"Das halten die nicht durch"

Interview mit Dr. Andreas Fincke über die Bewegung in der NAK

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Dr. Andreas Fincke

Das Interview mit Pfarrer Dr. Andreas Fincke, Weltanschauungsbeauftagter der EZW Berlin, fand im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Köln am 8. Juni 2007 am Rande des Workshops „Die neuapostolische Kirche in Bewegung?“ [CiD [->] berichtete] statt. Wir baten Dr. Andreas Fincke nachträglich, noch auf die offizielle Verlautbarung  „Wie exklusiv ist die NAK“ vom 13. Juni 2007 auf nak.org kurz einzugehen.

CiD: Wie schätzen Sie die ökumenische Entwicklung in der NAK ein?

Fincke: Ich denke, dass die Situation verheißungsvoll ist, weil erstaunlich viel Bewegung in die NAK gekommen ist. Ich glaube, um es beispielsweise an Apostel Kühnle festzumachen, dass es ihm ein Herzensanliegen ist, die NAK neu aufzustellen.

Die Kirche reagiert keinesfalls nur auf demographische Verwerfungen. Erstaunlich ist, dass es einigen nicht schnell genug geht, anderen geht’s wahrscheinlich zu schnell, sodass die NAK vor einer Zerreißprobe steht. Beim Workshop auf dem Kirchentag wurde mir erneut klar, wie sehr es unter der Decke brodelt. Der Workshop wurde zu einer Art „Stellvertreterveranstaltung“ – Autoritäten der NAK diskutieren mit ihrer Basis auf dem Evangelischen Kirchentag statt in den eigenen Gemeinderäumen. Die Veranstaltung findet einfach an falscher Stelle statt.

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CiD: Die Kommunikation funktioniert eigentlich nur über die Vermittlung der evangelischen Kirche. Es scheint ja doch so, dass die KL und die Basis gar keinen direkten Dialog führen können. Es geht eigentlich nur über Sie, sozusagen.

Vieles ambivalent 

Fincke: Für mich ist im Augenblick vieles ambivalent. Man sagt, die Dinge brauchen ihre Zeit. Das ist richtig. Auch bei anderen Kirchen brauchen manche Dinge Jahrhunderte. So gesehen hat sich in der NAK in relativ kurzer Zeit viel verändert. Andererseits geht es nicht, dass Kritiker immer gesagt bekommen: Wir arbeiten dran. Oder: Das dauert noch eine ganze Weile.

CiD: Im jüngsten Materialdienst nehmen Sie ja auch Bezug auf die Situation in der Gemeinde Hamburg Blankenese. Die Amtsenthebungen wurden ja mit abweichenden Lehraussagen begründet. Sie haben das verglichen mit den Ausbürgerungen in der DDR.  Bröckelt die Macht des Apostolats in der NAK?

Nicht klargestellt 

Fincke: Es ist für mich schwierig, die Blankeneser Vorgänge wirklich zu beurteilen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass dieses autoritäre Durchgreifen unangemessen ist und deswegen hatte ich den Vergleich mit der DDR gewagt  - natürlich auch, um zu provozieren.  Ich finde, so kann man mit Leuten nicht umgehen. Es gibt ja im Internet die Ausführungen der drei Diakone. Die machten einen ausgesprochen glaubwürdigen und seriösen Eindruck auf mich, und ich hatte das Gefühl, dass da viel Herzblut mit eingeflossen ist. Es ist ärgerlich, wenn Leute, die sich engagieren, gemaßregelt werden. Aber letztlich ist es für mich schwer zu beurteilen, ob das Apostolat erodiert. Man könnte aus Blankenese folgern, dass die Macht schwindet. Im Übrigen gibt es inzwischen auf der offiziellen NAK-Seite [->]  eine sogenannte Klarstellung zu meinem Beitrag, die jedoch nichts klar stellt.

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CiD: In der Römisch Katholischen Kirche gibt es eine „Kirche von unten“. Was denken Sie darüber, könnte es eine Basisorganisation wie  „Kirche von unten“ auch in der NAK geben? Wäre das förderlich?

Fincke: Die “NAK von unten“ ist im Internet zu finden. Glaubenskultur, NAKtuell, Christ-im-Dialog, das ist in gewisser Weise „NAK von unten“.
Vermutlich verlangen solche Initiativen große Zahlen. Deswegen geht es auch nur in der katholischen Kirche. Die NAK ist, zumindest bei uns, zu klein. Deswegen ist das Internet ja auch so interessant. Klassisch ist eine Sekte eine Gruppe, wo jeder weiß, wo „innen“ und wo „außen“ ist. Wer der Gute, und wer der Böse ist. Die Welt ist „Wehe, Elend, Leid und Tod“, wie es in der NAK immer hieß. Diesen Dualismus, diese Trennung der Welt in Licht und Schatten, hebt das Internet auf.  Wir finden dort schreibende Menschen, die offensichtlich *drin* sind, die in die Gottesdienste gehen, die wissen, wovon sie reden und die plötzlich kritisch schreiben: Die Predigt war daneben. Und das passt nicht in das klassische Raster, wonach Kritik von den Bösen, d.h. den Fremden kommt.  Deswegen hat das Internet die Rolle einer „Kirche von unten“ übernommen.

CiD: In verschiedenen Publikationen spielten Sie auf das familiäre Geborgenheitsgefühl an, dass die NAK einem Teil ihrer Gläubigen vermittelt. Schafft die derzeitige politische und soziale Großwetterlage nicht günstige Voraussetzungen für kleine, fundamentalistische Gemeinschaften, die sich als Hort der Eindeutigkeit und Sicherheit für die Verängstigten und Haltlosen in unserer Gesellschaft positionieren und besteht nicht die Gefahr einer Refundamentalisierung der NAK?

Fincke: Die Gefahr besteht. Weltweit. Viele Religionen stehen vor der Gefahr auf die moderne Gesellschaft mit fundamentalistischen Reflexen zu reagieren. In diesem Sinne besteht die Gefahr bei der NAK natürlich auch. Wenn Sie mich fragen, ob die Gefahr realistisch ist, würde ich das jedoch verneinen, weil ich glaube, dass es viele Apostel gibt, die Veränderungen wünschen. Das ist ja eigentlich auch der Grund, weshalb ich auf die Veränderungen mit Sympathie reagiere. Ich glaube, dass es vielen Leuten sehr ernst ist, zumindest bei Stammapostel Fehr war es so, der die Öffnung forciert hatte. Es ist das Verdienst von Stammapostel Fehr, diese unglaubliche Bewegung  angeschoben zu haben.

Um noch einmal zu Ihrem Bild mit der „Familie“ zu kommen.  Ich betone immer wieder, dass das „familiäre Gefühl“ eine Stärke der NAK ist. Die evangelischen Kirchen haben den Nachteil, dass sie oft kühl und beziehungslos sind. Das ist etwas für Intellektuelle, wie für mich … Ich setze mich gerne in die letzte Reihe und möchte nicht angesprochen werden. Ich finde das prima. Normalerweise trage ich beim Kirchentag auch nicht solche Tücher [Er zeigt auf seinen orangenen Kirchentagsschal]. Dieses Verbrüdern auf der Straße, das Singen von Kirchenliedern in der Straßenbahn kann schauerlich sein. Aber das ist nur die eine Seite. Denn dieses Gemeinschaftsgefühl kann auch sehr schön sein; wird von vielen Menschen als schön, als geborgenheitgebend erlebt. Ich verstehe, dass eine Stärke einer Kirchengemeinschaft darin besteht, gerade in der chaotischen Welt zu zeigen: Wir halten zusammen. Wir helfen uns, wir duzen uns, wir kennen uns alle, wenn einer eine Garage baut, dann packen wir mit an. Wir sind eine kleine Familie. In einer Gemeinschaft, wo der Älteste denkt, was der Jüngste denkt.  Das stand vor Jahren in „Unsere Familie“. Im Grunde ein irrsinniger Satz. Nie wird der Jüngste denken, was der Älteste denkt - und hoffentlich nicht!  Hoffentlich für Beide nicht.  Aber der Satz zeigt so schön: Wir sind eine Familie. Wir Kinder gehören zu dieser Familie.  Die Zeitschriften „Unsere Familie“ und „Wir Kinder“ , „spirit“ fällt vielleicht etwas heraus  - diese beiden Zeitschriften zeigen dies.

CiD: Wir waren aus Sicht der NAK ja immer die „Voraustruppe“, quasi „Christ de luxe“.

Fincke: Ich bin ja an einem ideologiekritischem Institut. Es ist eine Ideologie zu sagen, die NAK wird nur gut, wenn sie sich verändert. Woher wissen wir das? Andere Kirchen und Gemeinschaften ändern sich gar nicht und wachsen zumindest in der dritten Welt wunderbar. Mit anderen Worten: Die NAK in Westeuropa braucht eine Veränderung. Die NAK in anderen Ländern vielleicht gar nicht?

CiD: Sie sprechen ja von einer kritischen Sympathie, die Sie zur NAK haben. In ihren Stellungnahmen zum Verständnis der Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes stellt die NAKI wörtlich fest: „Mit Heilsnotwendigkeit des Apostelamtes wird ausgedrückt, dass das Apostelamt zur Erlangung des Heils in Christus unerlässlich ist.“ Nun wird vom Vorsitzenden der PG Ökumene, Apostel Volker Kühnle und vom Stammapostel immer wieder betont, dass dies nur für den heilsgeschichtlichen Abschnitt bis zur Wiederkunft Christi gelte. Genügt die temporäre Eingrenzung des Exklusivitätsanspruches, die NAK aus der Sektenecke zu holen?

Fincke: Ja, das ist es eindeutig: sektiererisch. Man kann das Festhalten an der Heilsexklusivität bzw. an der temporären Exklusivität nur ertragen, wenn man im Stillen denkt: Das halten die nicht durch. [Lacht.]  Das denke ich natürlich nur im Stillen. Wenn man versteht, wo die Gemeinschaft herkommt, versteht man, warum sie daran festhält. Was ist das Apostelamt, wenn es nicht mehr exklusiv ist? Das ist das Dilemma.

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CiD: Andere Konfessionen werden immer vorsichtiger, die NAK als Sekte zu titulieren. Ich habe das Gefühl, das Usterpapier lässt einen vernebelten Eindruck entstehen. Wenn man nur die theologischen Aussagen betrachtet, kommt man eigentlich um den Sektenbegriff nicht herum.

Fincke: Ja, das kann man sagen. Das ist auch plausibel, was Sie sagen. Ich habe da durchaus zwei Seelen in meiner Brust, ich finde den Sektenbegriff dann besonders unglücklich, wenn ich sehe, wer in diesem Topf auch noch drin ist. Wenn ich jetzt sage, die NAK ist eine Sekte, dann sagen Sie mir nachher, Scientology und NAK ist ungefähr dasselbe. Und das geht eben nicht. Ich vermeide den Begriff eigentlich aus einem Differenzierungsbemühen.

CiD: Die evangelikale Zeitschrift ideaSpektrum [Link zu Glaubensforum24] interviewte in ihrer Ausgabe Nr. 25/2006 Stammapostel Dr. Wilhelm Leber und fragte: "Wollen Sie in die ACK aufgenommen werden?" Darauf Leber: "Zweifellos ja! Aber das hängt ja nicht nur von uns ab."
Wie ernsthaft ist nach Ihrer Einschätzung die Absicht des Stammapostels unter der Rahmenbedingung des nach wie vor apostelzentrierten Heilsverständnisses? Was ist davon zu halten, wenn hier zum Ausdruck gebracht wird: „Wir wollen ja, aber die anderen lassen uns nicht.“?

Fincke: Ich glaube schon, dass man schnell in die ACK möchte. Aber möchte man in die ACK oder möchte man nur das Etikett „Wir-sind-in-der-ACK“ erwerben?  Mit vorschnellen Entscheidungen ist keinem geholfen. Die ACK sollte wenigstens die neue Auflage von „Fragen und Antworten“ abwarten.

CiD: Im aktuellen „Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen“ der VELKD werden zum Umgang mit der NAK u.a. folgende Ratschläge gegeben:

· Die kirchliche Trauung eines evang.-luth. und eines neuapostolischen Partners ist in Ausnahmefällen aus seelsorgerischen Gründen möglich.
· Die Überlassung kirchlicher Räume für neuapostolische Gottesdienste und Veranstaltungen ist nicht möglich.

Die Ratschläge haben ja Signalwirkung für die Haltung, die Pfarrer gegenüber Mitgliedern der NAK einnehmen. Wie sind unter diesen Rahmenbedingungen Begegnungen an der Basis möglich, die ein weiteres Aufeinanderzugehen befördern? Welche ökumenischen Aktivitäten halten Sie für denkbar oder gar wünschenswert?


Fincke: Man sollte klein anfangen. Es muss nicht ein großes Konzert der erste Schritt sein. Man kann sich auch bei einem Begegnungsabend kennenlernen. Grundsätzlich ist diese Frage mit Blick auf den jeweils konkreten Ort zu beantworten.  Wo es schon Kontakte gibt, sollte man diese intensivieren. Wo nicht, sollte man bescheiden anfangen.

CiD: Was denken Sie, was gemeint ist, wenn die PG Ökumene, Apostel Kühnle als Vorsitzender, von „Öffnung“ spricht?  Bedeutet das dann Ökumene?

Fincke: Das müssten Sie Herrn Kühnle fragen. Vermutlich meint man den Abschied von der selbst gewählten Isolation.

CiD: Welche praktischen Ratschläge geben Sie neuapostolischen Ökumenikern im Umgang mit den evangelischen Kirchen?

Fincke: Keine. Die machen ihre Arbeit doch recht ordentlich…Stellen Sie mir diese Frage doch mal umgekehrt…

CiD: Gut. Welche praktischen Ratschläge geben Sie den evangelischen  Kirchen im Umgang mit neuapostolischen Ökumenikern?

Fincke: Sie sollten geduldig sein. Weil ein gutes Ding nun mal Weile braucht…

CiD: CiD bedankt sich, dass Sie sich unseren Fragen gestellt haben.

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Das Interview mit Dr. Fincke führten Esther Vietz, Frank Vietz und Martin Christian Dippon.