Die Zweinaturenlehre

Jesus: Wahrer Gott und wahrer Mensch


Jesus als Guter Hirte, frühchristliche Deckenmalerei
in der Calixtus-Katakombe in Rom, um 250

Wir Christen feiern am Heiligen Abend (24.12.) die Geburt Jesu. Die Eltern von Jesus sind Maria. Und Josef? Maria "wusste von keinem Manne", sondern hat Jesus "durch den Heiligen Geist empfangen", so steht es in der Bibel.
Durch diesen kurzen erzählten "Familienstammbaum" wurden jahrhundertelang die berühmten theologischen Fragen nach Trinität und Zweinturenlehre aufgeworfen.
Die Zweinaturenlehre besagt, dass Jesus, der Christus, wahrer Mensch und auch wahrer Gott sei.
Und: Was ist die Dreieinigkeit? Gott gleich Vater und Sohn und Heiliger Geist.
Bei dieser dogmatischen Setzung kommt es zu erheblichen Asymmetrien zwischen theologischer Reflexion und praktischer Frömmigkeit.

Die Trinität wurde 451 beim Konzil von Chalkedon zum Dogma erhoben: Jesus Christus ist „wahrer Gott“ (die zweite Person der Trinität) und „wahrer Mensch“ zugleich. Beide „Naturen“ seien unwandelbar, ungetrennt, ungeteilt und unvermischt. Man bezeichnet dieses Ergebnis daher auch als Zwei-Naturen-Lehre. Demnach ist Christus wahrer Gott, weil er nur so als die wahre Selbstoffenbarung Gottes verstanden werden kann.

Dass Gott in ihm zugleich wahrer Mensch ist, soll festhalten, dass die Menschen in ihm wirklich erlöst sind. Dieses Dogma ist bis heute gemeinsame ökumenische Lehrgrundlage der christlichen Kirchen, außer für die damals widersprechenden Altorientalischen Kirchen. Auf dieser Basis baute fortan der Hauptstrom der christologischen Diskussion auf.


Der Jesuit Prof. Peter Knauer nimmt sich dieses Themas an:
 
Die chalkedonensische Christologie
als Kriterium für jedes christliche Glaubensverständnis
 

Auszug aus dem verlinkten Text:

Die entscheidende Aussage der so genannten "Zwei-Naturen-Lehre des Konzils von Chalkedon (451) besteht darin, dass in Jesus Gottsein und Menschsein weder "getrennt" voneinander noch miteinander "vermischt" bestehen. Zum Verständnis dieser Aussage bedarf es einer relationalen Ontologie: Gottsein und Menschsein bleiben voneinander "unterschieden", sind jedoch aufeinander "bezogen".

Zunächst sei der Text des Dogmas in einer eigenen, nach dem Sinn gegliederten Übersetzung vorgelegt; von besonderer Wichtigkeit ist dabei die genaue Übertragung der griechischen adverbial gebrauchten Verbaladjektive, die das Verhältnis von Gottsein und Menschsein in Christus bestimmen:

 

Das Dogma von Chalkedon (451)

"Indem wir also den heiligen Vätern folgen, lehren wir alle übereinstimmend, unseren Herrn Jesus Christus als ein und denselben Sohn zu bekennen:
Er ist vollkommen als derselbe im Gottsein
    und vollkommen als derselbe im Menschsein;
wahrhaft Gott
    und als derselbe wahrhaft Mensch aus Vernunftseele und Leib;
gleichen Wesens mit dem Vater dem Gottsein nach
    und als derselbe gleichen Wesens mit uns dem Menschsein nach, in allem uns gleich mit
    Ausnahme von Sünde;
vor aller Zeit aus dem Vater gezeugt dem Gottsein nach,
    als derselbe in den Letzten Tagen jedoch um unserer- und unseres Heiles willen aus der Jungfrau
    Maria, der Gottesgebärerin, dem Menschsein nach.
Er wird erkannt als ein und derselbe Christus, Sohn, Herr, Einziggeborene in zwei Naturen

        ohne Vermischung, avsugχύτως

ohne Veränderung, avτρέπτως

ohne Teilung, avdiairέτως 

ohne Trennung, avcwri,stwj 

In keiner Weise wird die Unterschiedenheit der Naturen durch die Einigung aufgehoben;
vielmehr wird die Eigenart einer jeden Natur bewahrt und kommt zusammen zu einer Person und Hypostase.
Er ist nicht in zwei Personen gespalten oder geteilt,
sondern ein und derselbe Sohn, Einziggeborene, Gott, Logos, Herr Jesus Christus,
wie einst die Propheten über ihn und Jesus Christus selbst uns unterwiesen und das Glaubensbekenntnis der Väter uns überliefert hat.
Da dies von uns mit aller allseitigen Genauigkeit und Sorgfalt formuliert worden ist, hat die Heilige und Ökumenische Synode bestimmt, dass es niemandem erlaubt ist, einen anderen Glauben vorzutragen oder anders zu schreiben, zu verfassen, zu denken oder zu lehren."

 

Dieses Dogma – heute gewöhnlich als die "Zwei-Naturen-Lehre" bezeichnet – besagt: Von Jesus ist sowohl das wahre Gottsein wie das wahre Menschsein auszusagen. Dabei wird das Gottsein Jesu ausdrücklich als in der Weise der Sohnschaft auf den Vater bezogen verstanden, und die Menschwerdung wird als ein geschichtliches Geschehen um unseres Heiles willen gesehen. Als Mensch ist Jesus "in allem uns gleich mit Ausnahme von Sünde".

    Dieses Glaubensverständnis in bezug auf Jesus wird auf Jesu eigene Verkündigung zurückgeführt und als etwas verstanden, worin die Kirche notwendig übereinstimmen muss. Abschließend weist der Text selbst darauf hin, dass er "mit aller allseitigen Genauigkeit und Sorgfalt" formuliert worden sei. Er will bei seiner Genauigkeit behaftet werden.

    Angesichts dieser Selbsteinschätzung der Konzilsaussage könnte es als ein überraschender Befund erscheinen, dass heutige christologische Traktate den Begriffen, mit denen das Konzil das Verhältnis der beiden Naturen in Jesus Christus zueinander aussagt, kaum besondere Aufmerksamkeit zuwenden und jedenfalls wenig damit anzufangen wissen. Man stellt gewöhnlich nur fest, dass es sich bei dem
avsugχύτως, avτρέπτως, avdiairέτως, avcwri,stwj um lediglich negative, abgrenzende Begriffe handele und man im übrigen vor einem unerklärlichen Geheimnis stehe.

    So schreibt z.B. Michael Schmaus: Das Konzil "sah seine Aufgabe darin, zu erklären, wie Christus zugleich einer und zwei sein könne ... Wir müssen bekennen, dass es zwar keine vollbefriedigende Antwort gab. Aber man muss hinzufügen, dass eine solche wahrscheinlich unmöglich ist. Denn gerade diese Frage führt uns in das innerste Geheimnis der ,hypostatischen Union' hinein, das zwar immer mehr erhellt, aber letztlich nicht erklärt werden kann. ... Negativ wurde ... zwar jede Trennungstheologie und jede Identitätstheologie ausgeschlossen. Aber gerade die Kernfrage, inwieweit die menschliche Natur Realität behalten könne, wenn ihr eine nicht in ihr selbst wurzelnde Personalität zugesprochen werde, blieb unbeantwortet." (Der Glaube der Kirche, Band IV, 2, St. Ottilien 1980, 131 und 134).

    Ähnlich erklärt Hermann Dembowski, die Rede des Konzils sei "eindeutig nur in ihrer Negation", nämlich der "Abgrenzung gegen ein Trennen der göttlichen und menschlichen Natur ... wie gegen deren Vermischung". "Das ermöglicht eine klare Abgrenzung der verantwortlichen christologischen Aussage und das bedeutet schließlich die Einsicht, dass das Zusammensprechen von Gott und Mensch im Blick auf Jesus von Nazareth nicht in einem bruchlos aufgehenden Entwurf möglich ist." (Einführung in die Christologie, Darmstadt 1976, 110)

    Piet Smulders kritisiert die Formel von Chalkedon mit der Bemerkung: "Wenn man die ,Naturen' Gottes und des Menschen so leicht unterscheidet, wie Chalkedon das voraussetzt, ist dann die menschliche Erscheinung und das menschliche Handeln Jesu noch Selbstoffenbarung Gottes?" (Dogmengeschichtliche und lehramtliche Entfaltung der Christologie, in: MySal III, l, Einsiedeln 1970, 468)

    Karl Rahner ist der Auffassung, dass in der Formel von Chalkedon der "Einheitspunkt in der hypostatischen Union" unbestimmt bleibe (Grundkurs des Glaubens, Freiburg 1976, 285). Nach ihm werden die beiden Naturen "nicht in eine dritte ,Natur' vermischt, sondern bestehen .ungetrennt' (vom Logos) und ,unvermischt' (unter sich)" (ebd. 281). Die Begriffe "unvermischt" und "ungetrennt" werden hier offenbar als untereinander so gegensätzlich verstanden, dass man sie nur miteinander vereinbaren kann, indem man sie auf Verschiedenes bezieht.

    Es handelt sich nach der wohl allgemeinen Auffassung bei dem "unvermischt" und "ungetrennt" um die untereinander "extremen Pole" einer "christologischen Spannung". Symptomatisch für die Verstehensschwierigkeiten gegenüber dem chalkedonensischen Dogma ist ferner die heute in bezug auf die verschiedensten Themen sehr häufig anzutreffende sprachliche Verwechslung von "unterscheiden" und "trennen".

    Demgegenüber ist zum einen zu fragen, ob der Begriff des Glaubensgeheimnisses richtig interpretiert wird, wenn man es für nicht genau aussagbar hält. Damit wird Glaubensgeheimnis mit einer logischen Schwierigkeit verwechselt. Unter einem Glaubensgeheimnis ist in Wirklichkeit ein Sachverhalt zu verstehen, den man nicht bereits mit der bloßen Vernunft an der Welt ablesen kann, sondern der nur durch das Wort Gottes zur Gegebenheit kommt. Sowohl seine positive Möglichkeit wie seine Wirklichkeit werden allein im Glauben erkannt. "Schwierig" wird ein Glaubensgeheimnis jedoch nur da, wo man sich darauf versteift, den neuen Wein der christlichen Botschaft weiterhin in alte Schläuche zu gießen. Die christliche Botschaft läßt sich nicht in das von ihr vorgefundene menschliche Vorverständnis einordnen, sondern sie mutet dem Menschen zu, sich bis in sein mitgebrachtes Vorverständnis hinein in Frage stellen zu lassen und alles erneut zu prüfen. Sie bringt gewissermaßen ihre eigene, neue Philosophie mit sich, die sich dann gegenüber jeder Prüfung bewährt. Anstatt sich einordnen zu lassen, will sie selbst als das letzte, alles umfassende Wort über unsere menschliche Wirklichkeit verstanden werden.

    Zum anderen ist zu fragen, ob "ohne Vermischung" und "ohne Trennung" tatsächlich einander ausschließende Gegensätze sind. Das sind sie nur, solange man sich eine Einheit voneinander verschiedener Wirklichkeiten nur als deren wenigstens partielle Identifikation vorstellen kann. Innerhalb substanzmetaphysischen Denkens ist dies die einzige Möglichkeit, eine Einheit von Verschiedenem auszusagen. Substanzmetaphysisch ist dasjenige Denken, für das die Kategorie der Relation grundsätzlich der der Substanz nachgeordnet ist.

    Bereits von ihrem Schöpfungsverständnis her verlangt die christliche Botschaft jedoch ein relationalontologisches Denken. Die Welt kann in ihrer gesamten Eigenwirklichkeit Gott gegenüber nicht anders denn als von vornherein restloses Bezogensein auf ihn in restloser Verschiedenheit von ihm verstanden werden. Denn ihre Geschöpflichkeit kann nicht als eine zu ihrem Eigensein hinzukommende Eigenschaft verstanden werden, sondern ist mit diesem Eigensein von vornherein völlig identisch. Und die Welt kann als das, was restlos darin aufgeht, ohne Gott nicht sein zu können, nicht in einer Weise gedacht werden, dass sie additiv zu Gott hinzukommt, als sei Gott und Welt zusammen mehr als Gott allein
1.

1    Vgl. dazu das ungewöhnlich aufschlußreiche Buch von R. Sokolowski, The God of Faith and Reason – Foundations of Christian Theology, Notre Dame 1982. Der Autor geht erneut auf die Anselmsche Gottesdefinition "id quo maius cogitari nequit" ein. Er erläutert, dass es sich dabei keineswegs nur um einen freischwebenden Begriff handelt, sondern um eine Aussage auch über die Welt selbst: Gott ist solcherart, dass Gott und Welt zusammen nicht noch mehr oder besser sind als Gott allein. Dies kann man nur behaupten, wenn man die Welt als aus dem Nichts geschaffen versteht, und das heißt als restlos in ihrem Bezogensein auf Gott in Verschiedenheit von ihm aufgehend. Auch im Denken kann die Welt nicht mehr vergotten werden, sondern es gilt: "The most fundamental thing we come to in Christianity, the distinction between the world and God, is appreciated as not being the most fundamental thing after all, because one of the terms of the distinction, God, is more fundamental than the distinction itself." (33)

    Unter der Voraussetzung, dass die Welt vollkommen in ihrem Bezogensein auf Gott aufgeht, ist nach der christlichen Botschaft eine reale Beziehung Gottes auf die Welt nur noch in der Weise aussagbar, dass die Welt in eine Beziehung Gottes auf Gott aufgenommen ist. Die christliche Botschaft verkündet, dass die Liebe Gottes zur Welt im voraus dazu die Liebe des Vaters zum Sohn ist, die der Heilige Geist ist. Gottes Liebe zur Welt hat nicht an dieser selbst ihr Maß, sondern wird durch das ewige, göttliche Gegenüber Gottes, den Sohn, konstituiert. Dies ist es, worauf sich christlicher Glaube verläßt.

    So stellt das trinitarische Gottesverständnis die erste Antwort auf die Frage nach der Vermittlung von Gott und Welt dar. Eine reale Beziehung Gottes zur Welt läßt sich nur dann aussagen, wenn nicht die Welt ihr konstitutiver Terminus ist, sondern wenn diese Beziehung "vor Grundlegung der Welt" (vgl. Joh 17,24; Eph 1,4; 1 Petr 1,20) bereits besteht als eine Beziehung Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn. Diese reale Beziehung ist selbst Gott, nämlich der Heilige Geist.

    Wenn die Welt nicht selbst der konstitutive Terminus der Liebe Gottes zu ihr sein kann, dann ist sie auch nicht das Maß der Liebe Gottes. Das bedeutet aber, dass man Gottes Liebe zu ihr nicht an ihr selber ablesen kann; diese Liebe bleibt vielmehr so lange verborgen, bis sie zur Welt "dazugesagt" wird. Wo diese Liebe Gottes, die an nichts Geschaffenem ihr Maß hat, sich aussagt, sprechen wir von "Wort Gottes".

    Die christliche Botschaft versteht unter "Wort Gottes" das Geschehen der Selbstmitteilung Gottes in dem mitmenschlichen Wort der Weitergabe des Glaubens. Weil Wort seinem Wesen nach mitmenschliche Kommunikation ist, ist der Begriff "Wort Gottes" letztgültig nur dann sinnvoll, wenn Gott selbst als Mensch begegnet. Die christliche Botschaft beruft sich zur Begründung ihres "Wort Gottes"-Charakters darauf, dass der Sohn Gottes Mensch geworden ist. Die menschliche Natur Jesu wird in den göttlichen Selbstbesitz des Sohnes hineingeschaffen. Die reale Relation Gottes auf die menschliche Natur Jesu hat nicht an dieser ihren konstitutiven Terminus, sondern ist von Ewigkeit her bereits Relation der göttlichen Wirklichkeit auf sich selber. Man kann deshalb das Gottsein Jesu nicht an seiner menschlichen Natur ablesen, sondern muss es gesagt bekommen und wird ihm nur im Glauben gerecht. An Jesus Christus als den Sohn Gottes glauben bedeutet dann, sich aufgrund seines Wortes von Gott geliebt zu wissen, und zwar mit einer Liebe, die an nichts Geschaffenem ihr Maß hat und ebendeshalb im Leben und Sterben schlechterdings verläßlich ist. Diese Gewißheit befreit den Menschen aus der Macht der Angst um sich selbst, die sonst der Grund aller Unmenschlichkeit ist.

    Dieses inkarnatorische Gottesverständnis führt die bereits gegebene Antwort auf das Problem der Vermittlung von Gott und Welt weiter. Es beantwortet die Frage, auf welche Weise uns unser Hineingenommensein in die Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn, das nicht an uns selbst ablesbar ist, offenbar wird.

    Diese im Wort der Glaubensverkündigung uns als offenbare angebotene Gnade können wir jedoch nur annehmen in einem Akt, der verborgen längst von der gleichen Gnade umfangen ist. Wir müssen in Wahrheit schon immer von Gott geliebt sein, um die Verkündigung seiner Liebe so verstehen zu können, wie sie gemeint ist. Durch die Glaubensverkündigung wird nur offenbar, dass wir von vornherein in die Liebe des Vaters zum Sohn hineingeschaffen sind. Das versteht die christliche Verkündigung unter unserem "In-Christus-Geschaffensein". Der Glaube als die ausdrückliche Annahme der Gnade Gottes ist selbst das offenbare Erfülltsein vom Heiligen Geist.

    Dieses pneumatologische Gottesverständnis stellt den Abschluss der Antwort auf die Frage nach der Vermittlung von Gott und Welt dar. Nur wenn die Welt von vornherein in die Gnade Gottes, nämlich in die Liebe des Vaters zum Sohn, hineingeschaffen ist, kann Gemeinschaft mit Gott bestehen.

    Bei einer solchen relationalontologischen Interpretation des Heilsgeheimnisses lassen sich die chalkedonensischen Begriffe
avsugχύτως, avτρέπτως, avdiairέτως, avcwri,stwj  mühelos in ihrer ursprünglichen genauen Bedeutung verstehen. Der Grundsachverhalt ist, dass es um unterscheidende Inbeziehungsetzung im Gegensatz zu jeder Form von Vermischung oder Trennung geht.

    Das Wort
avsugχύτως, "ohne Vermischung", bedeutet den Ausschluß jeder auch nur partiellen Identität von Gottsein und Menschsein. Die Einheit beider besteht nicht in der Weise einer auch nur partiellen Verschmelzung. dass Gottsein und Menschsein Jesu "unvermischt" bleiben, besagt, dass sie voneinander schlechthin "unterschieden" bleiben. Das mit dem Begriff "ohne Vermischung" Gemeinte läßt sich also auch positiv mit dem Begriff der Unterschiedenheit aussagen. Die Unterschiedenheit und damit Nichtidentität von Gottsein und Menschsein bedeutet aber dann keine "Trennung", wenn Gottsein und Menschsein in Jesus Christus durch die Relation eines göttlichen Selbstbesitzes miteinander verbunden sind.

    Mit
avτρέπτως, "ohne Veränderung", ist gemeint, dass die voneinander unterschiedenen Wirklichkeiten des Gottseins und des Menschseins in sich selbst bleiben, was sie sind. Das Gottsein wird nicht gemindert, und das Menschsein wird nicht zu einem Übermenschsein gesteigert. Da das Menschsein Jesu nicht konstitutiver Terminus der Relation des göttlichen Selbstbesitzes ist, in den es aufgenommen ist, kann man nicht das Gottsein Jesu an seinem Menschsein ablesen; das Gottsein Jesu ist vielmehr nur im Glauben erkennbar. Aber gerade für diesen Glauben sind wir auf das wahre Menschsein Jesu angewiesen, weil uns nur in wirklichem menschlichen Wort, gesprochen von einem Menschen zum anderen, sein Gottsein kund werden kann. In bezug auf den Menschen Jesus glauben wir aufgrund seines Wortes, dass er der Sohn Gottes ist, der uns Anteil an seinem Verhältnis zum Vater gibt. Das ατρέπτως besagt nicht nur, dass das Menschsein Jesu in allem den Gesetzlichkeiten des Geschaffenen unterliegt, sondern begründet auch die allgemeine kirchliche Lehre von der mit der Geschöpflichkeit mitgegebenen und durch die übernatürliche Bestimmung an keiner Stelle aufgehobenen Eigengesetzlichkeit weltlicher Wirklichkeiten (vgl. bereits I. Vatikanum, DS 3019, ausdrücklicher II. Vatikanum, Gaudium et Spes, Nr. 36,2; 41,2).

    Was bedeutet
avdiairέτως, "ohne Teilung" ? Teilen kann man nur ein aus Teilen zusammengesetztes Ganzes. Gottsein und Menschsein Jesu verhalten sich nicht wie die Teile eines umfassenderen Ganzen zueinander, etwa wie zwei aneinander angrenzende Substanzen. Dies wäre ein Modell von Einheit, für dessen Beschreibung man ähnlich wie bei dem Modell der Vermischung oder Überschneidung ohne den Relationsbegriff auskommen könnte. Positiv bedeutet "ohne Teilung" bei der Einheit zweier voneinander unterschieden bleibender Wirklichkeiten, dass sie ursprünglicher eins sind als in nachträglicher Zusammensetzung. Die menschliche Natur Jesu ist vom ersten Augenblick ihrer Existenz an bereits hineingeschaffen in den Selbstbesitz des Sohnes (DS 298).

    Mit
avcwri,stwj, "ohne Trennung", schließlich ist gemeint, dass die voneinander unterschieden bleibenden Wirklichkeiten des Gottseins und des Menschseins Jesu nicht isoliert voneinander bestehen, als hätten sie nichts miteinander zu tun, sondern dass sie miteinander durch die Relation des göttlichen Selbstbesitzes, in die das Menschsein Jesu aufgenommen ist, verbunden sind. Man spricht von "hypostatischer Union", weil es das Personsein des Logos als ein göttlicher Selbstbesitz ist, das das Gottsein und das Menschsein miteinander verbindet. Für "ungetrennt" kann man sehr einfach positiv "miteinander verbunden" sagen: die eine Wirklichkeit ist auf die andere bezogen und existiert nicht ohne die andere. dass dies der ursprüngliche Sinn der Aussage von Chalkedon ist, erhellt daraus, dass bereits Tertullian formuliert hatte: "Videmus duplicem statum, non confusum, sed coniunctum, in una persona deum et hominem Jesum." (Adv. Prax. 26: ed. Evans 124, 37 ff)

    Diese Verhältnisbestimmung von Gottsein und Menschsein in Jesus Christus steht im Gegensatz zu jeder Form von Vermischung oder Trennung. Vermischung wäre immer dann gegeben, wenn man meinte, das Gottsein Jesu wirke sich an seinem Menschsein dadurch aus, dass es ihm übermenschliche Kräfte verleihe. Demgegenüber betont das Dogma von Chalkedon, dass Jesus in seinem Menschsein "in allem uns gleich ist außer der Sünde". Dieser Satz ist so formuliert, dass er keine anderen Ausnahmen zulässt. Er bedeutet: Jesus ist der Mensch, der aufgrund seines Geliebtseins vom Vater nicht aus der Angst um sich lebt und durch die Teilgabe an seinem Gottesverhältnis auch andere Menschen aus der Macht der Angst um sich selber befreie. Darin besteht die Erlösung.

    Aber auch Trennung von Gottsein und Menschsein in Jesus wird durch das Dogma ausgeschlossen. In bezug auf den Menschen Jesus selbst und nicht losgelöst von ihm wird die Gottessohnschaft geglaubt. Der Mensch Jesus selbst ist Gottes Sohn, sosehr dies nur dem Glauben zugänglich ist. Trennung bestünde darin, dass zwar Jesus uns unser Hineingenommensein in die Liebe des Vaters zum Sohn verkündet hätte, aber er selbst dafür unwichtig wäre. Vielmehr handelt es sich um unsere Anteilhabe an seinem Gottesverhältnis.

    Man darf nun dieses Dogma nicht positivistisch verstehen, als habe es Gott zwar gefallen, Gottsein und Menschsein unvermischt und ungetrennt zu belassen, aber als sei prinzipiell denkbar und möglich auch ein anderes Verhältnis, nämlich das der Vermischung. Jede Form von Vermischung von Gott und Welt ist vielmehr sowohl theologisch wie auch philosophisch ausgeschlossen. Vermischung von Gott und Welt würde nämlich die Leugnung unseres Geschaffenseins aus dem Nichts implizieren und eben damit auch die Leugnung des Gottseins Gottes. Eine Vermischung von Gott und Welt ist gegeben, wenn Gottes Handeln in der Welt als Gottes Handeln welthaft ausweisbar wäre und damit anders als im Glauben allein erkannt werden könnte. "Ohne Vermischung" bedeutet, dass jede Form von (im Grunde immer monophysitischer) Mythologie ausgeschlossen wird.

    Das "unvermischt" und "ungetrennt" hat unmittelbar kreuzestheologische Bedeutung. Wäre nämlich das Gottsein Jesu welthaft ausweisbar und somit weltlicher Weisheit zugänglich gewesen, dann hätten die Machthaber der Welt "den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt" (l Kor 2,8)

 

Anm CiD: [Das Konzil von Chalcedon (andere Schreibweisen: Chalzedon, Calcedon, Chalkedon, Kalchedon) fand vom 8. Oktober bis zum 1. November 451 in der Euphemia-Kirche in Chalcedon in Bithynien, Kleinasien (heutiger Istanbuler Stadtteil Kadıköy) statt. Es war das vierte der ersten sieben Ökumenischen Konzilien der Alten Kirche. Seine dogmatischen Definitionen werden in der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen als unfehlbar anerkannt; sie sind auch Lehrgrundlage in den evangelischen und anglikanischen Kirchen.]