Durch die Asphaltdecke wächst ein Grashalm. Sein Same war vorhanden, bevor die Decke alles zugedeckt hat. Das Leben wurde verschüttet. Aber es erlosch nicht. Klein und unscheinbar hat es der Grashalm geschafft, das Licht der Sonne zu erblicken. Das, was ihn gehindert hat, ist nun Vergangenheit. Neues Leben hat sich Bahn gebrochen. Es ist gewachsen. Zuerst ohne dass es erkannt werden konnte. Denn der Asphalt deckte alles zu. Aber dann wölbte er sich ein klein wenig. Hat man es erkennen können? Wer genau hingesehen hat, konnte es vielleicht entdecken. Aber er konnte es nicht mehr verhindern, selbst wenn er es gewollt hätte. Das Leben hat gekeimt und die Saat ist aufgegangen. Sie hat die Decke, die das Licht verdunkelt hat, abgeschüttelt. Und nun schaut der Halm durch die ansonst geschlossene Decke. Man kann ihn abrupfen. Aber der Riss im Asphalt bleibt. Und bietet Raum für neue Samenkörner, die nicht auf sich warten lassen. Eines Tages wird von dem Asphalt nichts mehr zu finden sein. Das Leben hat gesiegt.
So wächst göttliches Leben heran und lässt sich von den Sorgen und Beschwerden des täglichen Lebens nicht unterdrücken. Das Leben, das von Gott in die Seele hineingelegt worden ist, vertreibt eines Tages alles, was sich zwischen das göttliche Licht und das göttliche Leben in der Seele gestellt hat. Gott hat seinen Sohn auf die Welt gesandt, damit die alles erdrückende Decke des Gesetzes durchbrochen werden konnte. Er hat uns durch seinen Sohn Jesus Christus das göttliche Leben wieder zurückgegeben. Und dieses Leben zieht die Seele, die es in sich hat aufgenommen, hin zu seinem göttlichen Ausgangspunkt zurück.
Auf diesem Weg, den die Seele – zurück zu Gott – zurücklegt, braucht sie Unterstützung. Der Grashalm aus dem obigen Beispiel hat viel Energie dazu verwenden müssen, die harte Decke zu durchstoßen. Ein Grashalm im Garten hat es um ein vielfaches leichter. Er bekommt Licht, wird gedüngt, gegossen. Dadurch kann er viel besser und leichter wachsen. Der Seele tut eine solche Unterstützung durch die Hand eines seelischen Gärtner ebenfalls wohl. Sie kann sich leichter entfalten und dem sich zuwenden, der das Leben in sie hineingelegt hat, wenn sie darin Unterstützung findet. Diese Unterstützung ist die Aufgabe der Kirche. Und weil eine Herde einen Hirten benötigt, hat Jesus damals Petrus den Auftrag gegeben: „Weide meine Schafe, weide meine Lämmer.“ Aus diesem Auftrag ist deutlich zu erkennen, dass es die Aufgabe der Kirche ist, die Gläubigen zu versorgen und sie darin zu unterstützen, das Evangelium zu treiben. Es ist nicht die Aufgabe der Seelsorger, ihre Gemeinde dazu zu bringen, ihnen unter die Arme zu greifen.
Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus
Sondern die Aufgabe der Seelsorger, ihre Gemeinde darin zu fördern, dass diese das Evangelium treiben können. Um selbst dem Glaubensziel – einmal für alle Zeit mit Gott und unserem Erlöser vereinigt zu sein – erreichen zu können. Und möglichst durch unser Leben auch anderen dabei eine Hilfe zu sein um sie auf die Erlösung von Schuld durch das Opfer Jesu hinzuweisen. Damit sich die Gläubigen in einer Kirche verstanden fühlen, muss diese auch gewissen Anforderungen entsprechen. Nicht jeder Mensch hat dieselben Bedürfnisse und benötigt die gleiche Unterstützung. Aber für alle gilt das Wort 1. Kor. 3,11: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Deswegen muss der Grund, auf dem jede Kirche gebaut ist, auf diesem Grund errichtet werden. Wenn sie diesen Anspruch erfüllt, steht sie auf dem rechten Fundament. Unter diesen Gedanken habe ich Kriterien zusammengestellt, die für mich die Grundlage darstellen, an der ich meine Kirche messen möchte. Dies kann jeder für sich tun und dann prüfen, ob seine Kirche diese erfüllt. Aber wenn Jesus Christus der Mittelpunkt oder wie es auch Jesus von sich selbst in Mk 12,10 sagt, er der Eckstein ist, dann steht sie sicher.
Und da gelten dann die Worte wieder von Paulus an die Korinther (1.Kor.3,5-10):
Wer ist nun Paulus? Wer ist Apollos? Diener sind sie, durch welche ihr seid gläubig geworden, und das, wie der HERR einem jeglichen gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. So ist nun weder der da pflanzt noch der da begießt, etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Der aber pflanzt und der da begießt, ist einer wie der andere. Ein jeglicher aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerwerk und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeglicher aber sehe zu, wie er darauf baue.
Darum gelten die nachfolgenden Punkte nicht einer bestimmten Kirche um zu zeigen, was sie nicht hat oder um zu zeigen, was eine andere Kirche habe, sondern es sind die Punkte, die meinen Überlegungen nach notwendig sind, um den Gläubigen eine Hilfe auf ihrem Glaubensweg zu bieten. Sie lassen sich sicher noch um weitere ergänzen.
Kirche – was ich von ihr erwarte Lehre
Gottesdienst
Gemeindeleben und Seelsorge
Verwaltung
Es ließe sich sicher jeder Punkt ausführlich erörtern. Doch ich denke dies würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Ich bin der Überzeugung, dass bei Erfüllung dieser Punkte durch eine Kirche es möglich sein sollte, in jeder gläubigen Seele die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass sie sich in der Kirche in Christus geborgen fühlen kann. Dann kann Neues heranwachsen, was Gott will. Er will nicht am Alten festhalten, sondern lässt Neues entstehen. Fühlen wir es denn nicht? Wir müssen es nur wollen!
* * *
DAS BILD VOM SCHIFF DER KIRCHE

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt
(Lied von Martin Gotthard Schneider, 1963)
Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr,
Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr.
Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn?
Erreicht es wohl das große Ziel? Wird es nicht untergehn?
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!
Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein,
sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein.
Ein jeder stehe, wo er steht, und tue seine Pflicht;
wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht.
Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammen schweißt
in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!
Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, liegt oft im Hafen fest,
weil sichs in Sicherheit und Ruh bequemer leben läßt.
Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit
und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.
Doch wer Gefahr und Leiden scheut erlebt von Gott nicht viel.
Nur wer das Wagnis auf sich nimmt, erreicht das große Ziel.
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!
Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, fragt man sich hin und her:
Wie finden wir den rechten Kurs zur Fahrt im weiten Meer?
Der rät wohl dies, der andre das, man redet lang und viel
und kommt - kurzsichtig, wie man ist - nur weiter weg vom Ziel.
Doch da, wo man das Laute flieht und lieber horcht und schweigt,
bekommt von Gott man ganz gewiß den rechten Weg gezeigt!
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!
Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt:
Viel Freunde sind mit unterwegs auf gleichen Kurs gestellt.
Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein.
So läuft das Schiff nach langer Fahrt in Gottes Hafen ein.
Bleibe bei uns, Herr! Bleibe bei uns, Herr, denn sonst sind wir
allein auf der Fahrt durch das Meer. O bleibe bei uns, Herr!
Interpretation Aus: DIE BRÜCKE Jahresheft 2002
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