Die Unsterblichkeit der Seele

Zum Geburtstag von Johann Christian Hölderlin

 
Johann Christian Hölderlin * 20. März 1770,  er starb am 7. Juni 1843 in Tübingen.
Zum Frühlingsanfang, am 20. März 1770 wurde der Dichter Johann Christian Hölderlin in Lauffen geboren.Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern der Romantik.
Hölderlin-Gemälde von Franz Karl Hiemer, 1792

 

Die Unsterblichkeit der Seele


Da steh' ich auf dem Hügel, und schau' umher,
   Wie alles auflebt, alles empor sich dehnt,
      Und Hain und Flur, und Tal, und Hügel
         Jauchzet im herrlichen Morgenstrahle.
 
O diese Nacht - da bebtet ihr, Schöpfungen!
   Da weckten nahe Donner die Schlummernde,
      Da schreckten im Gefilde grause
         Zackigte Blitze die stille Schatten.
 
Jetzt jauchzt die Erde, feiert im Perlenschmuck
   Den Sieg des Tages über das Graun der Nacht -
      Doch freut sich meine Seele schöner;
         Denn sie besiegt der Vernichtung Grauen.
 
Denn - o ihr Himmel! Adams Geschlechte sinds,
   Die diese Erd' im niedrigen Schoße trägt -
      O betet an, Geschlechte Adams!
         Jauchzet mit Engeln, Geschlechte Adams!
 
O ihr seid schön, ihr herrliche Schöpfungen!
   Geschmückt mit Perlen blitzet das Blumenfeld;
      Doch schöner ist des Menschen Seele,
         Wenn sie von euch sich zu Gott erhebet.
 
O, dich zu denken, die du aus Gottes Hand
   Erhaben über tausend Geschöpfe gingst,
      In deiner Klarheit dich zu denken,
         Wenn du zu Gott dich erhebst, o Seele!
 
Ha! diese Eiche - strecket die stolze nicht
   Ihr Haupt empor, als stünde sie ewig so?
      Und drohte nicht Jehovas Donner,
         Niederzuschmettern die stolze Eiche?
 
Ha! diese Felsen - blicken die stolze nicht
   Hinab ins Tal, als blieben sie ewig so?
      Jahrhunderte - und an der Stelle
         Malmet der Wandrer zu Staub das Sandkorn.
 
Und meine Seele - wo ist dein Stachel, Tod?
   O beugt euch, Felsen! neiget euch ehrfurchtsvoll,
      Ihr stolze Eichen! - hörts und beugt euch!
         Ewig ist, ewig des Menschen Seele.
 
Mit grausem Zischen brauset der Sturm daher,
   Ich komme, spricht er, und das Gehölze kracht
      Und Türme wanken, Städte sinken,
         Länder zerschmettern, wenn ich ergrimme.
 
Doch - wandelt nicht in Schweigen der Winde Dräun?
   Macht nicht ein Tag die brausende atemlos?
      Ein Tag, ein Tag, an dem ein andrer
      Sturm der Verwesten Gebeine sammelt.
 
Zum Himmel schäumt und woget der Ozean
   In seinem Grimm, der Sonnen und Monde Heer
      Herab aus ihren Höh'n, die stolze,
         Niederzureißen in seine Tiefen.
 
Was bist du, Erde? hadert der Ozean,
   Was bist du? streck' ich nicht, wie die Fittige
      Aufs Reh der Adler, meine Arme
         Über die Schwächliche aus? Was bist du,
 
Wenn nicht zur Sonne segnend mein Hauch sich hebt,
   Zu tränken dich mit Regen und Morgentau?
      Und wann er sich erhebt, zu nahn in
         Mitternachtswolken, zu nahn mit Donnern,
 
Ha! bebst du nicht, Gebrechliche? bebst du nicht? -
   Und doch! vor jenem Tage verkriechet sich
      Das Meer, und seiner Wogen keine
         Tönt in die Jubel der Auferstehung.
 
Wie herrlich, Sonne! wandelst du nicht daher!
   Dein Kommen und dein Scheiden ist Widerschein
      Vom Thron des Ewigen; wie göttlich
         Blickst du herab auf die Menschenkinder.
 
Der Wilde gafft mit zitternden Wimpern dich,
   O Heldin, an, von heiligen Ahndungen
      Durchbebt, verhüllt er schnell sein Haupt und
         Nennet dich Gott, und erbaut dir Tempel.
 
Und doch, o Sonne! endet dereinst dein Lauf,
   Verlischt an jenem Tage dein hehres Licht.
      Doch wirbelt sie an jenem Tage
         Rauchend die Himmel hindurch, und schmettert.
 
O du Entzücken meiner Unsterblichkeit!
   O kehre du Entzücken! du stärkest mich!
      Daß ich nicht sinke, in dem Graun der
         Großen Vernichtungen nicht versinke.
 
Wenn all dies anhebt - fühle dich ganz, o Mensch!
   Da wirst du jauchzen: Wo ist dein Stachel, Tod?
      Dann ewig ist sie - tönt es nach, ihr
         Harfen des Himmels, des Menschen Seele.
 
O Seele! jetzt schon bist du so wundervoll!
   Wer denkt dich aus? daß, wann du zu Gott dich nahst,
      Erhabne, mir im Auge blinket
         Deine Erhabenheit - daß du, Seele!
 
Wann auf die Flur das irdische Auge blickt,
   So süß, so himmlisch dann dich in mir erhebst -
      Wer sah, was Geist an Körper bindt, wer
         Lauschte die Sprache der Seele mit den
 
Verwesungen? - O Seele, schon jetzt bist du
   So groß, so himmlisch, wann du von Erdentand
      Und Menschendruck entlediget in
         Großen Momenten zu deinem Urstoff
 
Empor dich schwingst. Wie Schimmer Eloas Haupt
   Umschwebt der Umkreis deiner Gedanken dich,
      Wie Edens goldne Ströme reihen
         Deine Betrachtungen sich zusammen.
 
Und o! wie wirds einst werden, wann Erdentand
   Und Menschendruck auf ewig verschwunden ist,
      Wann ich an Gottes - Gottes Throne
         Bin, und die Klarheit des Höchsten schaue.
 
Und weg ihr Zweifel! quälendes Seelengift!
   Hinweg! der Seele Jubel ist Ewigkeit! -
      Und ist ers nicht, so mag noch heute
         Tod und Verderben des Lebens große
 
Gesetze niedertrümmern, so mag der Sohn
   In seinem Elend Vater und Mutterherz
      Durchbohren, mag ums Brot die Armut
         Tempel bestehlen, so mag das Mitleid
 
Zu Tigern fliehn, zu Schlangen Gerechtigkeit,
   Und Kannibalenrache des Kindes Brust
      Entflammen, und Banditentrug im
         Himmelsgewande der Unschuld wohnen.
 
Doch nein! der Seele Jubel ist Ewigkeit!
   Jehova sprachs! ihr Jubel ist Ewigkeit!
      Sein Wort ist ewig, wie sein Name,
         Ewig ist, ewig des Menschen Seele.
 
So singt ihn nach, ihr Menschengeschlechte! nach,
   Myriaden Seelen singet den Jubel nach -
      Ich glaube meinem Gott, und schau' in
         Himmelsentzückungen meine Größe.

Hölderlin