Auf die Frage eines Vaters, der mit seinem Kind eine Kirche besucht hatte und die "Heiligen" bewunderte, welches das schönste Fenster gewesen sei, sagte das Kind: "Der Heilige mit dem bunten Mantel. Bei ihm schien die Sonne am schönsten durch." EV
Heilige sind Glaubenszeugen, Menschen, denen es besonders deutlich gelungen ist, den ihnen überlieferten Glauben in ihre Zeit hinein zu übersetzen und zu verlebendigen. Klassisch hat man sie - je nachdem ob ihre körperliche, geistige oder seelische Kraft besonders hervortrat - in drei Gruppen eingeordnet:
Tatsächlich sind die Heiligen aber ein überaus bunter Haufen:
Märtyrer und Wundertäter, Heilige und Heilerinnen.
Mönche, Priester und Propheten.
Schreibtischtäter, Liederdichter.
Büchernarren und Poeten.
Gelehrte und Fanatiker.
Weise, Gottesnarren.
Pilger und Asketen.
Missionare, Menschenfischer und wohl auch Menschenjäger.
Sei es, dass sie aus einer biographischen Krise hervorgegangen sind, sei es, dass sie die gesellschaftlichen Konflikte ihrer Zeit besonders tief durchlebt und durchlitten haben und zu Lösungen durchgedrungen sind - sie alle kennzeichnet, dass sie unter bestimmten Bedingungen ihren individuellen Weg des christlichen Lebens gegangen sind.
Insofern sollen die Lebensentwürfe der Heiligen nicht einfach als Vorbilder zu platter Nachahmung auffordern. Vielmehr mag die Begegnung mit ihnen dazu anregen, den eigenen Weg im Glauben zu suchen bzw. weiterzugehen.
So verstanden, können die Heiligen auch nicht von Christus ablenken. Im Gegenteil. Es ist immer wieder Christus, der in jeweils zeitbedingter Gestalt in ihrem Leben durchscheint.
Heilige sind durch ihre exemplarische Stellung nicht "die besseren Christen". Von Heiligen kann man evangelischerseits überhaupt nur sinnvoll reden, wenn wenn man darauf verzichtet, einzelne Menschen als fromme Elite von der alltäglichen Sphäre der übrigen Glaubenden abzuheben.
Der jüdische Kulturkritiker Neil Postman schreibt über christliche "Heilige":
"In Wirklichkeit hat es nie einen Christen gegeben - nicht einmal der Heilige Franziskus oder Mutter Theresa -, der in jeder Hinsicht ein christliches Leben geführt hätte. Die Geschichte des Christentums ist nur teilweise eine Geschichte von Christen. Zum größten Teil ist es eine Geschichte des ergreifenden Kampfes von Menschen darum, transzendentalen Ideen Leben zu verleihen. Dass sie auf diesem Weg gestrauchelt sind, ist schmerzlich und manchmal schändlich, aber es diskreditiert das Ziel der Geschichte nicht, deren Wesen geradezu in der Diskrepanz zwischen Ideal und Realität liegt."
Trotz aller Hochschätzung der Individualität im Protestantismus gibt es sicher auch unter evangelischen Christen manchmal das Bedürfnis, sich selbst als Teil einer größeren, weitzurückreichenden und vielfältigen Traditionskette zu erleben - aufgehoben in der "Wolke von Zeugen", von der der Hebräerbrief berichtet.
Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
(Hebr 12, 1-2)

Lippoldsberger Evangeliar - Kreis der Heiligen
Dieses Gefühl von Geborgenheit (auf dem oft so einsamen Weg der Nachfolge) zu vermitteln, war stets auch eine Funktion der Heiligen, sofern sie nicht als Einzelgestalten hervorgehoben, sondern als Tableau der "communio sanctorum" dargestellt wurden. In diesem Sinn lassen sich die alten Kirchenausmalungen verstehen, bei denen sorgsam geordnete Reihen von Heiligenfiguren die real versammelte Gemeinde umgeben und sie auf die Zentralgestalt Christus hin ausrichten.

Reihe von Heiligenfiguren
Neben diesen bildlichen Formen kennt die Liturgie auch sprachliche Weisen einer "beschwörenden" Repräsentanz der Heiligen. Während Fürbitt-Litaneien (Heilige Maria - bitte für uns! / Heiliger Johannes der Täufer - bitte für uns! / Heiliger ...) evangelischerseits nicht vollziehbar sind, gibt es doxologische Formen, die im evangelischen Gottesdienst durchaus ihren Ort haben. Zum Beispiel werden in dem Choral "Großer Gott, wir loben dich" (EG 331,1-5) verschiedene Kreise der anbetenden Wesen (Naturkräfte, Engel, Heilige) imaginiert, zu denen sich zuletzt die singende Gemeinde selbst hinzugesellt.
Zwei Orte, an denen es besonders naheliegt, die Himmel und Erde, Lebende und Tote umfassenden "communio sanctorum" liturgisch zu vergegenwärtigen, sind:"Darum vereinen wir uns mit den Engeln und allen Heiligen, deine Herrlichkeit zu preisen und einmütig zu singen ..."
"Mit allen, die uns im Glauben vorangegangen sind,
und allen, die uns folgen werden,
beten wir, wie Christus uns zu beten gelehrt hat ..."
Schließlich besteht auch die Möglichkeit, den Allerheiligentag, der durch die Ausbreitung von Halloween (= All Hallows Eve) derzeit eine etwas bizarre Aktualität erhält, im evangelischen Raum wiederzugewinnen. Zumindest Karl-Ludwig Voss (Reformationstag und Allerheiligen) plädiert dafür, den Reformationstag und Allerheiligen als sich ergänzende Daten zu begehen, in denen sich das notwendige, spannungsvolle Miteinander von Reformation und Tradition darstellen lässt.
Quelle: Kloster Lippoldsberg
http://www.klosterkirche.de/
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Leserbriefe
Dankeschön für den guten Artikel.
Ich sehe das so: "Die tiefe Bedeutung der Heiligen liegt darin, dass mit dem lebendigen Glauben der Toten der tote Glaube der Lebenden erneuert wird."
Josef Bordat
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Wie sagte es Johannes Paul II?
"Die Heiligen entfalten ihre Kraft erst richtig, wenn sie tot sind."
Wurde übrigens ein Lieblingssatz meines Vaters.
T.A.
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