Das Augustinerkloster in Erfurt ist ein ab 1277 erbautes, ehemaliges Kloster der Augustiner-Eremiten, in dem Martin Luther zwischen 1505 und 1512 als Mönch lebte. Im Löwen- und Papageien-Fenster der Chorfenster der Augustinerkirche des Klosters befindet sich das Vorbild der Lutherrose. Nach der Reformation ging das Kloster 1525 in den Besitz der Evangelischen Kirche über; 1559 wurde es von der Stadt Erfurt säkularisiert. 1945 wurden Teile des Klosters bei einem Luftangriff zerstört. 1996 bezogen Schwestern der evangelischen Communität Casteller Ring einen Teil des Gebäudes, das ansonsten vor allem als Tagungs- und Begegnungszentrum genutzt wird.
Jetzt hat es Papst Benedikt XVI besucht. Präses Schneider und Erzbischof Zollitsch betonten Anfang des Jahres, dass das Erfurter Augustinerkloster ein stimmiger Ort für das Gespräch sei.
Papst enttäuscht Hoffnung auf Ökumene. Viele Katholiken und Protestanten sehnen sich nach einer Annäherung der beiden Konfessionen. Papst Benedikt XVI. stellt bei einem gemeinsamen Gottesdienst in Erfurt allerdings klar, dass es keine schnellen Fortschritte in der Ökumene geben wird. Der christliche Glaube sei keine Verhandlungssache, so der Papst.
Zur Ökumene sagte der Papst in seiner Andacht:
"Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluss eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiss, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so dass dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann.
Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit."
Andacht bei Ökumene-Treffen in Erfurt:
Die Predigt des Papstes im Wortlaut
Liebe Brüder und Schwestern!
„Nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben“
(Joh 17,20) – so hat Jesus nach dem Johannes-Evangelium im Abendmahlssaal zum Vater gesagt. Er bittet für die künftigen Generationen von Glaubenden. Er blickt über den Abendmahlssaal hinaus in die Zukunft hinein. Er hat gebetet auch für uns. Und er bittet um unsere Einheit. Dieses Gebet Jesu ist nicht einfach Vergangenheit. Immer steht er fürbittend für uns vor dem Vater, und so steht er in dieser Stunde mitten unter uns und will uns in sein Gebet hineinziehen. Im Gebet Jesu ist der innere Ort unserer Einheit. Wir werden dann eins sein, wenn wir uns in dieses Gebet hineinziehen lassen.
Sooft wir uns als Christen im Gebet zusammenfinden, sollte uns dieses Ringen Jesu um uns und mit
dem Vater für uns ins Herz treffen. Je mehr wir uns in dieses Geschehen hineinziehen lassen, desto mehr verwirklicht sich Einheit.
Ist das Gebet Jesu unerhört geblieben? Die Geschichte der Christenheit ist sozusagen die sichtbare Seite dieses Dramas, in dem Christus mit uns Menschen ringt und leidet. Immer wieder muss er den Widerspruch zur Einheit erdulden, und doch auch immer wieder vollzieht sich Einheit mit ihm und so mit dem dreieinigen Gott. Wir müssen beides sehen: Die Sünde des Menschen, der sich
Gott versagt und sich in sein Eigenes zurückzieht, aber auch die Siege Gottes, der die Kirche erhält durch ihre Schwachheit hindurch und immer neu Menschen in sich hineinzieht und so zueinander führt. Deshalb sollten wir bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt. Und diese Dankbarkeit muss zugleich Bereitschaft sein, die so geschenkte Einheit nicht zu verlieren mitten in einer Zeit der Anfechtung und der Gefahren.
Die grundlegende Einheit besteht darin, dass wir an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde glauben. Dass wir ihn als den Dreifaltigen bekennen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die höchste Einheit ist nicht monadische Einsamkeit, sondern Einheit durch Liebe.
Wir glauben an Gott – den konkreten Gott. Wir glauben daran, dass Gott zu uns gesprochen hat und einer von uns geworden ist. Diesen lebendigen Gott zu bezeugen ist unsere gemeinsame Aufgabe in der gegenwärtigen Stunde.
Braucht der Mensch Gott, oder geht es auch ohne ihn ganz gut? Wenn in einer ersten Phase der Abwesenheit Gottes sein Licht noch nachleuchtet und die Ordnungen des menschlichen Daseins zusammenhält, scheint es, dass es auch ohne Gott geht. Aber je weiter die Welt sich von Gott entfernt, desto klarer wird, dass der Mensch in der Hybris der Macht, in der Leere des Herzens und im Verlangen nach Erfüllung und Glück immer mehr das Leben verliert. Der Durst nach dem Unendlichen ist im Menschen unausrottbar da. Der Mensch ist auf Gott hin erschaffen und braucht
ihn.
Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muss es sein, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die Antwort zu geben, die sie braucht. Zu diesem Grundzeugnis für Gott gehört dann natürlich ganz zentral das Zeugnis für Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, der mit uns gelebt hat, für uns gelitten hat und für uns gestorben ist und in der Auferstehung die Tür des Todes aufgerissen hat. Liebe Freunde, stärken wir uns in diesem Glauben! Helfen wir uns, ihn zu leben. Dies ist eine große ökumenische Aufgabe, die uns mitten ins
Gebet Jesu hineinführt.
Die Ernsthaftigkeit des Glaubens an Gott zeigt sich im Leben seines Wortes. Sie zeigt sich in unserer Zeit ganz praktisch im Eintreten für das Geschöpf, das er als sein Ebenbild wollte – für den Menschen. Wir leben in einer Zeit, in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind.
Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Demgegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod – in den Fragen von PID bis zur Sterbehilfe. „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“, hat Romano Guardini einmal gesagt. Ohne Erkenntnis Gottes wird der Mensch manipulierbar. Der Glaube an Gott muss sich in unserem gemeinsamen Eintreten für den Menschen konkretisieren. Zum Eintreten für den Menschen gehören nicht nur diese grundlegenden Maßstäbe der Menschlichkeit, sondern vor allem und ganz
praktisch die Liebe, wie sie uns Jesus im Gleichnis vom Weltgericht lehrt (Mt 25): Der richtende Gott wird uns danach beurteilen, wie wir den Nächsten, wie wir den Geringsten seiner Brüder begegnet sind. Die Bereitschaft, in den Nöten dieser Zeit über den eigenen Lebensrahmen hinaus zu helfen, ist eine wesentliche Aufgabe des Christen.
Dies gilt zunächst im persönlichen Lebensbereich jedes einzelnen. Es gilt dann in der Gemeinschaft eines Volkes und Staates, in der alle füreinander einstehen müssen. Es gilt für unseren Kontinent, in dem wir zur europäischen Solidarität gerufen sind. Und es gilt endlich über alle Grenzen hinweg: Die christliche Nächstenliebe verlangt heute auch unseren Einsatz für die Gerechtigkeit in der weiten Welt. Ich weiß, dass von den Deutschen und von Deutschland viel getan wird, damit allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht wird, und möchte dafür ein Wort herzlichen
Dankes sagen.
Schließlich möchte ich noch eine tiefere Dimension unserer Verpflichtung zur Liebe ansprechen. Die Ernsthaftigkeit des Glaubens zeigt sich vor allem auch dadurch, dass er Menschen inspiriert, sich ganz für Gott und von Gott her für die anderen zur Verfügung zu stellen. Die großen Hilfen werden nur konkret, wenn es vor Ort diejenigen gibt, die ganz für den anderen da sind und damit die Liebe Gottes glaubhaft werden lassen. Solche Menschen sind ein wichtiges Zeichen für die
Wahrheit unseres Glaubens.
Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluss eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiss, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so dass dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann.
Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.
Auf solche Weise ist in den letzten 50 Jahren, besonders auch seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. vor 30 Jahren viel Gemeinsamkeit gewachsen, für die wir nur dankbar sein können. Ich denke gern an die Begegnung mit der von Bischof Lohse geführten Kommission zurück, in der solches gemeinsames Hineindenken und Hineinleben in den Glauben geübt wurde. Allen, die daran mitgewirkt haben, besonders von katholischer Seite Kardinal Lehmann, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich versage mir, weitere Namen zu nennen – der Herr kennt sie alle. Miteinander können wir alle nur dem Herrn danken für die Wege der Einheit, die er uns geführt hat, und in demütigem Vertrauen einstimmen in sein Gebet: Lass uns eins werden, wie du mit dem Vater eins bist, damit die Welt glaube, dass er dich gesandt hat (vgl. Joh 17,21).
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Zusammenfassung der ökumenischen Andacht in Erfurt
Ökumenischer Gottesdienst in der Augustinerkirche
Hannover (ots) - Eine Delegation der evangelischen Kirche unter Leitung des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, ist am heutigen Freitag zu einem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. und seiner Delegation im Augustinerkloster zu Erfurt zusammengekommen. Im Anschluss an das Gespräch wurde ein ökumenischer Wortgottesdienst in der Augustinerkirche gefeiert.
Bei der Begegnung der 20-köpfigen evangelischen Delegation mit dem Papst im Kapitelsaal des Augustinerklosters verlieh der Ratsvorsitzende Schneider seiner Freude darüber Ausdruck, dass der Papst die Einladung in das Augustinerkloster angenommen habe, jenem Kloster also, in dem Martin Luther im Jahre 1505 in den Augustiner-Eremitenorden aufgenommen worden sei. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Landesbischöfin Ilse Junkermann erinnerte der Ratsvorsitzende in seiner Ansprache daran, die "getrennt gewachsenen Traditionen" in den Konfessionen "nicht als Defizite", sondern als "gemeinsame Gaben" zu verstehen. In Fortentwicklung einer "Ökumene der Profile" sei es nun an der Zeit für eine "Ökumene der Gaben", in der "der große Fortschritt" gefeiert werde, dass wir als getrennte Kirchen "freundschaftlich verschieden" sind.
So würden die beiden Konfessionen das Sakrament der Taufe wechselseitig anerkennen. "Menschen in die Kirche als dem Leib Christi einzugliedern, trauen wir einander zu und vertrauen wir einander an. Darauf können wir bauen und weitere konkrete Schritte zu mehr Gemeinsamkeit wagen", so der Ratsvorsitzende wörtlich.
Schneider erinnerte daran, dass sich die Kirchen der Reformation als "Kirche der Freiheit" verstünden. Damit sei keine "unverbindliche Beliebigkeit" gemeint, sondern eine Freiheit, die sich im "Ja" zu Jesus Christus gründe und allein im Zusammenspiel von Freiheit und Bindung wahre Freiheit werde. Diese augustinisch gegründete Theologie der Reformation, so Schneider, sei "die besondere Gabe der Kirchen der Reformation in einer weltweiten Christenheit".
Schließlich warb der Ratsvorsitzende in seiner Ansprache dafür, "von 2000 Jahren gemeinsamer Kirchengeschichte zu sprechen", denn auch nach 1517 seien beide Konfessionen als "Westliche Kirchen" in besonderer Weise aufeinander bezogen gewesen - "im Guten und im Bösen, in heilsamem Wirken miteinander, aber auch in tödlicher Feindschaft gegeneinander". Deshalb sei es, so Schneider, im Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 an der Zeit, Erinnerungen an die "gegenseitigen Verletzungen in der Reformationszeit" und der ihr folgenden Geschichte beider Kirchen "zu heilen und konkrete Wege der Aussöhnung" zu gehen.
Abschließend lud der Ratsvorsitzende den Papst als "Bruder in Christus" ein, den 31. Oktober 2017 als ein "Fest des Christusbekenntnisses" zu verstehen und "mit den Kirchen der Reformation" zu feiern, auf dass alle in ökumenischer Verbundenheit Christus bezeugten, "damit die Welt glaube" (Johannesevangelium Kapitel 17, Vers 21).
Im anschließenden ökumenischen Wortgottesdienst begrüßte die Präses der Synode der EKD, Katrin Göring-Eckardt, Papst Benedikt XVI. mit einer geistlichen Meditation. In ihren Ausführungen erinnerte sie dabei an Martin Luthers Satz: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Er sei auch für die Christinnen und Christen in der DDR ein "kämpferisches, ein stärkendes Wort" gewesen. Aus der Geschichte habe man lernen können: "Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie von innen auf, weil die Menschen von der Freiheit wissen."
Ausgehend von der Tageslosung des 23. Septembers aus dem Buch Jesaja (Kapitel 26, Vers 9: "Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen") erinnerte Göring-Eckardt an die Gottsuche vieler Menschen heute, die heimatlos geworden sind: "Heimatlos auf der Flucht vor Hunger, vor Krieg, vor Umweltzerstörung; heimatlos auch durch Gewalt an Körper und Seele, heimatlos in Enge und in Verzweiflung. Dagegen gelte es zu erinnern: "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen' heißt es im Johannesevangelium (Kapitel 14, Vers 2), und dieses Haus, in dem wir wohnen, in das wir kommen können, egal wie wir heißen oder sind, hat auch immer noch Zimmer frei für die, die suchen und bei uns Heimat finden." Dies gelte für alle Menschen, betonte Göring-Eckardt. "Gott sieht uns alle mit der gleichen und nur ihm eigenen großen Liebe an."
Im Blick auf den gemeinsamen Gottesdienst sagte die Präses abschließend: "Wer auf uns schaut, soll spüren, dass wir in allem wissen von Gottes Liebe, die uns nicht drängt, sondern trägt, die sich manchmal verbirgt und dann wieder leuchtet mit aller Kraft."
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Medientitel:
spiegel.de: Benedikts Ökumene-Absage - Herde hofft, Hirte bockt
focus.de: Papst enttäuscht Hoffnung auf Ökumene
tagesschau: Papst gegen schnelle Fortschritte bei Ökumene
faz.net: Keine Fortschritte in der Ökumene - Papst dämpft Hoffnungen der evangelischen Kirche
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