Das Christentum und die anderen Religionen

Für Christen ist Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das bedeutet aber nicht, dass alle anderen Wege Sackgassen wären.

 

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Grafik: Martina Taylor via pixelio.de

Geschrieben von Dr. Robert Harsieber

Für Christen ist Gott „Ursprung und Ziel aller Menschen“ (Nostra aetate), und in Jesus Christus hat Er sich allen Menschen zugewandt. Wer in Christus die Wahrheit anerkennt, ist damit noch nicht „im Besitz der Wahrheit“, sondern hat einen Maßstab, den jede/r vor allem auf sich selbst anwenden muss. Darauf kommt es an und nicht auf die Zugehörigkeit zu einer Konfession.

Diese Sicht vertritt die Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil (wieder), und das sagt auch Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI.: „Nicht das (religiöse) System und das Einhalten eines Systems rettet den Menschen, sondern ihn rettet, was mehr ist als alle Systeme und was die Hoffnung aller Systeme darstellt: Die Liebe und der Glaube, die das eigentliche Ende des Egoismus und der selbstzerstörerischen Hybris sind. Die Religionen (und auch das Christentum) helfen soweit zum Heil, soweit sie in diese Haltung hineinführen; sie sind Heilshindernisse, soweit sie den Menschen an dieser Haltung hindern.“

Derselbe Geist ist weltweit am Werk

In Jesus Christus ist die Güte Gottes in unüberbietbarer Weise Mensch geworden, das heißt aber nicht, dass damit alles andere hinfällig und generell falsch wäre. Auch die anderen Religionen können Manifestationen des Heiligen und Wege sein, die zu Gott führen. Die Selbstoffenbarung Gottes ist in der Person Jesu zwar konzentriert, aber nicht auf sie begrenzt. Jesus ist für Christen die endgültige, aber nicht einzige Offenbarung Gottes. „In anderen Religionen (und über sie hinaus) kann daher derselbe bestimmte Logos und Geist unbedingter Liebe am Werk sein, der in Jesus Christus authentisch Ereignis geworden ist.“ (Hans Kessler).

Das Wort Gottes ist in Jesus Christus Fleisch geworden, es ist aber auch „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9). Es ist der Geist, der „weht, wo er will“ (Joh 3,8), auch in anderen Religionen. Wo immer die Güte und die Liebe wohnen, dort wohnt Gott – auch in anderen Religionen. Die Liebe Gottes ist in Jesus inkarniert, geht aber nicht in ihm auf. Wesentlich zu sehen ist aber: Auch wenn Christus die endgültige Offenbarung ist, unsere menschliche Erkenntnis ist doch nie endgültig. Wir können diese Offenbarung nie ganz ausschöpfen. Man möge nur bedenken, wie schwer sich sogar die Jünger – die drei Jahre mit ihm verbracht haben und ihm so nahe waren – getan haben, zu erkennen, wer er in Wirklichkeit ist.

Das dialogische Prinzip

Im Christentum (wie im Judentum und anderen Religionen) ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen zentral. Liebe ist aber ein dialogisches Prinzip. Der Dialog – auch mit anderen Kulturen und Religionen – ist Christen damit Auftrag. Dabei muss niemand den eigenen Standpunkt aufgeben, ohne den ein Dialog ohnehin schwer zu führen wäre. Dieser Dialog führt oft sogar dazu, das Wesentliche am eigenen Glauben tiefer zu verstehen.
Jesus wollte die Menschen nicht zu einer neuen Religion, sondern zu einer vertieften Gottesbeziehung führen. Es erlangt auch niemand das Heil durch die bloße Zugehörigkeit zu einer Religion, sondern erst durch eine lebendige Gottesbeziehung. Für Christen durch die grenzenlose Liebe und unendliche Barmherzigkeit Gottes, die in Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die aber auch in anderen Religionen am Werk ist.  

Dialog oder Patchwork?

In den 1960er und 1970er Jahren kam es zu einem spirituellen Aufbruch der Jugend. Die eigene westliche Kultur schien zu eng geworden, man suchte in anderen Religionen und Systemen und begann, sich mit Exotischerem zu beschäftigen. Dabei gab es durchaus auch ernsthafte Beschäftigung mit dem Anderen, und nicht wenige sind auch – mit einem größeren Verständnis von Religion – in ihre eigene Kultur zurückgekehrt.
Wie so viele ist auch diese Welle abgeflaut und verflacht. Heute haben wir vielfach „Patchwork-Weltbilder“: Wer sich mit anderen Kulturen beschäftigt, nimmt sich von überall das, was ins eigene Weltbild passt. Alles Unverständliche, Mühsame und Unbequeme wird ausgespart. Das ergibt dann nicht unbedingt ein Ganzes. Religionen sind vieles, sie sind aber nie bequem. Wer aber dem Anspruch an die eigene Existenz ausweicht, wird keiner Religion gerecht. Während alle Religionen vom Ego wegführen – das im „Nichts“, im Nicht-Etwas erlöschen muss (Buddhismus; über das Ziel weigerte sich der Buddha zu reden) oder an dessen Stelle etwas Größeres treten muss (Paulus: „Nicht Ich lebe, sondern Christus lebt in mir“), um nur zwei diametrale Wege zu nennen – sammeln Patchwork-Religiöse nur das, was ihrem Ego förderlich ist

Ein Dialog der Religionen ist heute wichtiger denn je. Globalisierung und multikulturelle Gesellschaften machen es heute schon für das soziale Zusammenleben notwendig, sich mit anderen Religionen und Kulturen zu beschäftigen. Voraussetzung dafür ist Verständnis, Offenheit und der Blick für das Ganze.


 Dr. Robert Harsieber (Wien)  ist Fachjournalist
(Wissenschaft, Wirtschaft und Medizin)