Netzwerk Apostolische GeschichteApostolische Glaubenskultur auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag Am runden Tisch bei der Veranstaltung zur Sakramentaltheologie in den apostolischen Gemeinschaften (v.l.n.r): Dr. Reinhard Kiefer (Theologischer Berater, NAKI), Volker Wissen, (VAG, Buchautor, hier: Moderator), Dr. Brigitta Kleinschwärzer-Meister, (RKK, Juniorprofessorin Uni München), Gert Loose, (Apostel der VAG, Ostdeutschland)
Wenn man den Stand des Netzwerkes Apostolische Geschichte in Halle B5 L 27 betritt, ist es ein bisschen so, als käme man in eine apostolische Gemeinde: Freundliche Brüder am Eingang, familiäre Atmosphäre, man kennt sich offenbar, flinke Techniker, die eine Übertragung (in die Halle) vorbereiten, Diakone, die Stühle – hier Pappkartons – schleppen, alte Abendmahls- und Taufgefäße sowie Gesangbücher in den Vitrinen. Immer jemand, der einem den Mantel abnimmt und begeisterte junge Menschen, die von ihrem Glauben erzählen wollen. Was fehlt ist ein Opferkasten, aber den hatte man vorher schon als Bitte um Spenden ins Internet gestellt. Der runde Tisch in der rechten Ecke, an dem die Gespräche mit den anderen Gemeinschaften stattfinden sollen, ist die Sachspende der NAK. So sitzt man wenigsten gleich anschließend am eigenen Tisch.
Keine heile Welt
Beim Blick auf die Wände des Standes ändert sich das Bild von der heilen Welt jedoch. Neben Fotografien von alten und neuen Kirchen der am Stand engagierten Gemeinschaften, sieht man Grafiken, die die Spaltungsgeschichte der apostolischen Bewegung darstellen. Anscheinend sind hier Leute am Werk, die es genauer wissen wollten. Ein Beteiligter erzählt, dass hier „die nächste Generation der apostolischen Kirchen“ zusammen arbeiten würden. Er habe vor einigen Jahren zum ersten Mal von der „Kuhlen-Geschichte“ gehört. Als Mitglied der Neuapostolischen Kirche (NAK) sei es aber schwer gewesen, überhaupt an gesicherte Informationen zu diesem Thema heran zu kommen. So habe er sich Quellenmaterial auch von anderen Gruppen beschafft und stellte dann fest: „Eigentlich hätte ich nach dem Studium dieser Quellen aus der NAK austreten müssen.“ Apostel Gert Loose (VAG) und Pr. Reinhard Welsch (NAK/VAG (Doppelmitgliedschaft))
Er blieb aber. Sein Interesse an der Geschichte der apostolischen Bewegung war geweckt. Er sucht und findet Gleichgesinnte und so entsteht ein Netzwerk. Die Konfession der Mitarbeiter spielt von vorne herein keine Rolle. Man will objektiv und mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft vorgehen. Theologische, kirchenpolitische und psychologische Fragestellungen zu diesem Thema wurden bewusst außen vor gelassen. Ob das bei einem Tendenzbetrieb wie einer Kirche wirklich möglich ist, sei einmal dahin gestellt. Auf den Besucher wirkt es ein wenig so, als ob man die Geschichte des Springer-Verlages schreiben wolle, ohne auf die politische Bedeutung seiner Erzeugnisse einzugehen. Die katholische Sicht zur Firmung
Eine Geschichte der Spaltungen
Dennoch: Die Geschichte der hier vorgestellten apostolischen Erweckungsbewegung, die um 1830 in England auch als Gegenbewegung zu den Aufbrüchen der französischen Revolution begann, ist eine Geschichte der Spaltungen. Unter den Abspaltungen der ursprünglich katholisch-apostolischen Bewegung ist die Neuapostolische Kirche (NAK) mit heute weltweit über 10 Millionen Mitgliedern in den Kirchenbüchern, die äußerlich erfolgreichste und größte.
Am Anfang eine Exkommunikation
Als ich meinen Gesprächspartner frage, wie er sich den Übergang von der katholisch-apostolischen Gemeinde (KAG) zur NAK erklärt, antwortet er: „Es gab unter den KAG-Aposteln viele, die glaubten, dass die Wiederkunft Christi zur Heimholung seiner Braut unmittelbar bevor stünde. Aber die ersten Apostel verstarben, und so machten sich einige der englischen Apostel – insbesondere der für den Norden Europas zuständige Apostel Carlyle – Sorgen um die Zukunft ihres Werkes.“ Es kam zu Konflikten und schließlich rief der KAG-Prophet Geyer einen neuen Apostel. Dieser wurde zwar von den englischen Aposteln nie anerkannt, aber damit war der Bruch eingeleitet. Sowohl der Prophet Geyer als auch sein Apostel wurden exkommuniziert. Schließlich wurde die gesamte Hamburger Gemeinde, die den neuen Apostel annahm, ausgeschlossen.
Eine völlig neue Gemeinschaft
Damit entsteht eine völlig neue Gemeinschaft, die sich im Laufe ihrer Geschichte mehrfach umbenennt und heute als NAK bekannt ist. Viele der Dinge, die den englischen Aposteln wichtig waren wie die Liturgie, Gewänder, Tabernakel und auch das vierfache Amt (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer) werden im Laufe der Zeit in der NAK verändert oder ganz abgeschafft. Ein gemeinsames Element allerdings blieb bis heute: Die Erwartung der nahen Wiederkunft Jesu und die hohe Bedeutung, die die Apostel in beiden Kirchen hatten bzw. heute noch haben.
Die Botschaft
Die Lehre von der Wiederkunft Christi (Naherwartung) ist es auch, die die NAK dann am Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts in eine bis heute nicht endgültig aufgearbeitete Krise treibt. Nachdem man zunächst in der „Lehre vom neuen Licht“ annahm, dass Jesus Christus in den Aposteln anwesend sei, rückte der damalige Stammapostel Bischoff die „Wiederkunft Christi noch zu meiner Lebzeit“ in den Mittelpunkt der neuapostolischen Lehre. Der Glaube an diese ihm angeblich von Jesus selbst überbrachte „Botschaft“ wurde zu einem Dogma der NAK. Insbesondere der rheinische Apostel Kuhlen wollte diesen Weg des Personenkultes allerdings nicht mitgehen. Er wollte es seinen Geschwistern freistellen daran zu glauben oder nicht. So kommt es – eingeleitet durch die neuapostolische Kirchenleitung - zum erneuten Bruch und zum Ausschluss mehrerer Apostel aus der NAK. In der Folge entsteht daraus die Vereinigung Apostolischer Gemeinden (VAG).
Keine Vermischung von historischen und theologischen Fragen
Davor und danach hat es viele weitere Abspaltungen aus dieser Linie gegeben, so dass das Netzwerk heute von insgesamt über 100 Spaltungen ausgeht. Hintergrund dieser Spaltungen waren sowohl persönliche als auch häufig theologische Gründe. Diese theologischen Fragen seien allerdings nicht Thema des Netzwerkes, erklärt mir mein Gesprächspartner. „Uns geht es allein um eine wissenschaftlich saubere Aufarbeitung der apostolischen Geschichte.“ Wohin die Vermischung von historischen und theologischen Fragen führt, hätte der NAK-Infoabend vom 4.12.2007 mit dem Vortrag von Apostel Drave ja eindrücklich gezeigt. Eine Zusammenarbeit mit der NAK lehnt das Netzwerk trotzdem nicht ab. Allerdings „solange die Gebietskirchen zwar Archive, aber keinen Katalog in den Archiven haben, bleibt die wissenschaftliche Forschung schwierig.“
Gespräche mit allen
Wie auch immer. Hier und jetzt will sich das Netzwerk präsentieren, wie es der neuapostolische Moderator bei der nachfolgenden Diskussion ausdrückt: Auch die apostolische Bewegung auf dem Ökumenischen Kirchentag repräsentieren. Das scheint gelungen. Immerhin erscheinen an den vier Tagen des Kirchentages neben den Vertretern der VAG und der NAK, die die Arbeit des Netzwerkes ohnehin unterstützen auch Vertreter der EKD, Pastor Friedrich Strauß aus Gehrden, RKK, Juniorprofessorin Dr. Brigitta Kleinschwärzer-Meister aus München und für die Evangelische Zentrale für Weltanschauungsfragen (EZW), Dr. Michael Utsch aus Berlin, sowie Dr. Albrecht Schröter, (ev. Pastor und Kenner der KAG).
Klare Ansagen
Die Podiumsgespräche zu den Themen "Amts- und Sakramentsverständnis", "praktizierte Ökumene vor Ort" und "NAK und Ökumene", erwiesen sich als wichtige Wegmarken im Prozess der apostolischen Bewegung. Man redet öffentlich miteinander und alleine diesen Dialog ermöglicht zu haben, ist ein durchaus anerkennenswertes Verdienst des Netzwerkes. Dr. Reinhard Kiefer, NAKI, Heilsnotwendige Apostel: „Daran gibt es nichts zu entschärfen!“
Der theologische Berater der Kirchenleitung der NAK, Priester Dr. Reinhard Kiefer, nutzte die Gelegenheit dann anscheinend auch gleich, um die neusten Festlegungen im erwarteten Katechismus anzudeuten. Er erklärte bei der Diskussion über das Amtsverständnis der Kirchen (zu hören bei Netzwerk Apostolische Geschichte downloads ) die NAK-Apostel als heilsnotwendig: „Daran gibt es nichts zu entschärfen!“ Der Glaube an die Apostel sei „konstitutiv für das eschatologische Heil.“- „Das ist der apostolische Mehrwert,“ meinte Dr. Kiefer, um dann auch die neuapostolische Versiegelung „als Zeichen eines neuen Seins vor Gott“ heraus zu stellen. Auch das Stammapostel-Amt der NAK sei nicht nur eine „kirchen-leitende, sondern auch göttliche Einrichtung.“ Dass selbst eine wirksame Verkündigung zur Freisprache aus neuapostolischer „sakramental-theologischer“ Sicht in einer anderen Kirche nicht möglich sei, erübrigt sich hier fast zu erwähnen: Keine Sündenvergebung außerhalb der NAK und ihrer Apostel. Und weiter: „Kirche muss apostolisch geleitet sein, sonst ist sie mangelhaft. Kirche braucht Apostel.“ Ohne Apostel befänden sich alle Sakramente im „Schrumpfzustand“. Deutliche Worte.
Ein Geheimweg zum Heil „Dieser Geheimweg zum Heil“ wie Dr.Utsch von der EZW es nannte, erscheint ebenso spekulativ wie anmaßend. Deswegen wurde dem Chef-Theologen der NAKI auch von evangelischer Seite heftig widersprochen. Zwei Sakramente - Pastor Friedrich Strauß (ev) erklärt die beiden biblischen Sakramente (Bei der Taufe wird Heiliger Geist empfangen und das Abendmahl wird zum Gedächtnis an Jesu Leben und Sterben (Sündenvergebung) gefeiert)
Manchem Besucher erschien es „reichlich paradox, warum man mit dieser extrem exklusiven Haltung ausgerechnet auf einen ökumenischen Kirchentag will.“ Und warum bei diesem selbstgerechten Universalanspruch der neuapostolischen Apostel ausgerechnet ein aus amtshierarchischer Sicht nur ein „einfacher Priester“ der NAK erklärt, was die Apostel der NAK in Zukunft denken werden, blieb offen. Vielleicht sind noch nicht alle Apostel informiert?
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