesu Christi für die Welt. Dies ist nur dann glaubwürdig, wenn sich die Kirchen zu einem öffentlich sichtbaren gemeinsamen Leben und Handeln zusammenfinden. Damit ist nicht gemeint, dass jede Kirche ihr Profil aufgeben müßte und alle in einer neuen Einheitskirche ‚zusammengebacken’ werden sollten, die dann wieder nur ein theologischer Einheitsbrei wäre. Vielmehr sollen sich die Kirchen in versöhnter Verschiedenheit zur Einheit zusammenfinden, was einen theologischen Pluralismus keineswegs ausschließt und seine Wurzeln bereits im Neuen Testament hat. Denn auch der neutestamentliche Kanon versammelt Zeugnisse von durchaus unterschiedlicher theologischer Akzentuierung.

 

Zuletzt ist zu sehen, dass die Einheit der Kirchen keineswegs als Selbstzweck begriffen werden darf, sondern dem Ziel dient, damit die Welt glaube (Joh 17,20). Die nicht vorhandene Einheit der Kirche ist also nicht nur ein ‚Schönheitsfehler’, sondern ihr Mangel verstößt gegen das Wesen der Kirche selbst („et unam sanctam, catholicam et apostolicam ecclesiam“, „eine heilige, allgemeine und apostolische Kirche“, wie es im Symbolum Nicaenum heißt). Nicht zuletzt verstößt sie gegen die Bitte ihres Herrn, der seinen Vater um das gebeten hat, was auch das Ziel aller Christen sein muss: ut unum sint – damit sie alle eines seien  (Joh 17,21).

 


[i] Eberhard Jüngel, Befreiende Freiheit – als Merkmals christlicher Existenz; in: Ders.: Anfänger. Herkunft und Zukunft christlicher Existenz, Stuttgart 2003, 28.

[ii] Vgl. dazu Birgitta Kleinschwärzer-Meister, Art. Ökumene. I. Dogmatisch 1. katholisches Verständnis, in: RGG4 Bd. 6, Tübingen 2003, 507f.

[iii] Vgl. für das Folgende Walter Kasper, Der Gott Jesu Christi, Mainz ³1995, 20ff.

[iv] Kasper, Der Gott Jesu Christi, 22.