Geschrieben von EV   
Donnerstag, 8. April 2010

Jürgen Moltmann

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Jürgen Moltmann, der em. Professor für Systematische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, wird heute am 8. April, 84 Jahre. Ihm zu Ehren stellen wir einen Auszug aus einem Vortrag vor, den er auf einer Tagung der Gesellschaft für Evangelische Theologie in Wittenberg über  "Gericht und Auferstehung"  gehalten hat:
"Welchem Ziel dient das Gericht Christi?"

Sonne der Gerechtigkeit

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Das Evangelium vom Gericht und der Neuschöpfung aller Dinge


Welchem Ziel dient das Gericht Christi?

Das Ziel des Aufrichtens der Opfer und des Zurechtbringens der Täter ist nicht die große Abrechnung mit Lohn und Strafe, sondern der Sieg der schöpferischen Gottesgerechtigkeit über alles Gottlose im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Dieser Sieg der göttlichen Gerechtigkeit führt nicht zur Spaltung der Menschen in Selige und Verdammte und zum Ende der Welt, sondern in den großen Versöhnungstag Gottes auf dieser Erde. An dem Tag des Gerichts werden "alle Tränen von ihren Augen abgewischt", die Tränen des Leids ebenso wie die Tränen der Reue, denn es werden "weder Leid noch Schmerz noch Geschrei mehr sein" (Offenbarung 21,4). Also ist das Endgericht nicht das Ende der Werke Gottes und auch nicht das Letzte, sondern das Vorletzte. Es ist nur ein erster Schritt in einem Übergang, einer Transformation aus der Vergänglichkeit in die Unvergänglichkeit. Endgültig ist erst die neue, ewige Schöpfung, die auf der Grundlage der Gerechtigkeit geschaffen wird. Weil das Gericht dieser Neuschöpfung aller Dinge dient, ist seine Gerechtigkeit keine nur auf die Vergangenheit bezogene feststellende und vergeltende, sondern eine auf diese Zukunft bezogene schöpferische, Recht schaffende, heilende und zurecht bringende Gerechtigkeit. Das Gericht steht nicht im Dienst der Sünde und des Todes als die große Abrechnung, sondern im Dienst der neuen Schöpfung. Es war der Fehler der christlichen Tradition in Bild und Begriff, in Frömmigkeit und Lehre, nur auf das Gericht über die Vergangenheit dieser Welt zu blicken und nicht durch das Gericht hindurch die neue Welt Gottes zu erkennen und also im Ende nicht den neuen Anfang zu glauben.

Gewiss sind das Tun und das Erleiden des Bösen nicht immer auf verschiedene Personen und Personengruppen verteilt. Auch Opfer können zu Tätern werden, und in vielen Menschen sind die Täterseite und die Opferseite des Bösen untrennbar ineinander verzahnt. Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass der kommende Richter uns als Täter richtet und als Opfer aufrichtet, den Pharisäer in uns abweist und den Sünder in uns annimmt und uns so auch mit uns selbst versöhnt. Das Richten von Opfern und Tätern ist immer ein soziales Richten. Wir stehen nicht einsam und auf uns selbst gestellt vor dem Richter wie in menschlichen Strafgerichtshöfen oder in nächtlichen Gewissensqualen. Die Täter stehen da zusammen mit ihren Opfern, Kain mit Abel, die Gewalthaber mit den Ohnmächtigen, die Mörder mit den Ermordeten. Denn die Leidensgeschichte der Menschheit ist unlösbar mit der Schuldgeschichte verbunden.

Immer sind es ungelöste und unlösbar gewordene soziale, politische und persönliche Konflikte, in denen die einen zu Tätern und die anderen zu Opfern der Sünde werden. Wie in den Auschwitzprozessen und in den südafrikanischen Truthcommissions zu sehen war, haben die Opfer ein langes, weil quälendes, Gedächtnis, die Täter jedoch nur ein kurzes, wenn überhaupt ein Gedächtnis. Um zu ihrer Wahrheit zu kommen, sind die Täter darum auf die Erinnerungen ihrer Opfer angewiesen, müssen auf ihre Berichte hören und sich selbst mit den Augen ihrer Opfer ansehen lernen, auch wenn das schrecklich und zerstörend ist.

Dialektischer Universalismus

Wir fragen zum Schluss nach der gegenwärtigen Praxis, die aus dieser Zukunftserwartung folgt. Wie vergegenwärtigen wir die kommende Gerechtigkeit Christi?

Ein amerikanischer Freund fragte seine baptistische Großmutter nach dem Ende der Welt, und sie antwortete mit dem geheimnisvollen schaurigen Namen: "Harmaggedon". Das ist nach Offenbarung 16,16 der Endkampf Gottes mit den Teufeln, heute verallgemeinert der Kampf der Guten gegen die Bösen mit dem Endsieg der Guten am Schluss. Aus dieser Vorstellung vom Ende haben amerikanische Fundamentalisten ein modernes, phantastisches Endkampfszenario entwickelt. Ein solches Szenario installiert und rechtfertigt das "Freund- Feind-Denken" als grundlegende politische Kategorie. George W. Bush Jr. erfand zu diesem Zweck die "axis of evil", die vom Irak über den Iran nach Nordkorea reichen soll. "America ist at war", verkündete er nach "September 11" und "wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Weil jedoch kein Staat die USA angegriffen hatte, sondern die kriminelle Islamistenbande El Qaida, wird Amerika "at war" bleiben. In welchem Krieg? Es ist der apokalyptische Krieg gemeint, Harmaggedon hat schon begonnen!

Eine ganz ähnliche Wirkung auf die Gegenwart hat die in Christentum und Islam übliche Gerichtserwartung. Ist das Ende der Welt das Gericht Gottes über Gläubige und Ungläubige mit dem doppelten Ausgang: die Gläubigen in den Himmel, die Ungläubigen in die Hölle, dann wird die Gegenwart unausweichlich vom religiösen Freund-Feind-Denken beherrscht: Hier die Gläubigen im "Haus Gottes" - dort die Ungläubigen im "Haus des Krieges". Da es für Ungläubige keine Hoffnung gibt, kann man sie schon hier mit Verachtung oder Terror bestrafen. Ungläubige sind Feinde des Gläubigen, weil sie Feinde Gottes sind. Die Vorwegnahme des jüngsten Gerichts durch die Trennung der Menschen in Gläubige und Ungläubige mit denkbarer Verfolgung der Ungläubigen als Feinde Gottes ist falsch, weil sie gottlos ist. Gott ist nicht der Feind der Ungläubigen und auch nicht der Henker der Gottlosen. "Gott hat alle beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme" (Römer 11,32). Also müssen wir alle Menschen, gleich welchen Glaubens oder Unglaubens, als solche ansehen und achten, derer sich Gott erbarmt hat. Wer immer sie sind, Gott liebt sie, Christus ist auch für sie gestorben und der Geist Gottes wirkt in ihrem Leben. Also können wir nicht gegen sie sein.

Die allumfassende Hoffnung auf Gottes Zukunft begründet diese Grenzenlosigkeit der Liebe. Warum sollten wir den anderen Glauben, den Aberglauben oder den Unglauben anderer Menschen ernster nehmen als das Erbarmen Gottes mit ihnen? Das war ein Thema für die Christenheit im atheistischen DDR-Staat. In unserem Umgang mit Menschen anderer Religionen kann es nicht anders sein. Die Differenzen zwischen Gläubigen, Andersgläubigen und Ungläubigen sind da, aber sie sind aufgehoben im Erbarmen Gottes mit allen.

Der christliche Universalismus hindert nicht die Parteinahme für die Opfer von Unrecht und Gewalttat, sondern fordert sie. In einer gespaltenen und feindseligen Welt kann der Universalismus des Erbarmens Gottes mit allen nur durch die bekannte "preferential Option for the Poor" bezeugt werden. Gott selbst handelt in der Geschichte einseitig zugunsten der Opfer, um durch sie auch die Täter zu retten. Jesus ruft die Mühseligen und Beladenen zu sich, nimmt die Sünder an und lässt die Pharisäer leer ausgehen. Für Paulus ist die Gemeinde selbst ein Zeugnis für dieses einseitige Handeln Gottes zugunsten aller Menschen: "Seht eure Berufung an: nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Edle sind berufen, sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er die Weisen zuschanden mache, und was schwach ist vor der Welt, hat Gott erwählt, dass er zu Schanden mache, was stark ist, und das, was nichts ist, dass er zunichte mache, was etwas ist, auf dass sich kein Fleisch vor ihm rühme" (1. Korinther 1, 26-29). Darum singen wir: "Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit."

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Quelle:jungekirche.de

Sonne der Gerechtigkeit

Ökumenisches Kirchen-Lied

 1. Sonne der Gerechtigkeit,
gehe auf zu unsrer Zeit;
brich in deiner Kirche an,
daß die Welt es sehen kann.
Erbarm Dich, Herr!

2. Weck die tote Christenheit
aus dem Schlaf der Sicherheit,
das sie deine Stimme hört,
sich zu deinem Worte kehrt.
Erbarm Dich, Herr!

3. Schaue die Zertrennung an,
der sonst niemand wehren kann;
sammle großer Menschenhirt,
alles was sich hat verirrt.
Erbarm Dich, Herr!

4. Tu der Völker Türen auf;
deines Himmelreiches Lauf
hemme keine List noch Macht.
Schaffe Licht in dunkler Nacht!
Erbarm Dich, Herr!

5. Gib den Boten Kraft und Mut,
Glauben, Hoffnung, Liebesglut,
und lass reiche Fruch aufgehn,
wo sie unter Tränen sä'n.
Erbarm Dich, Herr!

6. Laß uns deine Herrlichkeit
sehen auch in dieser Zeit
und mit unsrer kleinen Kraft
suchen, was den Frieden schafft.
Erbarm Dich, Herr!

7. Lass uns eins sein, Jesu Christ,
wie du mit dem Vater bist,
in dir bleiben allezeit,
heute wie in Ewigkeit.
Erbarm Dich, Herr!

8. Kraft, Lob, Ehr und Herrlichkeit
sei dem Höchsten allezeit,
der, wie Er ist drei in ein,
uns in ihm lässt eines sein.
Erbarm Dich, Herr!

Lied, Autor: Christian David
(1692 - 1751), C.G.Barth, C. Nehring