PfingstenGedanken zum Heiligen Geist von Karl Rahner Ohne ins Herz getroffen zu sein, empfängt man keinen Geist, denn die Quelle dieses Geistes ist der erhöhte Herr, der mitten in Ohnmacht und Gottesverlassenheit am Kreuz triumphiert hat. Aus dem Untersten der Erde entspringen die Quellen, von denen Johannes sagt, dass sie ins ewige Leben strömen. Weil er gekommen ist im Wasser und im Blut, sind wir die Erlösten! Auch bei uns, die wir bei ihm sind, hängen das Blut und die Wasser des lebendigen Geistes zusammen.Die Namen des Geistes im Neuen Testament: Er ist der „Heiligen Geist", der „Geist des dreimal heiligen Gottes", der „Geist des Vaters und des Sohnes", der „in uns ausgegossene Geist", der „Paraklet", der „Tröster" und „Anwalt", der „Geist der Freiheit", das „Siegel unserer Erlösung", durch das wir wahrhaft als die von Gott Angenommenen und zu ihm Gehörenden bezeichnet werden, die „Erstlingsfrucht der Erlösung", das „Angeld“ dem uns gleichsam wie in einer Anzahlung der Anfang der ewigen Herrlichkeit gegeben „stärkende und tröstende Salbung". Er „erleuchtet" und „begeistert", ist jener, der „in unserem Leibe wie in einem Tempel wohnt", „uns zur Wohnstätte Gottes heiligt", „aus uns das Heiligtum seiner Kirche macht". Er ist der „Geist der Neuschöpfung, durch den der Herr alles neu macht, aus dem man wiedergeboren werden muss", damit man wirklich sei, der man für ewig sein soll.
Der Geist ist der klare, göttliche Gegensatz dem, was im Neuen Testament als „Fleisch“ als das hinfällige und ohnmächtige, der Sünde geweihte, sich mürrisch gegen Gott sperrende geistfremde und in sich sterile Fleisch bezeichnet wird, das dem Tode überantwortet ist und sich dennoch einbildet, das lebendige zu sein. Demgegenüber ist der Geist der „Erwecker des verklärten Leibes“, der „Geist der Kindschaft, der uns Zeugnis gibt, dass wir Kinder Gottes sind." Von Geist sagt Paulus in l Kor 2,llf, die Tiefen der Gottheit erforscht und als solcher in uns den wahren Urgrund unseres Gotteswissens besagt. Was immer wir auch tiefsinnig als theologisches System ausbreiten, ist nur ein schwaches, an die Oberfläche unseres gelichteten und mit Begriffen arbeitenden Wesens gelangendes Echo dessen, was in der Mitte unseres Daseins viel eindeutiger und realer, in einem wirklichen Beisammensein im wahren Besitz des ausdrücklich Gewussten gehabt wird.
Das Pneuma Gottes weht, wo es will, es fragt uns nicht, es begegnet uns nach seinem Ermessen, teilt seine Charismen aus, wie es ihm gefällt. Wir müssen deswegen die immer Bereiten und Wachen sein, die Beweglichen, die sich von ihm auch immer wieder zu etwas anderem bringen lassen. Wir können dem Geist Gottes die Rezepte nicht vorschreiben. Mit seinen Gaben ist er nur dort, wo er sie eingefügt weiß in die Vielfältigkeit der Charismen in der einen Kirche, in der alle Gaben von dem Einem herstammen.
Der Geist ist nicht so eintönig wie zuweilen wir mit unseren Rezepten. Er kann auf verschiedene Weisen zu sich selber führen, und er will durch die Mannigfaltigkeit der Funktionen, der Ämter und Gaben, der Erkenntnisse in der Furche walten. Sie soll keine Kaserne sein, in der alles uniformiert verläuft, sondern der Leib Christi, in dem er, der eine Geist, in der Vielfalt der Glieder überall waltet. Jedes dieser Glieder bestätigt gerade dadurch, dass es die anders gearteten gelten lässt, dass es wirklich ein Glied dieses Leibes ist.
Immer und überall, wo Menschengeschichte getrieben wurde, fand der Dialog zwischen Gott und Mensch zu Heil und Unheil statt, überall und immer also gab es richtenden und begnadigten Geist. Aber das letzte Wort war nicht gesprochen, es war noch alles offen, die Geschichte konnte sich noch nach oben oder unten entwickeln, alles war noch letztlich in Schwebe, aller Bund war ein Bund auf Abruf und Vorläufigkeit, ein alter und alternder Bund, ein Äon, dem ein anderer folgen konnte, der den ersten abtut und nicht eigentlich bloß seine unüberholbare Fülle erscheinen lässt. Da das Wort das Fleisch und den Tod unserer Geschichte annahm, endgültig und unwiderruflich annahm, weil als seine ureigenste Wirklichkeit annehmend, ist nun alles anders, alles endgültig. Wenn wir sagen: an Pfingsten ist der Geist gekommen über alles Fleisch, dann sagen wir es nicht nur von jenem Geist, der schon immer in der Welt waltete, dann sprechen wir von dem eschatologischen Geist, dem Geist als der unwiderruflichen Gabe, von dem Geist ewiger Prädestination der Welt als ganzer zum Leben und zum Sieg, vom unbesiegbaren Geist, der unverlierbar der Welt und ihrer Geschichte eingesenkt und vermählt ist. Vor Christus gab es diesen Geist nicht, und seit Pfingsten ist offenbar geworden, dass dieser Geist der Geist Christi ist, in seiner Ausgießung und seinem Walten an der Endgültigkeit Christi teilhat, der Geist des Gekreuzigten und Auferstandenen ist, also der Geist, der nie mehr von der Welt und der Gemeinde Christi weichen wird. Pfingsten ist das Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes, das Fest in Geisttaufe, das Fest der „Ausgießung des Gottesgeistes über alles Fleisch", der Anfang jenes dauernden Wohnens des Geistes „im Gefäß des Fleisches und in der Kirche", um mit Irenäus zu reden. Wahrhaftig, Pfingsten ist nicht eine vorübergehende Inspiration, eine blitzartige mystische Verzückung, nicht einmal in erster Linie eine charismatische Gnadengabe für die Apostel persönlich, gleichsam als private Mystiker oder Geistesmänner, sondern Pfingsten ist in all seinen äußeren seltsamen Vorgängen im Grunde nur das Sichtbarwerden der viel wesentlicheren Tatsache, dass der Geist von nun an nie mehr ganz aus der Welt weichen wird bis zum Ende der Zeiten, weil dieses Wohnen des Geistes in der Welt ohne Ende nur die Auswirkung jener Geistüberschattung ist, die sich in der Menschwerdung des Sohnes des Vaters vollzogen hat.
Der Geist, von dem wir reden, ist der Herr, denn der Herr ist Geist, Gott ist Geist. Wie aber ist Gott in der Welt? Man sagt, er offenbare sich in der Schöpfung. Ach, diese ist nur der Saum seines Kleides, der Vorhang, der ihn verbirgt. Denn die Schöpfung, die „Natur", wie die Theologen sagen, kündet Gott nur als den fernen, indem sie in sich selbst kreist. Von ihr selbst aus führt für den Menschen kein Weg, der hinreicht in das unzulängliche Licht der Tiefen der Gottheit dorthin, wo sie ihr eigenes leben lebt, vor das Angesicht Gottes. Gott selbst also musste kommen, um uns aus dem Kreis von Geburt und Tod herauszuholen und um den Weg zu bahnen, der uns aus der Vergangenheit des Menschen in die Endlichkeit seines Wesens und der Welt hineinführt in das Leben Gottes selbst. Und diesen Gott, der zu diesem Zweck in diese Welt kommt, nennen wir den Heiligen Geist. Wie soll dieser Geist über uns kommen: Gibt es etwas Sichtbares, Greifbares, von dem wir sagen könnten: Siehe hier und jetzt, ergreife dieses da und sei gewiss, dass dich der Geist ergriffen hat, der weht, wo er will! Ja, so etwas gibt es, weil wir an die Menschwerdung des ewigen Logos glauben, weil Gott selbst eingegangen ist in die Geschichtlichkeit, in die Enge von Raum und Zeit, weil er in seiner freien Gnade für immer ein Stück dieser raumzeitlichen Endlichkeit, das wir die Menschheit Jesu nennen, angenommen hat als sein eigenes Leben, angenommen hat, um es immerdar als seine eigene Wirklichkeit zu behalten. Darum gibt es in der Welt ein Hier und Jetzt, in dem Gott gekommen ist, um uns in sein eigenes Leben ohne Hier und Jetzt hinein zu erlösen. An dem Tag, an welchem der Geist steil von oben in die Herzen der Apostel fällt, predigt Petrus nicht, die Bußfertigen möchten nach oben schauen, ob nicht aus dem Reich des Überzeitlichen und Übergeschichtlichen auch auf sie der Geist herniederfahre. Nein, er hat nur eine Botschaft für sie: Lasst euch taufen! Im Hier und Jetzt des sakramentalen Zeichens ist der Pfingstgeist. Und darin ist er immer noch und immerdar. Dann also, wenn das sichtbare Zeichen der sichtbaren Botschaft geschieht, ist Pfingsten, dann ist Heiliger Geist. Vor der Fleischwerdung des Logos gab es keine dauernde Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Es gab eine rechtliche Ordnung, die Gott im Volke Israel errichtet hatte, aber sie war keine Kirche, sie war für jene Menschen verpflichtend, aber sie wirkte keine Gnade, keinen heiligen Geist. Es gab Geist, aber er wehte bloß und ließ sich nirgends nieder, er wurde nie „sichtbar". Jetzt aber in der Fülle der Zeiten ist eine solche Sichtbarkeit geschehen: im fleischgewordenen Logos und in seinem Leib, der Kirche. Weil die Kirche ist, darum ist auch immer Pfingsten. Darum geschieht noch immer die Ausgießung des Geistes über alles Fleisch, darum können wir noch immer beten: Komm, Heiliger Geist! Und weil wir es in der Kirche beten, darum wissen wir, dass wir erhört sind, denn der Geist des Herrn ist nicht fern von uns. Aber das alles ist für uns Einzelne keine bequeme Garantie, dass er in uns so wirkt, wie er es wollte und die Zeiten es forderten, bloß deshalb, weil wir im Hause des Herrn ein- und ausgehen. Nur wer kirchlich und selbständig, demütig und wagemutig, gehorsam und um eigene Verantwortung wissend, ein Beter und ein Täter ist, der Vergangenheit und der Zukunft der Kirche verbunden ist, nur der schafft Raum, dass Gottes stürmender Pfingstgeist, der ewig alte und ewig junge, in ihm wirkt, das Angesicht seiner eigenen Seele erneuert, sich seiner bedient, um auch die Erde zu wandeln. Die Bewegung des Geistes und der Freiheit, der Horizont dieser Bewegung ist grenzenlos. Jeder Gegenstand unseres Bewusstseins, der uns in unserer Mitwelt und Umwelt, sich von sich aus meldend, begegnet, ist nur eine Etappe, ein immer neuer Ausgangspunkt dieser Bewegung, die ins Unendliche und Namenlose geht. * * * * * * * 
Karl Rahner SJ , * 5. März 1904 in Freiburg im Breisgau; † 30. März 1984 in Innsbruck, war ein deutscher katholischer Theologe. Karl Rahner war einer der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Er wirkte bahnbrechend für eine Öffnung der katholischen Theologie für das Denken des 20.Jahrhunderts und beeinflusste mit seiner Theologie maßgeblich das 2. Vatikanische Konzil, an dessen Vorbereitung und Durchführung er als Sachverständiger mitarbeitete. Als Schüler Martin Heideggers versuchte er eine Synthese der theologischen Tradition mit dem Denken der Moderne. Rahner war Mitherausgeber des Lexikons für Theologie und Kirche und beeinflusste damit die gesamte deutschsprachige Theologie. Er kritisierte zunehmend Missstände innerhalb der katholischen Kirche, förderte die internationale theologische Kommunikation und trieb den Dialog der Theologie mit den Naturwissenschaften und dem Marxismus voran. (wikipedia) Textauszug aus: Unbegreiflicher so nah, Karl Rahner, ISBN: 3-7867-2199-8 |