Lebensraum

Nischen für Querdenker

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Was macht neuapostolische Christen aus?

Geschrieben von Frank Vietz

Ein Griff ins Regal, ein kleines rotes Buch mit dem Titel „Fragen und Antworten“ hervorgezogen und schon ist alles klar. - Könnte man meinen. Doch im persönlichen Gespräch mit Geschwistern offenbart sich anderes: Auch NAK-Mitglieder haben ihren ganz individuellen Zugang zu Gott. Sie verstehen ihren Glauben in vielfältiger Weise und sind mit unterschiedlichen Mitteln erreichbar.

Ältere wurden anders geprägt als die Jüngeren, Konvertierte anders als von Geburt an Neuapostolische und je nach Land, gesellschaftlichem Umfeld oder persönlicher Entwicklung wird der Glaube ganz unterschiedlich erfahren und gelebt.

Das ist zunächst einmal eine Tatsache – und etwas vollkommen natürliches.
Und doch tun sich viele Neuapostolische mit Vielfalt schwer.

Wer sich hierfür mehr Offenheit wünscht, muss erst einmal verstehen, was die Ursache ist.

Verbreitete Auffassung unter neuapostolischen Christen ist, dass das Einssein nach Joh 17,11 und 17, 21ff, die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis nach Eph 4,13 sowie der schmale Weg nach Mt 7,14 als völlige Übereinstimmung der Glaubensüberzeugungen und konfliktfreie Harmonie begriffen werden müssen.

Dieser Zustand müsse bis zur Wiederkunft Christi weitgehend erfüllt sein, die in der unmittelbaren Zukunft erwartet wird. Wird Einsseins so verstanden wie oben beschrieben, muss Vielfalt in dieser Situation mindestens als Makel empfunden werden, wenn nicht sogar als Versuch des Bösen, die Gläubigen auf der Zielgeraden ins Straucheln zu bringen.

Aus dieser Furcht heraus hat sich die NAK in vergangenen Jahrzehnten oft strenge Regeln auferlegt und vermeidet bis heute den offenen Umgang mit internen Konflikten. Die Spaltungsgeschichte legt ein beredtes Zeugnis hierüber ab.

Vordergründig haben Ausschlüsse und Spaltungen zwar den inneren Frieden wiederhergestellt, tatsächlich wurden hierbei aber Chancen vertan.
Denn häufig ist das, was interne Kritiker gestern angemahnt haben, heute umgesetzt. Und manches, was heute als „abwegig“ eingeschätzt wird, kann morgen schon anerkannte Wirklichkeit sein.

Ob jemand Vorreiter ist oder Irrtümern erliegt, lässt sich, wenn überhaupt auf Erden, oft genug erst im Rückblick einschätzen. Hinzu kommt, dass die lebensgeschichtliche Entwicklung eines Menschen viele Stationen kennt und keiner von uns weiß, wo er am Ende seines Lebens stehen wird. Es lohnt also, den richtigen Umgang mit Vielfalt zu erlernen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass das spezifisch neuapostolische Verständnis von „Einssein“, wie oben angedeutet, erst einmal überdacht werden muss. Hier kann das ökumenische Motiv der „Einheit in Vielfalt“ ein erster Orientierungspunkt sein: Einheit ist eben ohne Gleichförmigkeit möglich, so wie die Mitglieder einer Familie trotz oder gerade wegen ihrer persönlichen Eigenarten zusammenhalten können.

Allmählich ändert sich der Umgang mit „Querdenkern“, aber nach wie vor gilt, dass Geschwister, deren geistliche Bedürfnisse vom neuapostolischen Standard abweichen, in ihrer eigenen Kirche oft keinen Lebensraum (Nische) finden, in dem sie wirklich angesprochen werden und sich angenommen fühlen dürfen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mangel liturgisch, musikalisch oder von der Art der Wortverkündigung herrührt. 
Hier müssen zusätzlich zum bestehenden Angebot neue Formen erprobt werden, die darauf Rücksicht nehmen, dass Menschen auf verschiedene Weise wahrnehmen und einen unterschiedlichen Zugang zu Gott haben. Profilgemeinden  können die „Werkstätten“ für diese neuen Formen sein. Sie können Impulse für die Zukunft setzen und in der Gegenwart Abhilfe schaffen, ohne die bestehenden Ortsgemeinden zu überfordern. Sie können zugleich – als Alternative zum defensiven Gemeindeschließungskonzept - Labor für die innere und äußere Mission sein.

Weiterlesen:  

NAK-Profilgemeinden
und
Wieviel Einheit braucht die Kirche?