Paulus in Blankenese

Eine Gemeinde im Lichte der Episteln

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Eingangsbereich der NAK HH-Blankenese
Fotomontage: EV


Beschäftigt man sich aus der Ferne mit der Situation in der Gemeinde Blankenese, fragt man sich, wie denn ein Apostel des Urchristentums auf diesen Konflikt reagiert hätte. Aufgrund welcher Leitlinien hätte er entschieden?

Befürworter der Freiheit

Von Paulus sind uns einige Briefe überliefert. Deshalb lassen sich Grundzüge seines Handelns erkennen. Er nahm oft Stellung zu Geistesströmungen in den Gemeinden. Paulus war jeweils in großer Sorge und Bekümmernis, wenn sich seine Gemeinden für ein anderes Evangelium gewinnen ließen. Tief ernste Fragen, z.B. ob die Botschaft von Jesus, kindlich auf ihn zu vertrauen, bereits genügt oder ob weitere Lehren notwendig seien, haben ihn und die Gemeinden wiederholt beschäftigt. Auch eine topaktuelle Fragestellung für die Gemeinde Blankenese und ihre Apostel. Amtsträger haben dort nämlich ihr Amt zurückgegeben bzw. sind ihres Amtes enthoben worden, weil sie den neuapostolischen Exklusivitätsanspruch, welcher in der Deutung des Apostelamts liegt, nicht mehr glauben und vertreten konnten. Aus der Berichterstattung im Internet muss man schließen, dass diese unterschiedliche Auffassung der alleinige Grund für das erwähnte Handeln war.

Mit welchen unterschiedlichen Auffassungen musste sich Paulus immer wieder beschäftigen? Beispielsweise wollte ein Teil der Gemeindemitglieder wieder in die alten jüdischen Gesetzesvorschriften zurückfallen und diese als Bestandteil des Evangeliums sehen. Paulus trat diesem Ansinnen entschieden entgegen. Er war nämlich ein großer Befürworter der Freiheit (vgl. Galater 2, 4ff; Kapitel 4 bis 6). Für ihn waren der Glaube an Jesus Christus sowie dessen Gnade zentrale Lehrinhalte. Am eigenen Leib hat er die wundersame Wandlung erfahren, vom gesetzlichen Pharisäer und Schriftgelehrten hin zum gesandten Apostel Jesu. Sein Glaubensbekenntnis könnte nicht eindeutiger sein (Galater 2, 19 bis 21): „Ich bin auf dem Weg des gesetzlichen Tuns tatsächlich dem Gesetz gestorben, um fortan für Gott zu leben. Ich bin mit Christus gekreuzigt. So lebe ich nicht mehr [mit meinem eigenen Ich], sondern Christus lebt in mir. Den Rest meines Lebens will ich verbringen im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat. Ich gebe also die Gnade Gottes nicht auf; denn wenn man durch das Gesetz Leben aus Gott bekommt, dann ist Christi Opfertod zwecklos.“

 Kein schwereres Joch als das von Christus

Das war ein wichtiger Grund, weshalb er nicht wollte, dass Lehren Einzug hielten, die den Gläubigen ein schwereres Joch als jenes von Jesus Christus auferlegten. Paulus wies auch darauf hin, dass solche Lehren dem Frieden und der Einheit in der Gemeinde abträglich wären und ermahnte deshalb seine Gemeinden, sich auf die rechte Lehre, das Evangelium Jesu Christi, zu konzentrieren. Als Apostel will er bei den Gläubigen das Vertrauen in Jesus Christus und die Freude an ihn fördern. Im Philipper 1, 25 und 26 schreibt er: „Und da ist es mir eine innere Gewissheit, dass ich noch länger bei euch bleibe, um euch zu fördern und die Freude im Glauben zu mehren. Wie werdet ihr den Herrn Jesus Christus meinetwegen überschwänglich loben, wenn ich noch einmal wieder zu euch komme!“ Kein Wort verliert er darüber, dass die Gemeinden an seine Gaben und Kräfte als Apostel glauben müssten, damit sie das Heil erfahren könnten. Jesus allein war für ihn der Erlöser. Mit Begriffen wie Glaube, Hoffnung und Liebe umschrieb er das Christsein, wobei die Liebe überragt (vgl. 1. Korinther 13). Im Galater 5, 6 bekräftigt er dies mit den Worten: „In Christus Jesus hat die Frage Jude oder Nichtjude ihre Bedeutung verloren, da gilt nur der Glaube, der sich in Taten der Liebe auswirkt.“ Könnte man daraus nicht ableiten, dass die heutigen konfessionellen Unterschiede vor Gott eigentlich keine Bedeutung haben?

Ab wann ist man wahrer Christ?

Wie hätte nun Paulus, so frage ich mich, in Blankenese gehandelt? Aus seiner Sicht wären die genannten Lehrmeinungsdifferenzen weniger auf zentrale Inhalte der Jesuslehre zurückzuführen, als vielmehr auf unterschiedliche Auffassungen, die er im gesetzlichen Bereich ansiedeln würde. Nicht dass Paulus keine klaren Worte fände, wenn es um die Bewahrung der Lehre Jesu Christi ginge, beispielsweise verurteilte er Mitchristen, die behaupteten, dass die Auferstehung bereits stattgefunden hätte (vgl. 2. Timotheus 2, 17ff). Doch an der gesetzlichen Lehre findet er keinen Gefallen. Ich glaube nicht, dass er an der heutigen Situation in der Christenheit seine Freude hätte (vgl. 1. Korinther 1, 10ff). Zwar haben wir als Christen die jüdischen Gesetzesvorschriften weitgehend abgelegt, doch es gab und gibt immer wieder neue christliche Vorschriften, die konfessionellen Grenzen in der Christenheit entstehen liessen bzw. lassen. Beispielsweise behaupten die einen, dass ein wahrer Christ nur derjenige ist, welcher die Bekenntnistaufe an sich durchführen lässt, andere verlangen die Versiegelung durch einen Apostel, wieder andere machen das Heil von der apostolischen Sukzession abhängig. Für Paulus verdunkeln solche Gesetze oder Vorschriften das Evangelium Jesu Christi. Es besteht die Gefahr, dass es allzu oft in den Hintergrund gedrängt wird und sich daraus ein Scheinchristentum entwickelt, welches Paulus selbst energisch bekämpfte (vgl. 2. Timotheus 3ff). Seit Jahrzehnten bestehende (kirchliche) Institutionen sind dieser Gefahr erhöht ausgesetzt. Vieles wurde im Verlaufe der Zeit geregelt und man tut sich schwer, überholte, unzeitgemäße oder fragwürdige Regeln abzuschaffen. Dies erleben wir auch heute im täglichen Leben mit der Gesetzesflut.

Paulus warnte vor „Nebenlehren“, denn es ergeben sich daraus nur unnötige Diskussionen, welche die Einheit gefährden. An Timotheus schrieb er bezüglich kranker und gesunder Lehre (1. Timotheus 1, 3ff): „Deine Aufgabe sollte dort sein, bestimmte Leute davor zu warnen, neben der rechten Lehre noch „Nebenlehren“ zu verkündigen oder sich mit Mythen und Familienstammbäumen abzugeben. Das alles gibt nur Anlass zu Streitigkeiten und hindert Gottes Heilswirken im Glauben. Das Ziel aller Verkündigungen ist dies: Liebe zu wecken, die aus reinem Herzen, einem guten Gewissen und ungeheucheltem Glauben kommt.“ An die Kolosser adressierte er (Kapital 2, Vers 5ff): „Bin ich auch persönlich nicht unter euch, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, dass ihr auf dem Posten seid und im Vertrauen auf Christus ein festes Bollwerk darstellt. Das eine steht fest: Ihr habt Jesus Christus als euren Herrn angenommen. So gestaltet nun auch euer Leben danach, bleibt in seiner Gemeinschaft tief verwurzelt, auf ihm als eurem Fundament aufgebaut und im festen Vertrauen auf ihn, wie ihr gelehrt worden seid! Dann könnt ihr gar nicht genug loben und danken. Gebt acht, dass ihr euch nicht einfangen und irreführen lasst durch irgendeine „Philosophie“, die nichts als leerer Betrug ist, die sich auf menschliche Überlieferungen und Kräfte dieser Welt und nicht auf Christus aufbaut. In ihm allein ist die ganze „Fülle der Gottheit“ verkörpert.“

Ihr seid zur Freiheit berufen

Bei den ersten Christen war es Paulus, der die befreiende Wirkung des Evangeliums Jesu Christi in den Gemeinden immer wieder predigen musste. In Blankenese scheint die Initiative von der Gemeinde auszugehen, die Verengung des Evangeliums aufzuheben. Ein ungleich schwierigeres Unterfangen, da dies eigentlich Aufgabe der Apostel wäre. Vielleicht fehlt heute einfach ein Paulus, der seine Mitapostel offen auf die Freiheit hinweisen würde, wie er dies bei Petrus in Antiochia tun musste, als dieser wieder in alte jüdische Gesetzmäßigkeiten verfiel (vgl. Galater 2, 11ff).

Man könnte jedoch mit gutem Grund einwenden, dass die Freiheit auch ihre Tücken hat. Paulus antwortet darauf (Galater 5, 13ff): „Ihr seid wirklich zur Freiheit berufen, liebe Brüder. Allerdings darf man diese Freiheit nicht missbrauchen als einen Freibrief, der alten Art weiterhin Raum zu geben. Nein: Dient einander in der Liebe! Das ganze Gesetz kann man in einem Satz zusammenfassen, und damit wird es zugleich ganz erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst!“ Es zeigt sich, die Liebe ist ein äußerst wichtiges Element in seiner Lehre. Auch ruft er seine Gemeinde auf (Galater 5, 16); „ … Führt euer Leben durch den (Heiligen) Geist. Dann werden ihr den sündigen Leidenschaften nicht nachgeben.“ Die Früchte des Geistes, wie sie in Galater 5, 22 beschrieben sind, sind dann die logische Folge.

Wenn man die Briefe des Apostels liest, fällt es einem zunehmend schwer, anzunehmen, dass Paulus die Brüder in Blankenese ihrer Ämter enthoben hätte, zumal sie sich im Prozess befanden, sich hin zu Jesus zu bewegen. Er bräuchte ihnen deshalb die folgende Bitte (Galater 4, 12) nicht mehr auszusprechen: „… Liebe Brüder: Werdet doch [so frei] wie ich! Ich bin ja auch einer von euch. Ihr habt mir in keiner Weise Unrecht getan.“ Etwas später schreibt er (Kapitel 4, 19): „Meine lieben Kinder, ich mache neue Geburtswehen für euch durch, bis Christus in euch Gestalt gewinnt.“ Nur zu gut wusste er, dass noch viele andere Gefahren lauerten, die seinen Gläubigen den Glauben an Jesus schmälern könnten. Auch heute gibt es viele Philosophien, die sich schleichend mit der christlichen Lehre vermischen. Wie viele aktive Christen glauben bereits an die Reinkarnation? Mögen sich die heutigen Apostel mit ganzer Kraft auf die Reinhaltung der Lehre Jesu konzentrieren und von gesetzlichen Elementen in der neuapostolischen Lehre immer mehr Abstand nehmen.

Stets die Einheit im Blick

Was verlangt Paulus von seinen Dienern, beispielsweise einem Diakon? Timotheus gab er folgende Hinweise (1. Timotheus Kapitel 3, 8ff, Kapital 4, 12ff) : „Ebenso müssen die Diakone in der Gemeinde achtbare Männer sein. Sie sollen sich vor Doppelzüngigkeit hüten, starken Weingenuss und auch alle Gewinnsucht ablehnen. Sie sollen das Geheimnis des Glaubens in einem reinen Gewissen bewahren“ oder zu Timotheus selbst sprach er: „ … Sei um so mehr ein Vorbild für die Gläubigen, und zwar in Wort und Wandel, in der Liebe, im Glauben und in der Reinheit! … Lass die Gnadengabe nicht ungenützt liegen, die in dir ist und die dir durch Weissagung unter Handauflegung der Ältesten geschenkt wurde: Darauf sollst du achten und darin wirken, damit alle merken, dass du vorwärts kommst und wächst. Beobachte dich selbst genau und die Lehre (die du verkündigst). Weiter führte er aus (2. Timotheus 2, 23): „ … Strebe nach Gerechtigkeit, Treue, Liebe und Frieden mit allen denen, die den Namen des Herrn aus reinem Herzen anrufen! Auf törichte Auseinandersetzungen lass dich nicht ein. Du weisst doch, dass sie nur Unfrieden stiften.“ Sind die vorgenannten Kriterien von den Aposteln genügend berücksichtigt worden, als sie den Dienst der Brüder in Blankenese beurteilt haben und daraus ihre Entscheide folgerten?

Wie die heutigen Apostel hatte Paulus stets die Einheit im Blick (ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, Epheser 4, 1ff). Doch in den Lehrinhalten zeigen sich teilweise Unterschiede. Man kann sich deshalb nicht des Eindrucks erwehren, dass in Blankenese dem Gesetz vor der Gnade Jesu Christi Vorrang gegeben wurde. Warum muss der exklusive Charakter des Apostelamts immer wieder so stark betont werden? Meines Wissens gibt es keine konkreten Hinweise in den Briefen, wo Paulus auf den exklusiven Charakter seines Amtes hingewiesen hat und den Glauben davon abhängig machte. Im Gegenteil, er hat stets auf Christus gezeigt, denn etwas anderes zu lehren, hätte nicht seiner Überzeugung entsprochen. Verliert nun sein Amt (seine Berufung) und seine segensreiche Tätigkeit für uns neuapostolische Christen dadurch an Wert? Wer würde dies behaupten? Nein, der gewaltige Dienst eines Paulus erfährt dadurch keine Schmälerung. Er hat Grosses geleistet. Er war von Christus gepackt, ja beseelt. Wahrlich ein gewaltiger Leitstern für uns alle, insbesondere auch für die christlichen Führungskräfte. Wenn nun Paulus für uns nichts an Bedeutung verloren hat, dann müssten eigentlich unsere Apostel dies auch nicht befürchten, denn an ihrem Auftrag hat sich nichts geändert. Unsere Apostel sollen uns ermuntern, im Glauben stärken, tiefer ins Evangelium Jesu Christi führen und uns zubereiten auf seine Wiederkunft. Mögen die zukünftigen Tätigkeiten der Apostel und der Gemeinden mit den Paulus-Worten aus Epheser 4, 15 und 16 übereinstimmen: „Nein, wir sollen die Liebe in Wahrheit leben und in jeder Hinsicht zu dem, der das Haupt der Gemeinde ist, Christus, hinwachsen. Von ihm her wird der ganze Leib zusammengehalten und bekommt so ein festes Gefüge, und jedes Glied tut dabei seinen Dienst nach den Fähigkeiten, die dem einzelnen zugemessen sind. So vollzieht sich das Wachstum des Leibes, und er wird aufgebaut im Geist echter Liebe.“ Wahre apostolische Gesinnung!

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Hinweise: Die Bibeltexte sind der Bruns-Bibel entnommen.
Mit der Anrede „Liebe Brüder“ ist die ganze Gemeinde gemeint.

[Anm.d.Red.: An dieser Stelle möchten wir noch einmal die Arbeit von Beat Sigrist empfehlen: "Auf zur Renaissance - Mut zur Erneuerung" [->] ]