
Grafik: CiD
Geschrieben von Andreas Hebestreit
Unter dem Arbeitstitel "Zukunft der Kirchen – Kirche der Zukunft" referierte Prof. em. Dr. Hermann Häring, Tübingen, im Ökumenischen Forum, einer Einrichtung der Evangelischen Akademie in Zusammenarbeit mit dem Stadtkomitee der Katholiken, am 20. Oktober 2011 in den Räumen der Akademie auf der Limperstr. 15 in Recklinghausen.
"Basisökumene heute" war sein Thema, zu dem er nicht nur sachlich, nüchtern referierte, sondern freundlich, kraftvoll einen Pflug durch das Dickicht der momentanen Wucherungen der Ökumene zog – oder auch durch die verknarzten Verkümmerungen, die der relative Stillstand der Entwicklungen in letzter Zeit mit sich gebracht hatte.
So lautete auch der Text in der Vorankündigung:
„Noch immer gehört die Annäherung der Kirchen zu den großen ungelösten Problemen einer auslaufenden Epoche. Auf institutioneller Ebene wichen visionäre Hoffnungen unlösbaren Hindernissen und einer müden Stagnation. Doch wird oft übersehen, dass inzwischen eine Basisökumene entstanden ist. Sie wird von zahllosen Christen verschiedenster Konfessionen getragen, die die kirchenoffiziellen Blockaden mehr und mehr ignorieren. Nicht mehr die Fragen nach den kirchentrennenden Differenzen sind für sie interessant, sondern der Blick auf die gemeinsamen Menschheitsaufgaben, die Christen und Angehörige anderer Religionen zusammenschweißen. Aus diesem Projekt entstehen Momente einer neuen Spiritualität und einer Freiheit, ohne die eine Erneuerung der Kirche nicht denkbar ist.“
"Eiszeit" auf Leitungsebene
Dieses „Hors d'oeuvre“ führte dann in der Tat nicht nur eine ansehnliche Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern in die Akademie, sondern auch zu einem höchst interessanten, kurzweiligen, gleichwohl aber sehr ernsten Vortrag des Gastreferenten.
Dass dieser nicht nach dem Logbuch eines Kuschelkurses verlaufen würde, wurde schon am Anfang des Vortrags klar: Seit „Dominus Iesus“ sei, so Häring, gewissermaßen eine neue „Eiszeit“ in der Ökumene auf Leitungsebene angebrochen.
[Anmerkung: „Dominus Iesus“ (Latein für Der Herr Jesus) ist eine Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre der römisch-katholischen Kirche, herausgegeben vom derzeitigen Papst Benedikt XVI. als damaligem Präfekten der Kongregation. Das Dokument, das am 6. August 2000 veröffentlicht wurde, hat den Untertitel „Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“.]
Roms nachhaltige Unglücke: "Reformation, Revolution, Aufklärung“
Nichts desto trotz versank Häring nicht in Larmoyanz oder Defätismus, sondern zeigte konstruktive Wege der Beharrlichkeit und Zielführung auf, um einen „Auftaueffekt“ zu erreichen.
Zuvor holte er jedoch in der zur Verfügung stehenden Zeit weiträumig aus und reflektierte nicht nur den Besuch von Benedikt XVI. in Deutschland, insbesondere Erfurt, sondern skizzierte gerafft, aber punktgenau wesentliche Meilen- und Stolpersteine der Ökumene des jüngeren Christentums.
„Rom trifft auf Protestantismus“, „Enttäuschung von Erwartungen“ oder auch die Kollision von geistlichen Machtansprüchen in Europa waren eingangs nur einige der themenbezogenen Stichworte.
„Wer hat Recht in Europa?“ – „Wer ist den richtigen Weg gegangen?“ – dies waren dabei zwei Subthemen, die Häring leise, aber fein ziseliert abarbeitete. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, drei markante Sargnägel der Ökumene verbal zu entrosten: „Reformation, Revolution, Aufklärung“ seien drei Unglücke auf dem Kurs der Kirche Roms, die bis heute
ihre Nachwirkungen zeigen würden.
„Basis stößt auf Establishment“ - die Theologie ist gefragt
Hinter dem Berg hielt Häring aber auch nicht bei dem Stichwort „Basis stößt auf Establishment“: Klassisch-ökumenische Fragen würden nicht mehr verstanden, Grundfragen der Basisökumene im Gegenzug aber nicht mehr beantwortet. Eine Gemengelage, die den ökumenischen Sauerteig zum Gären bringt.
Sein Postulat daher: Die Theologie müsse endlich „Farbe bekennen“ und Klarheit darüber verschaffen, dass ein Konsens etwa in der Rechtfertigungslehre „in zentralen Fragen“ nicht darüber hinweg täusche, dass er „in anderen Fragen“ eben nicht bestehe. Hier habe die Theologie endlich für Konsequenzen zu sorgen.
Unter dem Stichwort „Glanz und Elend der Ökumene“ stellte Häring schließlich wie ein orthopädischer Schuhmacher die Hemm- und Laufschuhe der Ökumene dar.
„Kirchentrennungen stabilisieren“ – aber eben nur nach innen. „Erst wenn man seinen Gegner kennt, weiß man, wer man ist“ – war dabei einer der plakativen Leid- oder auch Leitsätze des Referenten.
Eilfertiges „Anti-Sakrament“
In gleicher Weise führe der Umgang mit dem Begriff der „Wahrheit“ eher zu einem zementierenden Dogmatismus, statt zu einem Miteinander.
Erfreulich sei zwar, dass die Erkenntnis „Wir sind alle getauft!“ ein Miteinander generiere, auf der anderen Seite aber eilfertig ein – so Häring – „Antisakrament“ zur Verfügung stünde, um dieses „Miteinander“ zu relativieren. Dieses sehe er im Amtsverständnis der römisch-katholischen Kirche, das – pointiert – in dem Lehrsatz gipfele:
„Wo zwei oder drei – und ein Bischof – sich in meinem Namen versammeln, will ich mitten unter ihnen sein.“
– In der Tat ein Satz, mit dem der Berichtverfasser sein Nicken aus der Warte des Sonderbeobachters bestätigt sieht.
Worthülsenentkernter Kultus
Trotz all der in den Raum gemalten Minuszeichen sieht Häring jedoch auch positive Schriften an der Wand.
So sei eine neue Mentalität auf dem Weg der Ökumene zu erkennen, die von der Basis geprägt sei. Eine neue Nähe zur Schrift, ein neuer Kultus der Begegnungen sei hier zu konstatieren. Und auch die fortschreitende Säkularisierung der Umwelt sei eine Chance: Wer Christ ist, bekenne sich nicht mehr leichtfertig oder oberflächlich zu seinem Glauben, sondern reflektiert, wohlüberlegt und worthülsenentkernt.
"Was ist Basisökumene?"
„Was ist Basisökumene?“ war im letzten Teil des Vortrags sodann eine mit Spannung erwartete Frage, die Häring selbst in den Raum stellte.
Er stellte dabei die gemeinsame Verantwortung aller Christen und eine gemeinsame Vision in den Raum, unterstrich das Stichwort „keine Wahrheit ohne ein Miteinander und ohne Gespräch“, ein „Wir reden mit!“ und die Aussage „Was in der Welt läuft, weiß kein Bischof allein, sondern lediglich die Summe Aller“ zur Diskussion.
Realisierung charismatischer Gemeindestrukturen
Dabei forderte er eine neue ökumenische Freiheit ein, die Freiheit der Kinder Gottes zu verwirklichen, postulierte die Realisierung charismatischer Gemeindestrukturen, die Überprüfung von Ämtern an ihrem Handeln und eine neue weltbezogene Kreativität.
Im Sinne des vielzitierten „versöhnten Verschiedenseins“ trat er zudem für eine Überwindung der Furcht vor dem Anderen ein, forderte Toleranz aus Respekt, nicht aus Duldung, proklamiere die Entdeckung des Reichtums aus Vielfalt, statt Häresie zu fürchten.
Fazit
Insgesamt stellte der Abend einen sehr lohnenden Abriss entscheidender Grundfragen der Ökumene dar und ließ die Anwesenden nicht mit bohrenden, nicht beantworteten Fragen zurück, sondern entließ sie mit perspektivischen Aussichten auf eine aus dem Miteinander geborene Zeit des Auftauens eiszeitähnlicher Strukturen und Phänomene
kirchengeschichtlicher Neuzeit.
Fazit: Ein lohnender Abend mit bedenkenswerten Ansätzen.
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