Ich bin dann mal weg, Teil III
Ich bin dann mal weg.
3. Teil
CiD fragte Schwestern und Brüder, die sich von der Neuapostolischen Kirche getrennt haben, nach ihren Erfahrungen.
In einer kleinen Serie werden jeweils
zwei Geschwister vorgestellt.
Wie leicht oder wie schwer ist Dir der Weg aus der NAK gefallen?
Elisabeth*, ehem. neuapostolisch, jetzt unterwegs
1. Gab es einen konkreten Tag, als Dir klar wurde: Mit mir in der NAK geht es nicht mehr weiter?
Es gab eigentlich zwei konkrete Tage. Das Eine waren mehrere Gespräche mit Aposteln, wo mir sehr schnell klar (gemacht) wurde, dass ich mit meinem Denken, meinen geistlichen Erwartungen und Wünschen eigentlich keinen Platz in der NAK habe. Das Andere war die Predigt am 26.11.2006 von Stammapostel Leber in Osnabrück. An diesem Tag, in diesem Gottesdienst wurde die ganze Situation der NAK, wie sie sich für mich darstellt, deutlich: Ein „Gottesdienst“ der per se seelsorgerlicher Natur sein müsste, wird für eine „Regierungserklärung“, für eine kirchenpolitische Ansage missbraucht. Wie die NAKI daraufhin durch ihren Mediensprecher vermelden ließ, sah sich die Kirchenleitung gezwungen gewisse protestantische Strömungen in der NAK abzuwehren. Gemeint war die Bewegung, wie beispielsweise in Hamburg-Blankenese. Diese Bewegung galt es abzuwehren. Der Osnabrück-Gottesdienst wurde dazu verwendet, dem von Ökumenikern in erster „Euphorie“ zu positiv eingeschätzten Uster-Vorstoß bei der Frage nach Gottes Souveränität mit dem bezeichnenden Wort von Stammapostel Leber "ich weiß es nicht", zurückzufahren.
Viele hatten verstanden, dass das „ich weiß es nicht“ des Stammapostels genau die Sollbruchstelle sein sollte, an der die Basis den Öffnungsprozess hätte vorantreiben sollen.
Gewissermaßen als wohlwollender Hinweis und Imperativ um den Öffnungsprozess weiter nach vorne bringen zu können.
Dieser Gottesdienst hat diesen Prozess abrupt gestoppt. Schlimm war für mich dabei, mich fortan als "Gegner der NAK" fühlen zu müssen, während ich bis dahin dachte, der Kirche hilfreich zur Seite stehen zu können. Das war für mich der Punkt, wo sich die Richtung der NAK ablesen und klar voraussagen ließ und wo mir letztlich klar wurde, dass meine „Mission“ passeé war.
2. Wie lange dauerte der Ablösungsprozess?
2–3 Jahre, davon das letzte Jahr sehr intensiv. Der ganze unselige Prozess ging insgesamt über mehrere Jahre, ausgelöst durch das Zurückrudern der NAK nach dem für mich positiv gewerteten Öffnungsprozess in den 1990er Jahren durch Stammapostel Fehr.
3. Welche Frage hat Dich beschäftigt oder gequält, dass Du Dir die Entscheidung von der NAK wegzugehen, schwer gemacht hat?
Ob ich die Zeit danach gut aushalte. Ob die Luft vor der Tür trägt.
Natürlich kann ich auch nicht leugnen, dass die jahrzehntelange Predigt über die Heilsnotwendigkeit des neuapostolischen Apostolats, aus der einzig und allein eine Sündenvergebung möglich sei, ihren Einfluss hatte. Wer kann schon den Gedanken aushalten, aus der Gnade des Herrn zu fallen?! Ich habe mich gefragt, ob man als überzeugte/r Christ/In durch einen Weggang aus der NAK überhaupt aus der Gnade Gottes fallen kann. Diese Frage war noch relativ schnell zu beantworten: Aber der Anspruch der NAK, nämlich echte Apostel zu haben, die einzig dazu berufen seien, wirklich im Namen und Auftrag Jesu die Sünden zu vergeben und die Braut des Herrn vorzubereiten, das war dann ein längerer Weg der Klärung. Spätestens an dieser Frage musste ich mir theologischen Rat holen, der über mehrere Jahre ging. Aber auch da greift dann wieder das NAK-System und die innere Stimme sagt: Was fragst Du andere nach „lebenden Aposteln“, die es doch aufgrund ihrer postulierten Unwissenheit und Unkenntnis mangels Gnadenwahl sowieso nicht beurteilen können.
4. Wie war der Tag Deines Austritts beim Standesamt/Gericht/Stadt?
Vorher habe ich mir natürlich alle diese Fragen (in Frage 3) bis zum „Geht nicht mehr“ gestellt. Schuldgefühle hatte ich nicht, weil ich meine mich umtreibenden Fragen weitgehendst für mich beantwortet hatte. Ich war und bin aber sentimental, weil überhaupt alles so gekommen ist. Lieber wäre mir eine "neue apostolische Kirche" gewesen, wo „wir“, die Gesinnungsgenossen, alle hätten bleiben können. Das Zusammenpacken ist ja sowieso immer die letzte Maßnahme, die sehr schmerzt. Dass ich aber überhaupt diesen Schritt machen musste, (notwendig machen musste!), lässt die schmerzhafte Situation ahnen, in der ich mich befand.
5. Brauchtest Du eine konkrete Alternative zur NAK oder wärest Du in jedem Fall gegangen?
Eine konkrete Alternative habe ich nicht. So gesehen bin ich „in jedem Fall gegangen“. Ich bin (noch) nicht konvertiert. Tendenziell weiß ich natürlich, welche Glaubens-Gemeinschaften aufgrund ihres Glaubenbekenntnisses überhaupt in Frage kämen. Als "NAK-Geschiedene" muss ich mich nicht sofort wieder "verheiraten".
Eine Zeit der Ungewissheit, wer der neue "Partner als geistlicher Begleiter" sein wird, muss und kann ich an dieser Stelle aushalten.
Man sagt in Ökumenikerkreisen, dass die kirchliche Verortung der ÖkumenikerInnen bekanntermaßen "zwischen allen Stühlen“ sei.
6. Wie war die Reaktion Deiner Verwandten und Glaubensgeschwister? Wissen sie es oder hast Du Dich still zurückgezogen?
Die Verwandten wissen es und natürlich die Freunde, die „Leidensgenossen“. Ich glaube, es gab immer ein lachendes und ein weinendes Auge, wenn sie mir zu diesem Schritt gratulierten.
In der Gemeinde habe ich das nicht bekannt gemacht. Ich weiß, dass die Geschwister dann irritiert sind und dann in ihrer Unbeholfenheit nicht wissen, was sie sagen sollen. Die Kraft, Gottes Segen zu diesem Schritt auszusprechen, können sie nicht haben. Das kann und darf ich nicht erwarten und deswegen lasse ich es auch.
7. Welche Ängste/Sorgen/Bedenken aus der NAK-Zeit kommen immer wieder hoch?
Mir tun immer wieder die Ängstlichen in der NAK leid, die eigentlich weg wollen und stets das vorgespiegelte Bild des Abgrunds vor Augen haben. An dieser Stelle habe ich nicht nur Sorgen, sondern empfinde sogar eine sehr starke Abneigung gegen das NAK-System, wenn ich mir überlege, was dieses mit Menschen (nachhaltig) gemacht hat. Das tut mir sogar sehr leid.
8. Was machst Du dagegen?
Wenn die Menschen mit mir reden wollen, die Angst vor Segensverlust oder Gottes Liebesentzug befürchten, dann versuche ich die Problematik mit ihnen einigermaßen sachlich zu reflektieren. Das hilft Einigen aber anscheinend immer nur für den Moment. Rational ist dann erst einmal alles klar, aber das Unterbewusstsein mit den alten Drohbotschaften setzt sich bei vielen immer wieder durch und so setzt sich dann für Einige ein fürchterlicher Kreisverkehr im Kopf fort. Wirklich ein Jammer!
So stellt man sich keine geistliche Begleitung seitens der Kirche zu einem „freien Christen“ vor.
9. Wie fühlst Du Dich heute in der neuen Gemeinde/Kirche
Ich bin zwar momentan konfessionslos aber nicht heimatlos. Sonntags gehe ich immer in einen Gottesdienst. Ich besuche auch gerne unterschiedliche Gemeinden, die in der ACK sind. Aus ökumenischer Sicht bin ich dann dort auch ein Teil der Gemeinde.
10. Was vermisst Du im Moment in der neuen Gemeinde?
Da ich ja nicht die neue Gemeinde habe, vermisse ich auch dort konkret nichts. Dadurch, dass ich aber viele Gemeinschaften mit ihren besonderen Gepräge kenne, weiß ich was schön und möglich ist und würde am liebsten alles zusammen in einer Kirche zusammenfassen. Das wäre dann ein Beispiel für eine Utopie.
Aber genau so verstehe ich das Wort: Prüfet alles und das Beste behaltet!
Das heißt für mich, dass eigentlich alle Kirchen sich untereinander besuchen und von Allen „das Beste“ behalten müssten. Wie gesagt: Eine Utopie. Leider.
11. Kannst Du Dich einbringen?
Ich könnte das in manchen Gemeinden sicher sehr gut, aber im Moment möchte ich mich nicht einbinden lassen.
12. Fühlst Du Dich wie ein NAK-Mensch, der nur in einem anderen Kirchenraum sitzt?
Ich fühle mich als eine Jüngerin Christi. Ich weiß als Mensch natürlich, wo meine kirchlichen Wurzeln mit allen Konsequenzen liegen, was ich schicksalhaft akzeptiere.
Der NAK-Mensch in mir macht sich noch häufig genug bemerkbar. Ich weiß, dass ich mich mit ihm anfreunden muss und ich mich mit ihm immer wieder unterhalten muss.
13. Wenn Du nach Deiner Konfession gefragt wirst: Fällt es Dir leicht die neue Konfession zu nennen?
Ich bin Christin. Ein Fisch ohne festen Wohnsitz. Ich schließe nicht aus, noch einmal in eine Kirche einzutreten.
14. Was war in der NAK besser als in Deiner neuen Gemeinde?
Der regelmäßige Chorgesang im Gottesdienst gefiel mir gut.
Ein regelmäßiges Gottesdienst-Angebot für Kinder halte ich für wichtig und sinnvoll. Das gibt es nicht überall.
Und ganz profan aber nicht unwichtig: In manchen Kirchen gibt es keine Heizung und keine Toilette. Das gibt es in der NAK immer.
15. Was ist jetzt besser?
Eine ernstzunehmende Theologie, bibelorientierte Predigten, fundierte Exegese, eine ansprechend zelebrierte Liturgie, (wichtig für mich ist die Abendmahlsfeier).
Übrigens: Keine Bischöfin, keine Priesterin, kein Pfarrer würde das eigene Amt im Gottesdienst thematisieren. Es wäre geradezu lächerlich, wenn der "Prophet mit gekrümmten Finger" auf sich selbst verweisen würde.
16. Hast Du das Gefühl, jetzt anders Christus nachfolgen zu können. Wenn Ja: Warum?
Ja, ganz eindeutig. Mehr Einsicht, tieferen Sinn durch seelsorgerisch vorgebrachte theologisch ausgerichtete Predigten. (Spiritual) Das passt besser zu meiner „denkgläubigen“ Mentalität und Ausrichtung. Ich kann sehr tief glauben, wenn ich nur wenigstens abstrakt das Grundprinzip nachvollziehen kann. Und das ist nur in geistlich „gebildeteren Kreisen“ möglich, die dann auch in der Lage sind, anspruchsvolle theologische Erkenntnisse in die Gemeinde zu bringen.
Das "Schwammige" in der NAK liegt mir nicht. Dort ist es kein Wunder, wenn sich jeder angesprochen fühlt und jeder Antworten bekommt, wenn jeder Begriff von jedem Zuhörer beliebig verstanden werden darf. Diese Art von Glaubenserlebnissen im Gottesdienst ist dann zu billig.
Eigenverantwortlich unterwegs sein, heißt auch, mehr auf Gott zu setzen. Auf seine Führung, auf die eigene Intuition, auf die vielen kleinen Dinge, die helfen, neuen Boden zu finden auf der Grundlage: "Einen anderen Grund kann niemand legen, als Jesus Christus". 1.Kor.3,11
17. Was rätst Du neuapostolischen Geschwistern, die eine Trennung von der NAK in Erwägung ziehen? Auf was sollten sie besonders achten?
Nichts überstürzen!
Keinen Ärger als Anlass zum Kirchenaustritt nehmen.
Selbst wenn man die Beweggründe im Kopf klar hat, heißt das nicht, dass man sie auch im Herzen und der Seele klar hat. Man sollte unbedingt Gott und Jesus mit ins Boot nehmen. Nur von dort kommt der Trost für die anschließende Trauerarbeit. Man muss sich vorstellen, dass man eine Scheidung vollzieht.
18. Was rätst Du neuapostolischen Geschwistern, die nicht wissen, ob sie gehen oder bleiben sollen, und stets nach beiden Seiten hinken?
Es kann sein, dass das Bleiben genauso schwer fällt wie das Gehen. Der ausgesessene Platz, an dem man sich nicht entschieden hat, zermürbt auf Dauer auch. Wenn man zu lange im Zustand der Unentschiedenheit verweilt, kann man auch im Glauben sehr abstumpfen. Wenn man merkt, dass die Kirche und der Gottesdienst mehr Plage als Segen ist, mehr Frust als Lust, mehr Kampf als Freude, dann weiß man eigentlich, was zu tun ist. Man sollte Gott um konsequentes Handeln und Courage bitten.
19. Was denkst Du, für welche Geschwister wäre es besser, wenn sie in der NAK bleiben würden?
Die von der Kirche Überzeugten bleiben ja sowieso.
Anders sieht es mit den Schwachen aus, die eine unterentwickelte Persönlichkeit haben und einen Hort der Eindeutigkeit brauchen. Auch wenn es sich noch so simpel und stark verkürzt spricht.
Menschen, die darauf setzen, dass Gott irgendwann in die NAK als Retter der Kirche eingreift und dann alles besser wird.
Es gibt viele, die aus Gründen der Anerkennung in der Kirche bleiben. Anerkennung ist ein stärkeres Triebmittel als Geld. Das Amt an sich bringt in der NAK Anerkennung, die vielen Posten und Pöstchen bringen Anerkennung. Manche haben geradezu eine Bühne für ihr Ego entdeckt.
Die Geschäfts-Kontakte des aus der Kirche rekrutierten Kundenstamms verhindern auch ein Loslassen von der Kirche, hier wird die Kirche dann nur noch instrumentalisiert. Das gibt es zwar überall, aber auch eben sehr in der NAK. Diese Menschen bleiben dann eben nicht aus geistlichen Gründen, sondern sehen sich gezwungen, ihre Position zwecks Broterwerb zu halten.
20. Angenommen, die NAK würde sich in eine Richtung entwickeln wollen, wie es Dir gefällt. Würdest Du wieder zurückkommen und ggf unterstützend mithelfen?
Ich kann es mir nicht vorstellen, dass das passieren kann. Dafür habe ich doch zu tiefe Einblicke gewonnen.
21. Was ist Dir besonders in der letzten Zeit vor, während und nach Deinem Wechsel oder Weggang bei Dir selbst aufgefallen?
Ich denke, es gibt eine Loslösungsenergie die sich auf verschiedenen Ebenen Bahn bricht.
Diese Energie ist auch nötig um den Schmerz, die Trauer und die dahin gegangenen Jahre auszuhalten.
Ich muss mich nicht mehr über die NAK ärgern, weil ich mir durch meine nicht mehr vorhandene Mitgliedschaft die Berechtigung dazu entzogen habe. Ich kann sie von außen zwar noch sehr deutlich sehen - aber ich muss nicht mehr an ihr leiden. Das ist ein Gewinn.
22. Fühlst Du Dich geistlich besser „versorgt“?
Ich kann alles haben und nutzen, wenn ich will. In meinem Wohnort ist sehr viel möglich, da ist wirklich „Versorgung“.
* Name geändert

Sven Szostak, ehem. neuapostolischer Diakon, jetzt katholisch
1. Gab es einen konkreten Tag, als Dir klar wurde: Mit mir in der NAK geht es nicht mehr weiter?
Ja, ich denke, es wird diesen Tag gegeben haben. Allerdings ist dieser mir nicht direkt bewusst. Innerhalb des Prozesses, den ich Abschied und nicht Ausstieg nennen möchte, wird es ein Schlüsselerlebnis gegeben haben, das mir momentan aber nicht präsent ist.
2. Wie lange dauerte der Ablösungsprozess?
Ich beantworte diese Frage einmal anders herum. Wann ging es los? Eigentlich ging es los mit dem Tag meiner Amtseinsetzung als Diakon vor ca. sechs Jahren. Natürlich war ich motiviert, wollte etwas bewegen, stellte aber ziemlich zügig fest, dass ich an Grenzen stoße.
Während meiner aktiven Amtsträgerzeit war ich u.a. Jugendleiter meiner Gemeinde, engagiert in der Jugendarbeit des Bezirks, in der Gemeindeseelsorge tätig, Religionslehrer und Projektleiter der Arbeitsgruppe Fortbildung der NAK NRW.
Wenn ich nun sage, ich sei an Grenzen gestoßen, muss man natürlich differenzieren. Ich beginne mal mit der Jugendarbeit und möchte ein konkretes Beispiel anführen. Mir ging es selber als Jugendlicher völlig gegen den Strich, wenn ich angesprochen wurde, nachdem ich einen Gottesdienst nicht besucht hatte. Aus dieser Erfahrung heraus, fragte ich somit bei meinen Jugendlichen nie nach, es sei denn ich wusste von Krankheiten etc. wo sie denn im letzten Gottesdienst waren. Nach einiger Zeit wurden Stimmen laut, die mir mangelnde Fürsorge vorwarfen. Meine Hauptintention war jedoch, jedem die Möglichkeit zu gewähren, sich als mündiger Christ zu entwickeln ohne Kontrolle und Gängelei. Dies war nicht gewünscht und so stieß ich an die erste Grenze.
In der Vorbereitung von Jugendstunden beschäftigte ich mich zunehmend mit Sekundärliteratur um meine eigenen Fragen zu beantworten aber auch der Jugend aktuelle Antworten geben zu können, die nicht vorgestanzt waren, sondern neu und anders. Meine sich daraus ergebenden Fragen zu den Sakramenten, der Exklusivität, Ökumene und dem Apostelamt konnte auch niemand beantworten. Grenze Nummer zwei war erreicht und unüberwindbar.
Ein letzter und dritter Punkt, vielleicht das Ausschlaggebende für meinen Austritt, war die Inhaltslosigkeit der Gottesdienste. Floskeln und wiederkehrende Inhalte wie „Nachfolge, Opfern bringt Segen“, die Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes sind nun mal die dominierenden Punkte einer jeden neuapostolischen Predigt, geben mir aber nicht die Antworten auf meine Fragen.
3. Welche Frage hat Dich beschäftigt oder gequält, dass Du Dir die Entscheidung von der NAK wegzugehen, schwer gemacht hast?
Wenn einem jahrelang, bei mir waren es dreißig, eingeredet wird, man sei ein Gotteskind und teil einer exklusiven Gemeinschaft, Braut des Herrn und was es sonst noch für Synonyme der Alleinstellung gibt, fragt man sich schon, ob der Schritt der richtige ist. Angst möchte ich es nicht nennen aber beschreiben wir es ´mal mit "Unbehagen und Unsicherheit". Natürlich spielen auch familiäre und freundschaftliche Verbindungen eine Rolle, allerdings untergeordnet, da ich die Ansicht vertrete, dass wahre Freundschaft nichts mit der Zugehörigkeit zu einer Konfession zu tun hat.
4. Wie war der Tag Deines Austritts beim Standesamt/Gericht/Stadt?
Ich gebe zu, es war eine spontane Entscheidung. Nach quälenden Wochen und Nächten, mit der dauernd wiederkehrenden Frage, soll ich austreten oder nicht, dachte ich mir an diesem Morgen: Heute muss es passieren. Es war sicherlich aufregend, als ich zum Amtsgericht fuhr, es kamen auch Gedanken auf, einfach umzudrehen und noch, wie gerade beschrieben, eine weitere Nacht zu durchleben. Doch der Wunsch nach einem ordentlichen Abschluss war größer. Schuldgefühle hatte ich nicht. Doch ein Gedanke hat mich stark beschäftigt. Meine Großmutter, noch heute ein Vorbild in Glauben und Aufrichtigkeit, musste in ihrem Leben nach der eigenen Konversion von der Evangelischen in die Neuapostolische Kirche viel Anfeindung ertragen. Für mich war es so, dass ich dachte, ich nenne es einmal „Verrat an ihrer Sache“ zu üben.
Diese Gedanken sind jetzt allerdings nicht mehr präsent.
5. Brauchtest Du eine konkrete Alternative zur NAK oder wärest Du in jedem Fall gegangen?
Gegangen wäre ich auf jeden Fall. Meine Alternative, hat es natürlich leichter gemacht. Vielleicht wäre ich heute eine Karteileiche im Kirchenbuch ohne ausgetreten zu sein. Die NAK war einfach nicht mehr meine geistige – und spirituelle Heimat. Gespürt habe ich dies zuletzt auch in den von mir besuchten Gottesdiensten. Das Gefühl, nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft zu sein, sondern eher ein Fremdkörper wurde immer intensiver. Dies lag allerdings nicht an der Gemeinde sondern daran, dass ich das Gefühl hatte, meine eigenen religiösen Überzeugungen sowie meine Erwartungen von einer Kirche waren nicht mehr deckungsgleich, mit dem was die NAK vertritt. Somit bildete sich ein Delta. Ein ziemlich großes sogar.
6. Wie war die Reaktion Deiner Verwandten und Glaubensgeschwister? Wissen sie es oder hast Du Dich still zurückgezogen?
Nun, meine Eltern haben mich immer sehr liberal erzogen. Für meine Entscheidung auszutreten haben beide durchaus Verständnis gezeigt, meine gleichzeitige Konversion in die RKK hat allerdings Fragen aufgeworfen. In vielen Gesprächen haben wir uns ausgetauscht und versuchen einander zu verstehen. Ähnlich ist es in meinem Freundeskreis. Was über mich gesprochen wird und welche Gerüchte kursieren, bekomme ich nur peripher mit, ist aber auch nicht nur einen Kommentar an dieser Stelle wert, da diejenigen, die meinen mich zu kennen und mein Handeln kommentieren zu müssen, die alleinige Verantwortung für ihr Handeln tragen. Zurückgezogen habe ich mich nicht und sehe auch keinen Grund dafür. Vor einigen Tagen war ich auch in meiner alten Gemeinde um eine Andacht zu besuchen, die von Freunden gestaltet war und habe dahin gehend keinerlei Berührungsängste.
7. Welche Ängste/Sorgen/Bedenken aus der NAK-Zeit kommen immer wieder hoch?
Zum Glück keine. Für mich ist es nie vorstellbar, dass ich nur als NAK-Mitglied das Heil empfangen kann. Somit funktionieren die Mechanismen der Exklusivität und der damit verbundenen Indoktrinationen schon lange nicht mehr. Ängste, Sorgen oder Bedenken kommen deshalb nicht mehr hoch.
8. Was machst Du dagegen?
Deswegen nichts.
9. Wie fühlst Du Dich heute in der neuen Gemeinde/Kirche ?
An diesem Punkt muss ich etwas ausholen. Meine heutige Gemeinde kenne ich schon seit ich Kind bin, da ich den dazugehörigen Kindergarten und die Grundschule besucht habe. Dort fanden regelmäßig Veranstaltungen und Gottesdienste statt, die ich selbstverständlich besucht habe. Ein wenig wurde ich somit katholisch sozialisiert, zumal ich auch am Religionsunterricht teilgenommen habe. Schon als Kind hat mich die feierliche Liturgie und die Eucharistiefeier fasziniert was letztlich auch mitentscheidend für meinen Schritt in die RKK war. Viele Gesichter aus meiner Gemeinde sind mir daher schon bekannt, neue Verbindungen ergaben sich aus gemeinsamen Aktionen wie der Fahrt zum Weltjugendtag 2005 oder einer Pilgerfahrt nach Rom in diesem Jahr. Alles in Allem kann ich sagen, dass ich mich sehr wohl fühle.
10. Was vermisst Du im Moment in der neuen Gemeinde?
Es ist sicherlich so, dass es in der NAK sehr familiär zugeht. Es ergeben sich oftmals Schnittmengen untereinander, durch die vielfältigen Angebote und Kreise innerhalb einer Gemeinde. Als Amtsbruder hat man einen Brüderkreis, ist evtl. im Chor, in der Jugend und hat auch so viel Kontakt zu Gemeindemitgliedern. In meiner neuen Gemeinde arbeiten die Gruppen untereinander ziemlich autark. Da gibt es einen Seelsorgerat, Firmvorbereitungsgruppen, den Eine-Welt-Kreis, einen Liturgieausschuss, Messdienergruppen u.v.m. Innerhalb dieser Kreise, arbeiten unendlich engagierte Menschen in ihrem Bereich ohne aber diese aus der NAK bekannte Schnittmenge zu bilden. Einzelfälle „mischen“ natürlich überall mit, bilden aber eine Ausnahme. Ich vermisse es nicht, jeden Tag einen oder zwei Kirchentermine in meinem Kalender zu haben, würde mir aber wünschen, mehr Kontakte außerhalb meines „Mitarbeitsbereiches“ knüpfen zu können.
11. Kannst Du Dich einbringen?
Ja natürlich, dies ist möglich. Momentan bin ich noch in einer Findungsphase, lasse vieles auf mich wirken, schnuppere in verschiedene Gemeindebereiche rein und überlege mir, was zu mir passt und woran ich Spaß hätte. Im Januar beginne ich ein Seminar, um mich 2008 als Lektor einzubringen, worauf ich sehr gespannt bin. Alles Weitere wird man sehen, da ich nichts überstürzen möchte. Besonders angenehm und bereichernd finde ich es aktiv und inhaltlich an der Gestaltung einer monatlich stattfindenden Freitagabendmesse mitarbeiten zu können. Moderne Lieder und nachdenkliche Texte passend zum Tagesevangelium werden von einem kleinen Kreis innerhalb der Gemeinde ausgewählt und vorgetragen. Diese Abende sind immer wieder spirituelle Erlebnisse von denen man lange zehren kann.
12. Fühlst Du Dich wie ein NAK-Mensch, der nur in einem anderen Kirchenraum sitzt?
Nein, auf keinen Fall. Vielleicht hat es mit der von mir beschriebenen katholischen Sozialisation zu tun. Mir ist in der Messe nichts fremd, ich kann mich fallen lassen und genießen, was Predigt und Eucharistiefeier betrifft. Als ich noch nicht zur Kommunion gegangen bin, war das Gefühl schon ein anderes aber nicht so, wie in der Frage formuliert. Es ist in der RKK durchaus üblich, während der Kommunion sitzen zu bleiben, weil man es für sich persönlich so entscheidet. Durch die fehlende soziale Kontrolle seitens Pfarrer und Gemeinde fällt man natürlich nicht auf.
13. Wenn Du nach Deiner Konfession gefragt wirst: Fällt es Dir leicht die neue Konfession zu nennen?
Einmal ist es mir schwer gefallen und zwar im Bürgerbüro meiner Stadt, um mir die Konfession auf der Lohnsteuerkarte vermerken zu lassen. Ansonsten genieße ich es, niemandem erklären zu müssen, in was für eine Kirche ich gehe.
14. Was war in der NAK besser als in Deiner neuen Gemeinde?
Siehe Frage 10.
15. Was ist jetzt besser?
Es ist so, dass ich mich freier fühle. Ich bin als Gemeindemitglied in keine hierarchische Struktur eingebunden, stehe nicht unter sozialer Kontrolle, kann mich einbringen, wann und wo ich möchte und die Dosis bestimme ich selbst. Ohne eingeredet zu bekommen: „Opfern bringt Segen, also bring dich ein“.
Was die Predigten betrifft, fühle ich mich deutlich mehr angesprochen als früher. Selbstverständlich erreicht mich nicht jede Predigt, hängt ja auch von der Tagesform ab, doch insgesamt fühle ich mich deutlich besser versorgt. Es ist jeden Sonntag spannend, was einen erwartet. Innerhalb eines Jahres gab es noch keine Wiederholung. Das ist doch mal was!
16. Hast Du das Gefühl, jetzt anders Christus nachfolgen zu können. Wenn Ja: Warum?
Ja, man muss sich ganz schön umstellen, wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf. In der NAK wird man ja dazu erzogen, in der Nachfolge der Apostel und seiner Gesandten zu stehen um das Heil zu erlangen. Man geht ja so weit, dass man sagt, das Apostelamt sei heilsnotwendig. Geht man also regelmäßig in die Gottesdienste, nimmt an den anderen Veranstaltungen teil und folgt artig nach, wird einem suggeriert, die Fahrkarte für die heimholende Wiederkunft gelöst zu haben. Eine kritische Selbstreflexion der Gottesdienstbesucher durch entsprechende Predigten, die persönliche, ich nenne es einmal „Jüngerschaft“ betreffend, wird seltenst angeregt. Man bekommt gesagt, was man zu tun hat und damit ist es gut. Nun ist es anders, ich bekomme Impulse, die mich nachdenklich stimmen sollen und die mein persönliches Leben ansprechen. Mein eigener Glaube, mein Tun und Handeln, muss durch mich selber immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden und nicht als Teil einer Gemeinschaft, die zur Braut bereitet wird und deren „Hochzeit“ ich durch nicht konformes Verhalten verschiebe. Um es auf den Punkt zu bringen, mir nimmt niemand die Verantwortung für meinen Glauben und das daraus resultierende Handeln ab.
17. Was rätst Du neuapostolischen Geschwistern, die eine Trennung von der NAK in Erwägung ziehen? Auf was sollten sie besonders achten?
Einen Rat, kann und möchte ich niemandem geben. Ich kann nur berichten, wie ich gehandelt habe. Da waren zuerst Gespräche mit „Gleichgesinnten“, die sehr gewinnbringend waren, wo ich mich verstanden fühlte. Es war auch so, dass ich einige Male ein Kloster besucht habe, um in der Stille und im Gebet in mich hineinzuhören. Das waren persönliche Erlebnisse, die mir niemand mehr nehmen kann. Um wirklich auf seine innere Stimme zu hören, braucht man Momente der Abgeschiedenheit. Vielleicht reicht es auch, eine gewisse Zeit keinen NAK Gottesdienst zu besuchen um zu fühlen, ob etwas fehlt. Persönlich habe ich auch das Angebot einer „Geistlichen Begleitung“ angenommen. Es gibt in beiden großen Kirchen Seelsorger/innen, die eine entsprechende Ausbildung haben und Menschen in unterschiedlichen Lebenssituation durch Gespräche begleiten. Ob man sich konfessionell anders binden möchte, bleibt allerdings eine individuelle Angelegenheit.
18. Was rätst Du neuapostolischen Geschwistern, die nicht wissen, ob sie gehen oder bleiben sollen, und stets nach beiden Seiten hinken?
Reden, reden, reden! Am Anfang, dieses Prozesses, sollte man mit anderen das Gespräch suchen. In jeder mir bekannten Gemeinde gibt es mittlerweile kritische Stimmen, die sich Gedanken machen und sich über Missstände austauschen. Dann sollte man sich immer die Frage stellen „Was tut mir und meiner Seele gut?“. Kommt man irgendwann an den Punkt, dass man feststellt, die NAK tut mir nicht gut, sollte man einen konsequenten Schlussstrich ziehen. Dieser Schritt ist nicht einfach aber nötig um den eigenen Frieden mit sich und der Kirche zu finden.
19. Was denkst Du, für welche Geschwister wäre es besser, wenn sie in der NAK bleiben würden?
Es steht mir nicht zu, darüber etwas zu sagen.
20. Angenommen, die NAK würde sich in eine Richtung entwickeln wollen, wie es Dir gefällt. Würdest Du wieder zurückkommen und ggf. unterstützend mithelfen?
Nein! Es gibt ja auch nur zwei Möglichkeiten.
Erstens, die NAK öffnet sich radikal, verabschiedet sich von Glaubensgrundsätzen, die die ACK Mitgliedschaft verhindern und geht auf dem Markt der Religionen unter, oder zweitens mit dem neuen Katechismus wird das Profil dahingehend geschärft, dass die NAK wirklich zu einer exklusiven Endzeitsekte wird. Von daher gibt es keinen Weg zurück. Vielleicht wird es irgendwann ein ökumenisches Miteinander auf lokaler Ebene geben, was ich natürlich begrüßen würde.
21. Was ist Dir besonders in der letzten Zeit vor, während und nach Deinem Wechsel oder Weggang bei Dir selbst aufgefallen?
Für mich persönlich hat sich nichts geändert, bis auf die genannten Punkte in Frage 16.
22. Fühlst Du Dich geistlich besser „versorgt“ ?
Ja, ich fühle mich besser versorgt.
Was die Inhalte der Gottesdienste betrifft, hatte ich ja schon geantwortet, dass ich deutlich mehr Tiefgang verspüre. Auch der Pfarrer hat immer ein offenes Ohr für mich und bei Bedarf Zeit für ein Gespräch. Vor Kurzem gab es sogar einen „Familienbesuch“. Sonstige geistliche Angebote sind ausreichend vorhanden. Bibelabende, Exerzitien, Erwachsenenkatechese u.s.w. Diese Angebote kann ich natürlich bei Bedarf wahrnehmen und nehme sie auch individuell in Anspruch. Es ist nicht so, dass ich eine geistige Diaspora vorgefunden hätte.
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