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Samstag, 9. Juni 2007

"Und dann kann man neu anfangen"

Neuapostolische Diskussion unter evangelischer Aufsicht

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Stehen oder gehen?

Wenn der Ort der Veranstaltung etwas über die gegenwärtige und zukünftige Verortung  der NAK aussagen würde, wären die Aussichten alles andere als erfreulich.

Zum Workshop von Dr. Andreas Fincke, Pfarrer und Weltanschauungsbeauftragter der EZW, unter der Moderation von Andrew Schäfer, Pfarrer im Referat Sektenfragen der ev. Kirche Rheinland,  mussten Kirchentagsbesucher und neuapostolische Christen in das dämmrige Licht der Krypta unter St. Gertrud hinabsteigen. Nicht minder abgesondert vom Hauptgeschehen des Kirchentages war die thematische Lokalisierung der NAK, die zwischen "Bibel und Fundamentalismus" , "Kreationismus", "Schulverweigerern", und "Zeugen Jehovas"  ihren Platz fand. Nicht zuletzt schien die Zusammensetzung des Publikums die Außenseiterrolle der NAK zu unterstreichen, denn nur wenige der ev. und kath. Kirchentagsbesucher scheinen sich für das Gespräch in der Krypta interessiert zu haben. Der Großteil des Publikums hingegen, war den Wortmeldungen und dem Auftreten zufolge, neuapostolisch. Selbstverständlich nutzte die Projektgruppe (PG) Ökumene, vertreten durch Apostel Volker Kühnle und Apostel Rolf Wosnitzka, die Möglichkeit ihre Sicht der Dinge darzustellen.

Differente Wahrnehmungen 

Dr. Andreas Fincke eröffnete den Workshop mit einem knappen, pointierten und wohlwollenden Referat zur gegenwärtigen Situation der Neuapostolischen Kirche. Bei den Ursachen der Entwicklung hin zur Öffnung der Kirche wollte er sich nicht festlegen, nannte aber das Internet, die sog. "Aussteigerdiskussion" und das Bestreben einzelner Amtsträger um eine Erneuerung der Kirche als mögliche Faktoren. Im Anschluss bat Dr. Andreas Fincke um rege Wortmeldungen des Publikums, die von Andrew Schäfer kompetent moderiert wurden. Dabei gab der EZW-Beauftragte der ev. Kirche auch der PG Ökumene, namentlich Apostel Volker Kühnle, reichlich Gelegenheit, zu kritischen Fragen Stellung zu nehmen.

Im ersten Drittel der Veranstaltung nutzte der  Apostel dann diese Gelegenheit zu einem Kurzreferat. Kühnle zeichnete dabei das Bild einer offenen und fortschrittlichen Neuapostolischen Kirche, deren gegenwärtig noch bestehender Sonderstatus sich aus ihrer geschichtlichen Entwicklung herleiten lasse. Die Öffnung der Kirche sei aber bereits seit den 70er Jahren im Gange. Gegenwärtig würden Gespräche mit der ACK-Süddeutschland geführt, die im Herbst auf Bundesebene fortgeführt würden. Das sehr positive Bild der gegenwärtigen NAK  wollte das Publikum allerdings nicht so recht teilen. In den einzelnen Wortmeldungen kam vielmehr zum Ausdruck, dass sowohl aktive als auch sich umorientierende neuapostolische ChristInnen die kirchliche Realität wesentlich anders beurteilen, als sie der Apostel sehen möchte.

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Dr. Andreas Fincke
Pfarrer und Weltanschauungsbeauftragter der EZW

Deutlich zur Sprache kam, dass die Basis enorme theologische wie seelsorgerliche  Defizite empfindet. Eine Teilnehmerin sprach z.B von überforderten Amtsträgern, die zwar engagiert, deren Predigten aber keineswegs überzeugend seien. Ein weiterer Diskussionspunkt waren merkliche regionale Differenzen im Stand des Öffnungsprozesses. Ein Amtsträger brachte diese mit der Aussage auf den Punkt, wenn er die Darlegungen von Apostel Kühnle in seiner Gemeinde vertrete, könne er sein Amt wohl kaum länger ausführen. Ohne dieses Einzelbeispiel verallgemeinern zu wollen, führt es vor Augen, wie lange es wohl noch dauert, bis die von der PG Ökumene als bereits vorhanden proklamierte Öffnung in einzelnen Gemeinden ankommen wird. Sowohl Apostel Volker Kühnle als auch Dr. Andreas Fincke betonten in diesem Zusammenhang, dass sich die NAK freilich kaum im Handstreich öffnen und erneuern lasse. Eine Tatsache, die freilich von vielen ökumenisch Gesinnten als sehr schmerzlich empfunden wird. Dies fasst die Aussage einer Teilnehmerin  zusammen: Wenn die PG Ökumene von einem Zeitraum von 30-40 Jahren spreche, der für die Öffnung der Kirche benötigt würde, möge man bedenken, dass manche Geschwister auch noch im Zeitraum ihres eigenen Lebens denken würden.

Eine Lanze für die älteren und sogenannten konservativen Geschwister brach ein 65-jähriger Bruder, der mit 15 Jahren zur NAK konvertierte. Er warb um Verständnis dafür, dass sich viele ältere Geschwister, die sich ihr Leben lang mit Herzblut für die neuapostolische Lehre engagiert hätten, mit den für sie plötzlichen Veränderungen sehr schwer täten. Sei früher gesagt worden, alles was gepredigt werde, sei Gottes Wort - und insbesondere die Botschaft von Stammapostel Bischoff -, so gelte dies heute nicht mehr uneingeschränkt. Er vermisse von der Kirchenleitung eine klare Aussage und sie möge doch einmal in aller Deutlichkeit darlegen, wann der Heilige Geist gelogen habe - damals oder heute. Erst wenn klargelegt sei, dass die Aussagen früher falsch gewesen wären, wäre die Basis für einen Neuanfang geschaffen.

Abschließende Bemerkungen

In der Rückschau ist folgendes festzustellen: zwischen der Basis sowie der mittleren Amtsebene und Kirchenleitung bestehen erhebliche Differenzen in Wahrnehmung und Einschätzung des Öffnungsprozesses. Dass die NAK in Bewegung geraten sei, würde wohl niemand der am Workshop Teilnehmenden bestreiten. Über Ernsthaftigkeit, Ziel und Geschwindigkeit dieser Bewegung gehen die Meinungen aber auseinander.  Das ist freilich im gegenwärtigen Stand der Entwicklung wenig verwunderlich. Wesentlich schwerer trägt das Faktum, dass der Workshop eigentlich als beinahe rein kircheninterne Diskussion unter Aufsicht der evangelischen Kirche gewertet werden muss. Eine Diskussion zwischen ev. bzw. kath. ChristInnen mit den anwesenden neuapostolischen Teilnehmern oder der PG Ökumene kam nicht bzw. nur in Ansätzen zustande. Mit anderen Worten, im Workshop der EZW wurde eigentlich die Diskussion geführt, die die Kirchenleitung mit ihren Kirchenmitgliedern aus eigenem Antrieb führen müsste. Es kamen hauptsächlich die Bedenken und Probleme der eigenen Geschwister zum Ausdruck. Eine Diskussion theologischer Fragen fand nicht statt - von zwei Nachfragen zum Verständnis des Apostelamts der NAK, u.a. von Dr. Reinhard Hempelmann (Pfarrer und  Leiter der EZW Berlin), einmal abgesehen. So hinterließ der Workshop eher den Eindruck einer Diskussion über das neue Selbstverständnis einer Großfamilie, die gegenwärtig ihre Interessen- und Generationenkonflikte austrägt und in der eigentlich keiner dem anderen wirklich weh tun möchte.

Dieses Großfamiliendenken, das auch diejenigen Geschwister noch beherrscht, die der NAK kritisch gegenüberstehen oder sie bereits verlassen haben, trug, verbunden mit der geschickten Öffentlichkeitsarbeit von Apostel Volker Kühnle wohl dazu bei, dass eine kritische Auseinandersetzung hinsichtlich der drängenden aktuellen Themen nur in Grenzen stattfand. Gerade hier schlägt diese von Dr. Andreas Fincke in seinen Publikationen mehrfach erwähnte familiäre Atmosphäre in solcher Stärke durch, dass sie die notwendige Auseinandersetzung in der Kirche auf ein Mindestmaß zu reduzieren vermag. Gewiß ist das Getragensein der Diskussion von geschwisterlicher Liebe außerordentlich wertzuschätzen. Problematisch wird sie aber dann, wenn sie notwendige Auseinandersetzungen verhindert. Man kann nur hoffen, dass daher die eingetretene Bewegung nicht erlahmt und dass die NAK zukünftig nicht das bleibt, was sie bisher war: eine abgeschlossene Großfamilie. Sonst wäre die Chance zum Neuanfang auf lange Zeit hin vertan.

 

 
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©Christ im Dialog 2007

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